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Zeitgenössisches Theater

Eine Quote für neue Dramatik!

Von Friederike Emmerling, Oliver Franke, Stefanie von Lieven, Barbara Neu, Bettina Walther
 - 22:14
Zeitgenössisches Theater gehört auf die große Bühne – wie die des Staatstheaters Wiesbaden

Das Drama bebt und erschüttert immer wieder das Verhältnis von Autor und Regie. Und nicht nur das. Auch die Gräben zwischen Postdramatik und „Well-made Play“ sind tief. Textflächen werden gegen das Dialogische ins Feld geführt. Intellekt gegen Emotion, Diskurs gegen Erzählung. Innerhalb der Dramatik geht es absurderweise immer wieder um Abgrenzung. Dabei schöpft gerade die Dramatik ihren Reichtum aus der Vielfalt der Formen. Während in der F.A.Z.-Serie „Spielplan-Änderung“ der Blick auf vergessene Theaterstücke gelenkt wird, die wieder gespielt werden sollen, wird zeitgenössische Dramatik kaum noch gelesen.

Dabei passen Umfang und Form eigentlich perfekt in unsere Hocheffizienzgesellschaft. Theaterstücke erinnern in ihrer Geschlossenheit an Kurzgeschichten, in ihrer Komplexität an Romane, in ihrer Sprache an Lyrik und in ihrer politischen Dichte an Essays. Das Drama ist nicht weniger als ein literarisches Gesamtkunstkonzentrat. Und trotzdem ist es immer seltener in einer Buchhandlung zu finden. Weil kaum noch jemand Dramatik liest und kaum noch ein Verlag sie druckt. Das Drama lebt aber trotzdem – jenseits der Bücher. Und zwar als fleischgewordene Sprache im Theater. Dramatik und Theater sind nicht voneinander zu trennen. Das Drama wird ausschließlich für das Theater geschrieben. Dramatik ist nicht linear, sie lässt die Sprache mit dem Körper kollidieren. Sie braucht den Widerstand und denkt ihn mit. Sie kann im Entstehen nur ahnen und niemals wissen, was passiert, wenn ihr Text auf Körper trifft.

Ist zeitgenössische Dramatik zu komplexeren Erzählungen nicht in der Lage?

Die Digitalisierung nimmt gerade Dimensionen an, die unsere Vorstellungskraft schneller übertreffen, als wir der Wirklichkeit folgen können. Das Lesen von Büchern nimmt ab, das Hören und Sehen bewegter Bilder zu. Austausch findet primär über glatte Displays statt. Die Sehnsucht nach physischer Gemeinschaft wächst. Auf einmal hat die Dramatik ihren Schwestergattungen eindeutig etwas voraus: Sie wird geschrieben, um gesprochen, gehört und gesehen zu werden. Sie hat schon immer – wie die Religion und der Sport – das gemeinschaftliche Erleben zum Kern ihrer Identität gemacht. Die Sehnsucht nach Echtheit wächst mit dem Fortschreiten digitaler Kunstwelten. Trotzdem hat die zeitgenössische Dramatik derzeit keinen leichten Stand. Selbst an den Theatern nicht. Das klassische Drama wird als altmodisch wahrgenommen, die Postdramatik löst sich zunehmend im Performativen auf. Stadtteilprojekte, Recherchen, Bürgerbühnen und offene Formate reagieren schneller und politischer. Die Regie schreibt immer öfter selbst den Text. Das Vertrauen in das Miteinander von Regie und Dramatik schwindet.

Dabei gibt es beim Publikum eine große Sehnsucht nach Erzählungen. Nach tragischen Konflikten. Nach Gesprächskatalysatoren. Doch absurderweise wird danach nicht primär in der Dramatik gesucht, sondern im Roman. Ist zeitgenössische Dramatik zu komplexeren Erzählungen nicht in der Lage? Es wirkt fast so, wenn man die Spielpläne der Theater betrachtet. Dabei ist das ein Missverständnis. Weil die neue Dramatik natürlich in der Lage ist, große Erzählbögen zu schlagen. Sie wurde aber schon sehr lange nicht mehr dazu aufgefordert. Fast jede Uraufführung der letzten zehn Jahre fand auf kleinstmöglichen Bühnen statt. Irgendwann, nach vielzähligen Strichfassungen, schrieben die beengten Bühnenverhältnisse und minimalen Figurentableaus sich von selbst mit in die neuen Stücke rein. Dadurch entstanden zahlreiche „kleine“ Theaterstücke. Zwei bis vier Personen.

So zahlreich, dass landauf, landab Stücke zur Uraufführung gebracht wurden. Schon quantitativ hätten sie niemals nachgespielt werden können. Das Label Uraufführung schien irgendwann wichtiger als die Qualität. Aus neu wurde alt, sobald es in der Ankündigung stand. Die Folge war enthemmte Überproduktion. Die Theaterlandschaft wurde mit Theaterstücken überschwemmt, die beliebig wurden. Daran waren auch die Theaterverlage nicht unschuldig. Die Nachfrage bestimmte den Markt. Es regnete Auftragsarbeiten. Mittendrin entstanden große Texte, viel zu oft überflutet von einer mächtigen Welle der Austauschbarkeit. Die breit angelegte Autorenförderung bedachte zu spät, dass erst das Nachspiel nachhaltig ist. Erst das wiederholte Nachspielen eines Stückes gibt den Autorinnen Zeit und Raum und finanzielle Sicherheit für das Schaffen neuer Werke. In den letzten Jahren zeigten einige Theater mit erfolgreichen Inszenierungen, wie groß die Durchschlagskraft von zeitgenössischer Dramatik im Nachspiel sein kann. Auch die Theaterverlage sehen sich zunehmend aufgefordert, auf das Nachspiel bereits existierender Stücke zu dringen, bevor die nächste Auftragsarbeit verabredet wird. Der Fokus muss weg von klein und fein. Für die großen Bühnen muss geschrieben werden.

Wer, wenn nicht die Theater, können einen professionellen Begleitschutz dafür bieten?

Solange das aber den wenigsten Dramatikern zugetraut wird, nimmt die Zahl der Bühnenadaptionen von Roman- und Filmstoffen kontinuierlich zu. Sie bieten praktischerweise genau das, was der zeitgenössischen Dramatik gerade abgesprochen wird: die große Erzählung. Die nichtdramatische Form wird gerne auch deshalb in Kauf genommen, weil Romaninszenierungen zu publikumsgenerierenden Wiedererkennungseffekten führen. Titel, die auf Bestsellerlisten vorkommen, sind einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Theaterstücke kommen – wenn überhaupt – nur noch als hochspezialisierte Nischengattung auf dem Buchmarkt vor. Der Glamourfaktor ist gering. Und das macht sie offenbar auch für das Theater zunehmend unattraktiv. Dabei müsste doch gerade dem Theater daran gelegen sein, die zeitgenössische Dramatik wieder groß zu machen. Und ein breites Publikum mit seiner vielschichtigen Schönheit vertraut machen. Wie sollte sich das Theater von der Dramatik jemals distanzieren können? Sie ist sein Bestandteil. Seine Sprache. Immer.

Neue Dramatik kostet, erschwert die Auslastung und kann in der Auseinandersetzung von Text, Autor und Theater mühsam sein. Viele Theater versuchen Risiko und Mehrwert zu verbinden, indem sie die neue Dramatik auf kleinen Bühnen einem vorsichtigen Praxistest unterziehen. Aber die neue Dramatik steckt im Hamsterrad, wenn immer nur die Absicherung im Auge behalten wird. Sie wird abgegrenzt und in winzigen Boxen, Kammern, Kellern oder Speichern gezeigt. Kleine Schatzkammern neuer Dramatik. Tun nicht weh, wenn sie scheitern, und erfreuen in Maßen, wenn sie gelingen. Zum Berliner Theatertreffen werden die zehn besten Inszenierungen des Jahres eingeladen. In seltenen Fällen befinden sich Inszenierungen von Frauen darunter. Noch seltener übrigens Inszenierungen zeitgenössischer Dramatik.

Für 2020 und 2021 wurde eine Frauenquote eingeführt. Das ist umstritten, aber sinnvoll. Prozesse verändern sich offenbar nur, wenn selbsterhaltender Handlungsbedarf besteht. Auch hinsichtlich der neuen Dramatik wäre es Zeit für eine Quote. Mindestens die Hälfte der Stücke auf großen Bühnen müsste zeitgenössisch sein. Damit würde Dramatik in Bewegung geraten. Wachsen. Nicht alles würde gelingen, aber der Weg wäre eingeschlagen. Neue Dramatik wurde in den letzten Jahren oftmals zu klein gedacht. Das muss sich ändern. Wer, wenn nicht die Theater, können einen professionellen Begleitschutz dafür bieten? Schon die jüngsten Dramatiker sollten ermutigt werden, das Große von Beginn an vor Augen zu haben. Wir brauchen sie so dringend, die Stücke, die Rollen für alle bieten, die gesellschaftliche Umbrüche mitdenken und sich in unsere Zeit einschreiben. Stücke, in denen es um Menschen und nicht um Geschlechter geht. In denen Sprache gesprochen wird, wie wir sie uns nicht hätten denken lassen, und die von vielen, vielen Menschen an vielen Theater gesehen werden kann. Der Weg zum breitenwirksamen Lesedrama mag noch so steinig sein. Wir gehen und diskutieren unbeirrt. Denn über allem schwebt das freudige Wissen, dass das Drama lebt.

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Nachwort von Dramatische Rundschau 01 – einer Neuauflage der bisher bei FISCHER Taschenbuch erschienenen Anthologie Theater Theater – die am 27. November 2019 zum ersten Mal unter dem neuen Titel erscheinen wird.

Quelle: F.A.Z.
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