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Eschenbach im Gespräch

Man muss die Intimzone der Klänge erkunden

Von Gerald Felber
 - 11:54
Christoph Eschenbach

Herr Eschenbach, Sie sind Dirigent und Pianist mit jahrzehntelangen Erfahrungen. Als Solist können Sie mit Verunsicherungen bewusst arbeiten, Aber als Dirigent, der als Führungspersönlichkeit bestellt ist ...

... muss man trotzdem wissen, dass Zweifel gesund und produktiv sind. Aber natürlich muss ich das mit mir selbst ausmachen, nicht vor dem Ensemble. Wobei es einer der Vorteile meiner jetzigen fortgeschrittenen Karrierephase ist, dass ich mir den Luxus erlauben kann, nur noch Orchester und Stücke zu dirigieren, von denen ich hundertprozentig überzeugt bin. Was also die Auswahl angeht, bin ich schon ein ziemlich freier Mensch.

Wobei man mit Komponisten und Werken, die man besonders liebt, nie wirklich fertig wird?

Interpretation schließt für mich die Fähigkeit ein, sich selbst reflektieren und damit auch revidieren zu können.

Zumal sich Umfelder grundlegend wandeln können wie beispielsweise beim Vormarsch der historisch informierten Aufführungspraxis, den Sie schon als aktiver Künstler miterlebt haben.

Und sie hat mich beeinflusst! – Vor allem durch die wirklich kreativen Vertreter dieser Richtung wie Nikolaus Harnoncourt, den ich oft erleben durfte. Aber man sollte daraus kein Dogma machen – wie es auch Harnoncourt selbst nicht getan hat. Für mich wirkte er gerade dann beispielgebend, wenn er – wie mit dem Amsterdamer Concertgebouw – Orchester dirigiert hat, die auf modernen Instrumenten spielen: weil da zu hören war, dass „Klangrede“ eben keine Frage eines bestimmten Mediums, sondern eine der geistigen Haltung war.

Und wie vermittelt die sich dem Hörer?

Durchsichtigkeit und Beweglichkeit wären zwei Stichworte. Da gibt es eine sprechende Lebendigkeit auch dort, wo man vordergründig erst einmal mit riesigen Klangblöcken konfrontiert ist wie in Beethovens „Missa solemnis“. Und weil wir gerade von Beethoven sprechen, der nun in diesem Jahr noch öfter zu hören sein wird als ohnehin schon: Natürlich bleibt es, auch wenn man beispielsweise seine Symphonien schon Dutzende Male dirigiert hat, eine immerwährende Aufgabe, seine Diktion so plastisch wie möglich herauszumeißeln; natürlich darf und soll man da, um Ihre Frage aufzugreifen, auch zweifeln und neu ansetzen. Aber auf dem Weg dahin hat mir nicht erst Harnoncourt geholfen; als ich seinen Ausführungen über die Klangrede begegnete, dachte ich sofort an George Szell, meinen großartigen frühen Mentor: Da war dieses unerbittliche Feilen an Phrasierung und Diktion schon genauso da, ohne dass er das auf diesen konkreten Begriff gebracht hätte. Also noch einmal: Es geht nicht zuerst um Äußerlichkeiten und Formalien, sondern um Inhalte.

Wobei Ihnen Ihre pianistischen Erfahrungen als Kammermusiker und Liedbegleiter zugutekommen?

Natürlich. Was einem gerade die Arbeit mit Sängern – früher beispielsweise Dietrich Fischer-Dieskau, aktuell vor allem Matthias Goerne – in Sachen Artikulation und Phrasierung beibringen kann, bleibt unausschöpflich; und das gegenseitige Aufnehmen der Impulse und Ausstrahlungen der Partner, das gemeinsame Erschließen der Intimzonen von Klanglichkeit hier wie in der kammermusikalischen Arbeit sind Erfahrungen, die sich auch in der Orchesterarbeit wunderbar verwerten lassen.

Die Oper als komplexeste Form der Musikvermittlung dagegen kommt bei Ihnen eher episodisch vor.

Eben wegen dieser Komplexität. Da gibt es so viele mitwirkende Parteien, Interessen, und die Erarbeitung kostet so viel Zeit, dass hier wirklich alle Komponenten stimmig sein müssen, ehe ich mich darauf einlasse. Aber wenn, dann können daraus nachhaltige Erlebnisse werden – wie beim Pariser Wagner- „Ring“ mit Robert Wilson von 2006. Da war ganz wichtig, dass für diese Inszenierung „mein“ Orchestre de Paris verpflichtet wurde, dessen Chefdirigent ich damals war.

Nach Chefpositionen auf beiden Seiten des Atlantiks – Paris war nur eine von etlichen Stationen – haben Sie sich nun beim Berliner Konzerthausorchester, an der Schwelle des neunten Lebensjahrzehnts, noch einmal einer solchen Verantwortung gestellt.

Ja, für drei Jahre. Das ist natürlich eine Art Zeitraffer, aber inzwischen, wo in unserer Zusammenarbeit wirklich „Feuer und Flamme“ zu spüren sind, bin ich sehr zuversichtlich, dass da viel Schönes passieren kann. Wichtig war mir, dass wir auch für diesen kurzen Zeitraum zyklisch arbeiten: in dieser Saison erst einmal mit den großen Orchesterwerken von Brahms, aber dann auch Schostakowitsch und später vielleicht Sibelius – nicht unbedingt in einem enzyklopädischen Sinne, aber doch so, dass deutliche Akzente erkennbar sind. Gerade bei diesen beiden Komponisten hat das Ensemble noch von Kurt Sanderling her eine tief verankerte Tradition, während sie für mich eher späte Entdeckungen waren; das kann interessant werden und muss sich auch nicht auf die jetzt fixierten drei Jahre beschränken.

Zu Ihrem achtzigsten Geburtstag gibt es ein sechstägiges Eschenbach-Festival, bei dem Sie fast jeden Tag auch als Aktiver gefordert sind.

Mehr, als ich mir selbst vorgestellt hätte. Aber ich lasse mich da gern „in Gebrauch nehmen“.

Wobei schon seit Ihrem Amtsantritt große Worte fallen. Einer der Konzerthaus-Musiker gebraucht für Ihre Arbeit die Wendung „heilige Introvertiertheit“.

Na ja, „heilig“ – da erschrickt man natürlich auch etwas. Doch mit der Introvertiertheit fühle ich mich schon sehr gut verstanden, weil sie mir wirklich wichtig ist: als ein In-sich-Gehen, einen Aggregatzustand, in dem ich nicht nur agiere, sondern mich im Dirigieren auch hörend öffne – und dann natürlich für diese Versenkung und aus ihr heraus die Gesten finden muss, um sie für die Musiker und Hörer glaubhaft zu übersetzen.

Quelle: F.A.Z.
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