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Staatsballett Hannover

Jede Bewegung spricht mit uns

Von Alexandra Albrecht
Aktualisiert am 26.02.2020
 - 22:18
Hans van Manen stiehlt mit „Concertante“ seinen jüngeren Kollegen Marco Goecke und Emrecan Tanis die Schau.
Die Anmut des Alters: Bei den „3 Generationen“ im Staatsballett Hannover ist ausgerechnet Hans van Manen der Frischeste der drei Choreographen.

War die ältere Schwester nicht zu Hause, schlich der junge Marco Goecke in ihr Zimmer, um ihre Schallplatten zu hören. Die Musik, die einem in der Jugend alles bedeutet, weil sie einen Resonanzraum für die noch unbestimmten Sehnsüchte eröffnet, begleitet uns in der Regel das ganze Leben, auch wenn der Geschmack sich später ändert und das Repertoire sich erweitert. Für den Choreographen Marco Goecke sind diese frühen Erlebnisse ein Fundus seines Schaffens. Zu vier Songs von Kate Bush schuf er nun für das Staatsballett Hannover das Stück „Kiss a Crow“, Teil des dreiteiligen Abends „3 Generationen“, der zudem ein Werk des berühmten Kollegen Hans van Manen und des jungen Choreographen Emrecan Tanis enthielt.

Der Hannoveraner Ballettdirektor hat nicht die großen Hits Kate Bushs ausgewählt, die noch immer im Radio gespielt werden, nicht „Wuthering Heights“, „Babooshka“ und „Running up That Hill“, stattdessen unter anderen „Get Out of My House“, das mit seinen schrillen Schreien die hypernervösen Gestalten aus dem Narrenturm Goeckes anlockt. Selbst zu dem relaxten „And Dream of Sheep Snowflake“ von dem wunderbaren Album „50 Words for Snow“, das erst erschien, als Marco Goecke schon groß war, hetzen und hecheln die Tänzer um ihr Leben, zucken mit dem Oberkörper und vergeuden ihre Energie in den vielen schnellen, kleinteiligen Armbewegungen.

Diese eigenwillige und technisch virtuose Tanzsprache spiegelt unsere Zeit deutlich wider, denn die ruhelosen und getriebenen Figuren bemühen sich zwar ständig um eine gute Performance, sie sind dabei aber so sehr von sich entfremdet, dass sie die Kontrolle über ihren Körper und ihre Bewegungen verloren haben und sich in einer Schleife aus Übersprungshandlungen befinden. Und doch gelingt es einigen ab und an, mit dem Partner oder allein, sich von den Zwängen zu befreien und sich mehr auf das Sein als den Schein zu konzentrieren.

Kate Bush auf Youtube

Wie sehr sich die Tanzsprache im Pop in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, zeigen die alten Videos von Kate Bush auf Youtube. Was ihre Fans damals beeindruckte, wirkt heute stellenweise nur noch rührend und geradezu unprofessionell, etwa ihre Sprünge durch die Heide im Video zu „Wuthering Heights“. Damals gab es noch keine Selfies, kein Instagram, keine dauernde Selbstdarstellung. Jugendliche machten vor dem Spiegel ihre Stars nach, sangen dazu beseelt ihre Lieblingslieder. Diese Naivität und Unschuld blitzen bei Goecke nur stellenweise durch, wenn ein Mann sich allein in der Musik verliert und als sexuelles Wesen entdeckt. Ansonsten klafft eine große Lücke zwischen dem Lebensgefühl der Achtziger und der Tanzsprache von heute.

Dagegen hat Hans van Manen mit Concertante zu Frank Martins „Petite Symphonie Concertante“ (1944) ein perfektes Zusammenspiel von Musik und Tanz geschaffen. Vier Paare deklinieren die verschiedenen Momente der Liebe durch, Verführung und Hingabe, Anziehung und Rückzug, Vertrautheit und Fremdsein, ganz klar erzählt, allein durch Bewegung und in völliger Übereinstimmung mit der Musik, die dem Score eines Krimis gleicht. Eigentlich wie immer bei van Manen ist auch dieses Werk an Eleganz nicht zu überbieten, nirgendwo stört Zierrart, trotz vieler schneller und schwieriger Drehungen beeindruckt alles mit bezaubernder Schlichtheit, formvollendet und kühl, aber nicht seelenlos.

Jede Bewegung spricht zu uns und spricht mit der Musik. Als am Ende die acht Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne den Applaus entgegennehmen, kann man es kaum glauben, dass dieses kleine Ensemble so viel Leben auf die Bühne gebracht hat. Dass Hans van Manen dem jüngeren Kollegen ein Werk anvertraut, ist ein großes Privileg für Marco Goecke und seine Compagnie, die es mit unangestrengter Lebendigkeit umsetzte. Und eine Freude für Ballettfreunde im Norden, die nun hoffentlich noch weitere Stücke des Meisters zu sehen bekommen.

Sehr viel theatraler und mit weitaus mehr technischem Aufwand entwickelte der türkische Nachwuchschoreograph Emrecan Tanis sein Stück „Rise“, das von der Verführungskraft eines charismatischen Anführers erzählen sollte. Die Figur blieb blass, der Tanz hatte in einer Szene Kraft, als sich eine Gruppe durch die synchrone Wiederholung martialisch anmutender Gesten bildete. Anders als Hofesh Shechter, der in „Political Mother“ die Anfälligkeit des Menschen für allerlei selbsternannte Anführer anschaulich dargestellt hat, bleibt Emrecan Tanis sehr im Ungefähren stecken.

Ein Abend, drei Generationen: Ausgerechnet das Werk des Ältesten wirkt am frischesten.

Quelle: F.A.Z.
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