Putins Freunde

Unterstützt er die Politik Russlands?

Von Wiebke Hüster
31.03.2022
, 11:43
Igor Zelensky
Der Direktor des Bayerischen Staatsballetts Igor Zelensky wurde zu seiner Nebentätigkeit für Russlands Nationalen Kulturerbefonds befragt. Über die Antworten wird geschwiegen. Doch die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Aufklärung.
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Anfang März lief das Ultimatum ab, das die Stadt München Valery Gergiev gestellt hatte. Da er sich nicht öffentlich von Putins Krieg distanzieren mochte, wurde befunden, sollte er keine künstlerische Leitungsfunktion mehr innehaben. Bereits in Bezug auf Gergiev ließ sich München mehr Zeit als andere europäische Städte. Noch mehr Zeit lässt sich ihr Ministerium für Wissenschaft und Kunst in einem vergleichbaren Fall. Der Direktor des Bayerischen Staatsballetts seit 2017, Igor Zelensky, wurde nach Auskunft des Ministeriums einbestellt, um Fragen zu seiner aktuellen Nebentätigkeit für Russlands Nationalen Kulturerbefonds zu beantworten. Die Putin nahestehende Stiftung betreibt die Errichtung von vier Kulturzentren, eines von ihnen liegt auf der Krim. Der Einbestellung wurde Folge geleistet. Das ist seit dem 11. März die einzige Auskunft des Ministeriums. Auch der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Serge Dorny, ließ mitteilen, es seien zwar Gespräche mit Igor Zelensky geführt worden, es gebe aber nichts mitzuteilen, und man werde es mitteilen, wenn es etwas mitzuteilen gebe.

Man könnte sagen, Nicht-Mitteilen ist das neue Mitteilen. Staatliche und städtische oder vom Land finanzierte Institutionen und ihre Exponenten schweigen oder lassen schweigen. Was in München jetzt zum Auftakt der Ballettwoche am meisten Staunen hervorrufen konnte, war die Begründung des weltberühmten klassischen Choreographen Alexei Ratmansky, der in der Ukraine Freunde, Familie und seine beruflichen Wurzeln hat, warum er trotz des Schweigens von Zelensky jetzt dem Bayerischen Staatsballett sein 2014 geschaffenes Ballett „Bilder einer Ausstellung“ (letztes Bild: „Das Tor von Kiew“) anvertraute und die Einstudierung in der letzten Woche vor der Premiere selbst leitete. Er erklärte gegenüber dieser Zeitung, er werde bei der Premiere die letzte Projektion auf den Aushang in die Farben der Ukraine verwandeln und selbst bei der Verbeugung die ukrainische Flagge schwenken. Dies hatte er zuletzt in San Francisco mit überwältigender Zu­stimmung getan.

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Da die gesamte Staatsoper sich auf der Website des Hauses namentlich solidarisch zeige (auch in der Liste fehlt Zelensky) und Deutschland an der Seite der Ukraine stehe – wiewohl das Land zu wenig tue –, könne er in München arbeiten und müsse nicht wie in Moskau und Sankt Petersburg abreisen oder gar nicht erst erscheinen. Zelensky, so darf man das verstehen, spielt also am eigenen Haus keine Rolle. Ratmansky kommt gern nach München, da er hervorragend mit Ballettmeistern und Tänzern zusammenarbeitet. Den Tänzern hat das auch insofern Ruhe geschenkt, als einige russische unter ihnen nach Gergievs Kündigung Angst hatten, sie müssten gehen. Was nicht der Fall ist.

Wie und wann aber werden die Verantwortlichen Zelenskys Fall entscheiden? Ein monströser Bildband, der vergangenes Jahr bei dem Kölner Verlag teNeues erschienen ist und den Ballett-Star Sergej Polunin feiert („Sergei Polunin. Free. A Life in Images and Words), bringt vielleicht ins Nachdenken. Polunin bedankt sich darin überschwänglich bei seinem „Mentor“ Zelensky und zeigt, wem er sich verpflichtet fühlt, auch durch ein Foto seiner Tätowierungen: Putin auf der Brust, Zelensky auf dem Oberarm. Verläuft nicht genau da die Grenze? Polunin hat sich mit einer Operation an der Achillessehne für 2022 aus dem Verkehr gezogen, sodass er keine Absagen einstecken muss. Zelensky ist beim Freistaat Bayern angestellt, die Öffentlichkeit hat das Recht zu wissen, ob er einen verbrecherischen Krieg unterstützt oder zu Unrecht auf Polunins Arm neben Putin prangt.

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Quelle: F.A.Z.
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