Rachmaninows Schweizer Villa

Wo der Geist atmen kann

Von Jan Brachmann
04.08.2021
, 22:27
Villa Senar, von Süden gesehen
Am Vierwaldstätter See liegt die Villa, die Sergej Rachmaninow sich 1933 bauen ließ. Sie ist ein Denkmal des Bauhaus-Stils. Noch ist sie für die Öffentlichkeit geschlossen. Aber zaghaft öffnet die Schatzkammer sich.

Noch kannte sich die Erinnerung in dieser Heimat nicht aus. Sergej Rachmaninow war hier nie zuvor gewesen. Und doch muss er etwas Vertrautes gesehen haben, etwas, das ihn sagen ließ: „Hier ist es gut“ – wie in einem seiner Lieder, das die Stille besingt, in der „nur Gott und ich“ sind „und du, mein Traum“.

War es der Anblick des Pilatusmassivs, das sich nirgends so mächtig zeigt wie hier, von Hertenstein aus, quer über den Vierwaldstätter See? Eine himmelwärts gerichtete Erhabenheit, gleichsam die in die Höhe gereckte Weite des Landes rund um sein verlorenes Gut Iwanowka? „Ich kaufe“, soll er leise gesagt haben, an diesem Septembertag des Jahres 1930, als er auf dem Grundstück gestanden hatte: zwanzigtausend Quadratmeter Land direkt am Seeufer, zu Füßen des Rigi-Massivs.

Dreizehn Jahre Exil lagen hinter ihm, seiner Frau und den beiden Töchtern, nachdem sie im Dezember 1917 Russland verlassen hatten, rasend hellsichtig geworden, dass sie keine Zukunft mehr haben würden unter dem neuen Regime. Seit November 1918 wohnten sie in den Vereinigten Staaten, verbrachten die Sommer teils in Deutschland, teils in Frankreich, wenn er, der bestbezahlte Pianist der Welt, keine Konzerte geben musste. Nur zum Komponieren kam Rachmaninow – mit Ausnahme des vierten Klavierkonzerts – nicht mehr. Das Exil war ihm zur Last geworden: „Es ist das Bewusstsein, dass ich keine Heimat habe. Die ganze Welt steht mir offen, nur ein Platz ist mir verschlossen, und das ist mein eigenes Land, Russland“, gestand er der Musical Times.

Blick von Hertenstein über den Vierwaldstätter See zum Pilatusmassiv
Blick von Hertenstein über den Vierwaldstätter See zum Pilatusmassiv Bild: Jan Brachmann

Anders als Sergej Prokofjew, der Stalin vor lauter Heimweh auf den Leim ging, beugte sich Rachmaninow nicht. Die Bolschewiki blieben für ihn Verbrecher. Vier Monate nach dem Kaufvertrag in der Schweiz unterzeichnete er in der New York Times vom 15. Januar 1931 eine Protestnote gegen die Glorifizierung der Sowjetunion durch Intellektuelle wie Rabindranath Tagore, die sich seiner Meinung nach vor den Karren der Propaganda hatten spannen lassen, um „die Schrecken des Sowjetstaates“ zu vertuschen. Für Rachmaninow stand „ganz Russland unter dem schrecklichen Joch einer zahlenmäßig verschwindenden, aber perfekt organisierten Bande von Kommunisten“, die „mit den Mitteln des roten Terrors dem russischen Volk ihre Missherrschaft“ aufzwinge. Am 20. März 1931 schloss er sich in der New York Herald Tribune dem Aufruf von 210 Exilrussen an, die die amerikanische Regierung zu einem strengen Handelsboykott gegen die UdSSR aufforderten, just in der Zeit, da George Bernard Shaw zur Kreml-Nachtigall mutierte und das Lob der stalinistischen Säuberungspolitik in die Welt flötete.

Es gab wenige Künstler von dieser Unbestechlichkeit und diesem Widerstandsgeist wie Rachmaninow. Lange vor den Büchern von Anne Applebaum hatte er versucht, dem Westen die Wahrheit über Stalin zu sagen, doch der Westen wollte sie nicht hören.

Der Preis dieser Kompromisslosigkeit war das Versiegen der Kreativität. Ohne den Bezug zu Russland konnte der enge Freund Tschechows, der Experte in orthodoxer Glockenpolyphonie, der passionierte Landwirt (der als einer der Ersten in Russland den Traktor eingeführt hatte) nicht schreiben. Aber: „Komposition ist ein wesentlicher Teil meiner Existenz wie Atmen und Essen. Es ist eine der notwendigen Lebensfunktionen“, bekannte er Ende 1941 in seinem letzten Presseinterview. Er muss geradezu erstickt sein, wenn er nach 1917 kaum hatte Musik schaffen können.

Eine Villa im Bauhausstil

Mit dem Kauf des Grundstücks in der Schweiz änderte sich alles. „Hier gibt es eben gerade diese Stille und Ruhe, derer ich so bedarf“, schrieb er schon ganz früh. Rachmaninow ließ das alte Chalet abreißen und einen Teil des Uferfelsens – von den Einheimischen „Gibraltar“ genannt – wegsprengen. Dann beauftragte er die Luzerner Architekten Alfred Möri und Karl-Friedrich Krebs, ihm ein Gärtnerhaus und eine große Villa im Stil des „Neuen Bauens“, wie man die Bauhaus-Bewegung in der Schweiz nannte, zu entwerfen. Beide hatten damit kaum Erfahrung. Wer das Luzerner Hotel Montana kennt, weiß dass sie ursprünglich einem üppig gekurvten Stil anhingen, der die Dekorlust der Belle Époque für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu retten gesucht hatte. So etwas wollte Rachmaninow nicht. Er suchte Geradlinigkeit, Licht, Funktionalität.

Arbeitszimmer mit Rachmaninows Flügel
Arbeitszimmer mit Rachmaninows Flügel Bild: Jan Brachmann

Schon Ende Juli 1931 war das Gärtnerhaus fertig. Rachmaninow zog ein, um die Bauarbeiten zur Villa und das Anlegen des Parks zu koordinieren. Der Verlauf der Wege und die Bepflanzung – alles folgte seinen Vorstellungen. Er selbst legte mit Hand an: Auf Fotos sieht man ihn – im Anzug mit Knickerbockern und Lederhandschuhen – Holz sägen. Der Anzug hängt noch heute in der Villa. Die knielangen Hosen reichen einem Mann von einem Meter achtzig bis zu den Knöcheln. Rachmaninow war – auch körperlich – ein Riese. Drei Jahre später war die Villa fertig: ein zweigeschossiger Bau mit Flachdach, das als Terrasse dienen konnte, getrennte Eingänge und Treppenhäuser für Herrschaft und Personal (da blieben die Rachmaninows aller Liberalität zum Trotz ganz der alte Adel, der sie waren), als seitliche Apsis das tiefergelegte Studio mit Panoramafenster zum See, darin ein Steinway-Flügel, dem Pianisten zum sechzigsten Geburtstag 1933 als Sonderanfertigung geschenkt, länger als das längste Standardmodell, um sattere Bässe zu bekommen. Die erste Musik, die Rachmaninow am Morgen, nachdem das Instrument geliefert worden war, darauf spielte, war die Hymne „Gott schütze den Zaren“. Die Villa und das Anwesen taufte er „Senar“ – ein Akronym aus seinem Namen und dem ­seiner Frau: Sergej und Natalja Rach­maninow.

Der Kreativitätsschub war enorm. Auf Senar entstanden in kurzer Folge die Corelli-Variationen für Klavier solo und die Paganini-Rhapsodie für Klavier und Orchester, ein Werk, das noch Béla Bartók und Witold Lutosławski als zukunfts­weisend und maßstabsetzend für ihr eigenes Arbeiten bewunderten, schließlich die dritte Symphonie, Rachmaninows letzte in Europa geschriebene Musik. Am 11. August 1939 hatte er mit einem Konzert bei den Luzerner Musikfestwochen noch das Festivalprojekt von Arturo Toscanini, dem Schwiegervater seines Schützlings Vladimir Horowitz, unterstützt. Am 23. August 1939, dem Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, verließ Rachmaninow Senar für immer.

Nach dem Krieg wohnte seine Tochter Tatjana Konjus hier. Ihrem Sohn Alexander, der später den Namen „Rachmaninoff“ annahm, gehörte Senar bis zu dessen Tod 2012. Nachdem die Witwe ein groß­zügiges Erbe erhalten hat, müssen nun auch die Kinder gleichwertig ausbezahlt werden. Dazu wären Haus und Grundstück zu verkaufen. Die Rachmaninoff Foundation in der Schweiz und das Rachmaninoff Network in Amsterdam setzen alles daran, das Anwesen und das mobile Inventar zu bewahren.

Alles steht unter Denkmalschutz

Urs Ziswiler, früher Botschafter der Schweiz in den Vereinigten Staaten, heute Präsident der Rachmaninoff Foundation, gewährt uns das Privileg des Eintritts in die Villa, die für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglich ist. In den Schränken stehen noch das Geschirr und das Silberbesteck der Rachmaninows mit eingravierten Initialen des Hausherrn. Sein Flügel ist in bestem Zustand, satt und klar zugleich im Klang. Michail Pletnjow und Daniil Trifonov kamen schon hierher, um darauf zu spielen. Grigori Sokolow, der alle Seriennummern von Steinway kennt, soll unters Instrument gekrochen sein und es dann auf 1928 datiert haben.

Es ist der Stiftung gelungen, Haus und Park unter Denkmalschutz zu stellen. Die Mobilia wurden inventarisiert, zweihundertfünfzig Bücher und fünfhundert Fotografien aus dem Familiennachlass sind auch schon digitalisiert worden. Ein vir­tueller Rundgang fürs Internet wird gerade erarbeitet. Im Haus lagern viele Briefe und Telegramme, dazu Amateurfilme, die einen ganz anderen als den schwermütigen Rachmaninow zeigen: einen lachenden Mann, der im Spiel und im Gespräch mit seiner Familie aufging, hier sichtbar glücklich war und – so wird es berichtet – hinreißend Jazz improvisierte.

Porträt von Natalja und Sergej Rachmaninow aus dem Schreibtisch der Villa Senar
Porträt von Natalja und Sergej Rachmaninow aus dem Schreibtisch der Villa Senar Bild: Jan Brachmann

Wer sich mit Urs Ziswiler unterhält, erfährt etwas von der großen Technikaffinität Rachmaninows. Mit dem Pionier der Hubschrauberkonstruktion, Igor Sikorski, war der Komponist ebenso befreundet wie mit Thomas Alva Edison; deutsche Autos der Marken Loreley und Mercedes habe er selbst bevorzugt. Im Bootshaus am Seeufer lag Rachmaninows Motorboot, das er hatte hochrüsten lassen, um in einer reichlichen Viertelstunde Luzern erreichen zu können. Auf den Notenregalen steht noch das Porträt von Iwan Bunin, dem Rachmaninow – wie vielen anderen auch – in der Not von dessen erster Exilzeit großzügig Geld geliehen hatte und der 1933, während Senar entstand, den Literaturnobelpreis erhielt.

Was wird aus Senar werden? Etwa zwanzig Millionen Schweizer Franken wären nötig, um die Erben auszuzahlen und das Haus zu sanieren. Die Urenkel Rachmaninows verzichten zwar nicht auf ihre finanziellen Ansprüche, aber sie unterstützen das Vorhaben der Stiftung, hier ein Kulturzentrum entstehen zu lassen. Ende Juni sollten in der Villa, an Rachmaninows Steinway, und im Gärtnerhaus bereits Klaviermeisterkurse mit den Pianisten Francesco Piemontesi und Oliver Schnyder stattfinden. Sie mussten ­leider kurzfristig abgesagt werden. Das gegenüberliegende Gästehaus Stella Matutina aber böte sich künftig als Herberge für Studenten geradezu an.

Senar ist ein Baudenkmal ersten Ranges für die Schweiz, zugleich ein eminenter Ort der Musikgeschichte, dessen Strahlkraft erst noch freizusetzen wäre. Neben Klavierstudenten könnten hier, wo so viele Originalquellen am Platz sind, Forscher eine Arbeitsstätte finden. Hier ließe sich zeigen, dass Rachmaninow Bürgerrecht in einer Moderne genießt, aus der ihn viele am liebsten vertrieben hätten, in einer zivilen Moderne freilich, jenseits des Weltbürgerkriegs ideologischer Avantgarden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot