Zerfallende Normen

Im Müllraum der Geschichte

Von Florian Meinel
14.09.2020
, 21:14
Am Traumapuls der Moderne: Sebastian Blomberg und Holger Stockhaus in „Reich des Todes“ von Rainald Goetz.
Legitimitätsfragen lassen sich nur geschichtsphilosophisch beantworten: Rainald Goetz‘ Normendrama „Reich des Todes“ erzählt vom Zerfall des internationalen Rechts.
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Das politische Drama verändert seine Form notwendig mit der Art von Politik, die auf die Bühne gebracht wird. Es mag entstanden sein in politischen Ordnungen, die ihre inneren Konflikte öffentlich, in einem Modus der Repräsentation zu verhandeln wussten. Einer Politik als Raum der souveränen Entscheidungen und ihrer zu verantwortenden Folgen entspricht das Königsdrama. Im politischen Drama der modernen Demokratie sind die Dinge schon komplizierter. In dem Stück „Reich des Todes“, dem ersten Bühnenwerk des Büchnerpreisträgers Rainald Goetz seit „Jeff Koons“ von 1998, dessen Uraufführung am Jahrestag des 11. September 2001 im Hamburger Schauspielhaus in der Inszenierung der Intendantin Karin Beier stattfand, wird eine solche Vorstellung von Politik als Repräsentation schon in den ersten Minuten dementiert.

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Diktatur der Realität

Es handelt von den weltpolitischen Ereignissen zwischen den Anschlägen auf die Zwillingstürme und der Veröffentlichung der Bilder aus dem amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghuraib. Goetz stellt die Geschichte aber nicht einfach dar, sondern legt sie einem beziehungsreich zusammengestellten Personal des deutschen Militarismus in die Hände, das seinerseits Bush, Cheney, Rumsfeld und Condoleezza Rice spielen darf. Die Politik, die diese Herrschaften in Begleitung der mit letzten Vorbehalten ringenden Sicherheitsberaterin machen, erklärt der Präsident gleich in der ersten Szene als „die von sich selbst belustigte Aufführung von Ernst“, die ihre Energie aus dem Hass auf die Öffentlichkeit und ihre Normen saugt und die „die Diktatur der Realität als Beleidigung erlebt“. Mit diesen Sätzen wird zugleich deutlich, dass keine vergangene Epoche verhandelt wird, sondern die Anfänge der Gegenwart, die mit dem Prager Fenstersturz von Manhattan begann. Jede politische Rede ereignet sich nur noch als Widerlegung jener Öffentlichkeit, der Vizepräsident und Kriegsminister in der düsteren Farce einer Pressekonferenz dann auch jede Illusion einer Antwort offen verweigern. In diesem Drama sind die politischen Berater und die Verwaltungsstäbe darum keine indirekten Gewalten mehr, sie sitzen anders als im Schauspiel der Souveränität nicht mehr in den Vorzimmern der Macht, sondern sind die Macht selbst, als Ensemble von Maßnahmen, Phrasen, Entscheidungen und bürokratischen Apparaten. Goetz nennt es mit der Sprache der deutschen Regierungszentrale die „Morgenlage“. Dort kann der Vizepräsident in aller Ruhe die Maxime seines ziellosen Imperialismus entwickeln: „Wir müssen in die Finsternis hinein.“

Mit den Lagebesprechungen vereinigt sich auf Johannes Schütz‘ Bühne der andere Ort, an dem keine Normen mehr gelten: das westlich von Bagdad gelegene Lager, dessen bestialischer Realismus zu Beginn des zweiten Teils auf die Spitze getrieben wird bei einem Dia-Abend des Kriegskabinetts, das Chips futternd die Originalbilder aus dem Irak betrachtet. So führt Goetz vor, wie die Zerstörung der Öffentlichkeit und ihrer Normen den dramatischen Gegensatz auf der Bühne unmöglich macht. Niemand tritt auf, der Dick Cheneys Paradigma von Politik politisch etwas entgegenzusetzen hätte. Weil nichts repräsentiert wird, gibt es keine Ambivalenz und keine Opposition. Wer das als allzu große politische Eindeutigkeit oder gar als platten Antiamerikanismus abtut, übersieht, was hier möglicherweise gerade die Pointe ist: Die Tragödie der Politik, bei der man sich noch entscheiden konnte, verwandelt sich in eine Tragödie des Rechts, die nach Urteilen verlangt. Als Normendrama erzählt „Reich des Todes“ vom Zerfall des internationalen Rechts: dem in zahlreichen Konventionen und Menschenrechtspakten niedergelegten Verbot der Folter und jeder grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung. Es ist der Vizepräsident, in dessen Rolle Sebastian Blomberg den ganzen Raum zwischen Hybris und Machtzerfall abschreitet, der nach den Anschlägen vom 11. September als einziger vorbereitet wirkt. Sein beschlussfertiger Maßnahmenkatalog zur Ausweitung exekutiver Befugnisse ist nichts anderes ist als die Aufhebung von Rechtsschranken überhaupt.

Du sollst erniedrigen

Das formale und auch ästhetische Problem einer juristischen Tragödie ist gewaltig und lässt sich nicht dadurch lösen, dass man die Entscheidung an das Publikum delegiert, wie das in den leichten Moralstücken Ferdinand von Schirachs geschieht. Die Regie von Karin Beier nimmt die Herausforderung an. Der theoretisch geschulte Chor aus dem Hades übernimmt im Laufe von mehr als vier fulminanten Stunden immer mehr die Führung. Doch erst einmal tritt Carl Schmitt auf. Im juristischen Drama des Normzerfalls darf der junge, ehrgeizige Professor nicht fehlen, der mit ihm seine Karriere betreibt. Auf der Bühne ist Schmitt zwar als Justizrat Dr. Schill auf das intellektuelle Niveau eines AfD-Rechtspolitikers reduziert und macht einer Hamburger Provinzposse zu viel Ehre. Von dem Staatsrechtler übernimmt Goetz aber das theoretische Prinzip, dass Fragen von Legalität und Legitimität nur geschichtsphilosophisch gestellt und beantwortet werden können. Der „Leviathan“, der dem zweiten Akt den Namen gibt, jenes rechtsetzende Ungeheuer, das nach Thomas Hobbes bis zum Ende der Geschichte den Menschen Sicherheit verspricht, verkündet aus dem Mund des Präsidenten, der sich zu diesem Zweck plötzlich „Fürst“ nennt, die neuen Gesetze der Qual: Du sollst befragen. Du sollst schlagen. Du sollst erniedrigen. Du sollst ertränken. Dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss bleibt da nur, dem Opfer eine Stimme zu geben, ausrichten kann er nichts. Pinsk, der kongenial von Maximilian Scheidt gespielte Privatsekretär des Vizepräsidenten, verrät, warum: Die Bürokratie der elektronischen Überwachung ersetzt Geschichte durch Dateien, Transkripte, Aufzeichnungen. Regierungsarbeit findet „in nichtöffentlicher Konstellation für die Nachwelt im Müllraum der Geschichte“ statt.

Sinfonie der Untergangspropheten: Szene aus „Reich des Todes“
Sinfonie der Untergangspropheten: Szene aus „Reich des Todes“ Bild: Arno Declair

So verwandelt sich im letzten Akt das Stück in einen Gerichtsprozess. Das völkerrechtliche Territorialitätsprinzip bleibt gewahrt, angeklagt wird nach deutschem Strafrecht, verhandelt nach „einer Art Voodoo-Prozessrecht“ am Ende der Geschichte. Damit es auch wirklich alle verstehen, ist das Prozessgeschehen mit Textzeilen der Dies-Irae-Sequenz unterlegt. Im Niemandsland aus universellen Normen, uneinsichtigen Angeklagten, stummen Opfern und einem voyeuristischen Publikum hat Carl Schmitts Chef, Oberjustizrat Dr. Kelsen, seinen großen Auftritt, der als einziger auf den Namen seines Vorbildes hört. Jenes Hans Kelsen also, der die liberale Rechtstheorie des 20. Jahrhunderts wie kein anderer erneuert und im amerikanischen Exil die theoretischen Grundlagen der Völkerrechtsordnung nach 1945 entwickelt hat. Die Falken entmachten den Verteidiger universeller Normen zu Beginn kurzerhand und lassen ihn dann eine Zeitlang noch traurige Mahnungen wie aus einem Oberseminar für Rechtsethik zum Besten geben.

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Das Theater ist kein Gericht

Im letzten Akt aber wird er an die Spitze jenes Militärgerichts befördert, das im „Camp Justice“ tagt, „einem perfekt eingerichteten Outpost der Gerechtigkeit“. Seine Prozessreden etablieren noch einmal die Möglichkeit der Normen: „Gemessen am Recht ist jeder Beifall Beifall von der falschen Seite“. Er kennt den Tatbestand: Befehlsketten, Staatsverbrechen, kleinbürgerliche Sexualmoral, Zerstörung der republikanischen Institutionen. Aber bevor er ein Urteil sprechen kann, fallen ihm Kafka und Bernhard ein und er zögert. Wie könnte heute das Urteil lauten, vor dem- wie es im mittelalterlichen Hymnus heißt - der Tod selbst erschrickt? Es ergeht durch den Hades-Chor ein Beschluss, der nur eine Gewissheit kennt: Die Sicherheit des Bestehenden muss prekär bleiben, damit sie nicht in Erstarrung zugrunde geht. Und dementiert sich dabei als gerichtlicher Beschluss selbst: „Das Theater ist kein Gericht, und wenn auf der Bühne der Satz gesagt wird, die Verhandlung ist hiermit eröffnet, muss der Aufschrei aus dem Publikum kommen: LÜGE.“ Will heißen: Die Normen, die zerfallen oder gerettet werden müssen, lassen sich nicht repräsentieren. Sie werden befolgt oder nicht.

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Quelle: F.A.Z.
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