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Zum Tod von Theo Adam

Eine Stimme voller Drama

Von Jan Brachmann
 - 19:37

Wo Theo Adam in Erscheinung trat, war er unübersehbar gewesen und unüberhörbar sowieso. Seine Gestalt mit dem majestätisch und doch fein geschnittenen Gesicht, dazu das volle, am Ende schlohweiße Haar, fielen auf und ließen staunen, wo immer er sich zeigte. Noch vor wenigen Jahren thronte er geradezu mit seiner Frau an Premierenabenden in der Mittelloge der Semperoper in Dresden. Es war seine Stadt: Hier wurde er am 1. August 1926 als Sohn eines Dekorationsmalers geboren; hier hatte er als Kind im Kreuzchor gesungen; hier ging er 1949, als die Stadt noch weitgehend in Trümmern lag, zum ersten Mal auf die Opernbühne - als Eremit im „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Und genau mit dieser Rolle hat er sich am 30. November 2006 in Dresden, achtzigjährig, auch von der Bühne verabschiedet.

Adams Repertoire war immens. Es reichte von den Kantaten und Passionen Johann Sebastian Bachs bis zu seinen eigenen komponierenden Zeitgenossen. Mit Ausdauer, vorbildlicher Genauigkeit und gestalterischer Empathie sang er moderne Partien wie den Doktor Schön und den Schigolch in „Lulu“ von Alban Berg, den Cadmos in den „Bassariden“ seines Jahrgangsgenossen Hans Werner Henze, die extrem fordernden Titelpartien in „Einstein“ von Paul Dessau und „Karl V.“ von Ernst Krenek. Den „Baal“ von Friedrich Cerha brachte er zur Uraufführung. Enges Spezialistentum war ihm fremd.

Keine achtzehn Jahre war Adam alt, als er für Hitlerdeutschland in den Krieg musste. Und ähnlich wie bei Dietrich Fischer-Dieskau hörte man auch Adam an, dass er um seine Jugend gebracht worden war. Schon in den ersten erhaltenen Aufnahmen zeigt seine Stimme Reife, klingende Spuren der Erfahrung und des Schicksals. Naivität und sich selbst vergessende Süße waren seine Sache nie. Immer wieder erstaunte die rasche Wendigkeit der Tonfälle, die Lebhaftigkeit, mit der er Rezitative in den Opern von Wolfgang Amadeus Mozart zu gestalten wusste. Für ihn war Gesang gesteigertes dramatisches Sprechen oder aber - bei Bach - Verkündigung, zumindest was die Sorgfalt gegenüber dem zu singenden Text anging.

Eleganz und Würde

Schön in einem gefälligen Sinne klang Adams Stimme selten. Aber sie behielt immer eine eigene Eleganz, eine Würde selbst in der späten Hinfälligkeit. Die Genauigkeit seiner Diktion und die Nuancierungsfähigkeit sogar bei starker Kraftanstrengung machten ihn zu einem der großen Sänger in den Partien von Richard Wagner. Bei den Bayreuther Festspielen hatte er 1952 das erste Mal gesungen, von 1963 bis 1975 sang er dort ausdauernd den Wotan im „Ring des Nibelungen“. Hans Sachs in den „Meistersingern von Nürnberg“ oder König Marke in „Tristan und Isolde“ gehörten ebenso wie der Ochs im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss zu den wichtigen Partien, die er in Wien, London oder New York sang.

Der DDR blieb er dennoch treu, gehörte über Jahrzehnte hinweg zum Ensemble der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und moderierte ab 1977 die Fernsehsendung „Theo Adam lädt ein“, die klassische Musik im Massenmedium präsentierte und sich der Förderung von Nachwuchsmusikern widmete. Als ziemlich telegene Erscheinung meisterte Adam diese Aufgabe, in der er sich mit einer ausgesprochen dresdnerischen Freude an der Repräsentation durchaus selbst gefiel, glänzend und bewahrte in einem völlig unbürgerlichen Land Reste einer großbürgerlichen Salonkultur. Das hat der Sache der Musik mehr Anerkennung als Spott eingebracht.

Die Popularität Theo Adams wie die seines neun Jahre jüngeren Kollegen Peter Schreier war in der DDR groß und nicht ohne Neid geblieben. Aber sie blieb nicht auf dieses Land beschränkt. Verehrung genoss er, der zu den Stammkünstlern der Salzburger Festspiele gehörte, weltweit.

Seit mehreren Jahren lebte der Sänger, schwer krank, zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Alte Freunde erkannte er nicht mehr. Und auch Musik fand kaum noch Zugang zu ihm. Wie seine Familie jetzt mitteilte, ist Theo Adam am Donnerstag in einem Pflegeheim in Dresden gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

Quelle: FAZ.NET
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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