C. Tangana

Sieht so der moderne Latino-Star aus?

Von Elena Witzeck
21.06.2022
, 09:36
Ungern auf Knopfdruck sinnlich: Antón Álvarez Alfaro alias C. Tangana
Video
C. Tangana ist der erfolgreichste Musiker Spaniens. Seine Karriere steht für die Herausforderungen und Zwänge in einem von Klischees bestimmten Genre.
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In irgendeinem Lockdown war es sein Video, das alle verzückte. Sie sitzen in einer Villa um einen Tisch. Antón Álvarez Alfaro, genannt C. Tangana, genannt Pucho, in etwas gekleidet, das man früher Hawaiihemd genannt hätte. In der zweiten Reihe seine Mutter und seine Tante und die anderen. Neben ihm ein Mann mit Sonnenbrille, es ist der Flamencosänger Antonio Carmona, und eine Frau mit roten Lippen: La Húngara. Die Sonne steht tief, das Licht fällt herein, auf dem Tisch eine weiße Kaffeekanne und eine Flasche Schnaps, wie bei einem Gangster-Abendmahl.

Pucho also fängt ein bisschen später als die anderen an, den Rhythmus zu klatschen, er ist der Gastgeber, er hebt den Finger, die Hand. Und der Maestro Antonio Carmona singt, dass es nicht das Geld ist, was die Freude ausmacht im Leben, sondern dass es natürlich die Menschen sind, und er lächelt dabei so süß, als gäbe es kein Arg auf dieser Welt, obwohl das Lied „Sollen sie mich doch töten“ heißt. Ein Lied, das mit den Silben spielt, mit dem kindlichen Laut „me ma“. Und Kiko Veneno, noch so ein Flamenco-Maestro, spielt Gitarre. Es ist Puchos Fest, er feiert das Zusammensein, den Genuss, das einfache Leben, seine Kultur. Er feiert seine neue Rolle.

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C. Tangana ist einer der erfolgreichsten Musiker Spaniens. Während sich in Deutschland alles zum Hip-Hop wendet, entfernt er sich von ihm, ohne ihn ganz aufzugeben. Kaum drei Jahre nach dem Beginn seiner Solokarriere hat er sich die spanische Musiktradition einverleibt, hat sie in seinem Sinne verformt. Er hat die gleichförmigen Beats der Hip-Hop-Moderne in seinen spanischen Sound inte­griert. Sein Album „El Madrileño“ und die im Februar erschienene Erweiterung „La Sobremesa“ ist für Hörer, in deren Ohren Flamencogitarren nach mehr als Folklore klingen, ein Kunstwerk aus spanischen und lateinamerikanischen Stilrichtungen, aus Tango und Rock und der Ironie seiner Generation und einem Hauch von Autotune. In diesem Frühjahr war er für einen Grammy nominiert. Gerade fliegt er alle paar Tage zu einem anderen Festival.

Man würde C. Tangana aus Madrid angesichts solcher stilistischer Vielfalt gar nicht erst mit dem alten Latinoklischee in Verbindung bringen, wäre es nicht genau diese Welt, in der er selbst seine Zielgruppe sieht. Seine Songs haben die Rhythmen von Bachatas, Rumbas und Bossa Novas, er arbeitet mit mexikanischen und kubanischen Künstlern und sagt in Interviews, es gelte, die spanische Musikkultur zu entkolonialisieren, den Blick nach Lateinamerika zu öffnen, schon allein weil dort ein riesiger Musikmarkt wartet.

© Youtube

Ein sogenannter Latinostar braucht einen sinnlichen Blick und Hüftschwung. C. Tangana schaut eher hochmütig aus verhangenen Augen, unter denen Schatten liegen, und seine Hautfarbe sieht ungesund aus. Seine Vorzug ist sein anrüchiger Ruf. Er war einmal mit Rosalía zusammen, dem größten Popstar Spaniens, war Ko-Autor ihres Songs „Malamente“, einem der besten Flamencoexperimente der Gegenwart, die Vertonung der Anrüchigkeit sozusagen. Von Rosalía spricht er nur noch selten, und dann im abgeklärten Ton eines Musikers, der wirklich Besseres zu tun hat, als über seine erfolgreichen Ex-Freundinnen nachzudenken.

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Seine neue Familie

Im Frühjahr schaffte es C. Tangana in eine Meldung eines deutschen Nachrichtendienstes. Er hatte mit der argentinischen Sängerin Nathy Peluso in der Kathedrale von Toledo ein Video zu seinem Song „Ateo“ aufgenommen. „Ateo“ handelt davon, wie jemand, der eigentlich Atheist ist, wegen des Wunders der menschlichen Liebe bekehrt wird. „Ahora creo“ reimte C. Tangana auf „Ateo“ und tanzte mit Peluso in „sinnlichen Hüftbewegungen“ durch die Kathedrale, wie die Agentur schrieb. Die Meldung klang, als handle es sich um Wesen von einem anderen Stern. Der Dekan der Kathedrale von Toledo, der zu seiner Verteidigung vortrug, er habe den Dialog der Kirche mit der Gegenwartskultur stärken wollen, musste zurücktreten. Was auch immer der katholisch erzogene Pucho, in dessen Videos Nonnen auch mal auf Segways vorbeifahren, mit seinem Auftritt bezweckt hatte: In seinem kleinen, archaischen Spiel mit der Sünde, mit Keuschheit und Verlangen war er dem Klischee eines Latinostars gerecht geworden.

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Jemand, der so erfolgreich wird, ist ein Stratege oder hat die besten Strategen um sich. „Mein größtes Talent ist es, mich mit Talent zu umgeben“, hat C. Tangana in einem Interview gesagt. Sein Vater war Journalist, seine Mutter hat Lehrer ausgebildet, er selbst studierte Philosophie und arbeitete bis 2015, in einer Zeit, in der viele junge Spanier gar keinen Job hatten, bei einem großen Telefonanbieter. Dann kam der Erfolg mit „Mala Mujer“. C. Tangana beschloss, selbst ein Star zu werden. Er hatte keine Lust, sich auf Trap festlegen zu lassen, und er wusste aus der Erfahrung Rosalías, dass eine Wiederbelebung der spanischen Musiktradition im Gange war. Seine Generation war von Reggaeton, von karibischen Rhythmen beeinflusst. Er wollte ein moderner Latinostar waren. Aber es gab keine Vorbilder in Spanien. Wenn er von kolonialen Denkweisen spricht, meint er die Musiker, die auf die junge, auch die europäischen Charts bestimmende lateinamerikanische Musik herabschauen. Sie zu vereinen, mit den Maestros des Flamencos aufzutreten, aber auch mit den von alten Puristen kritisierten Gipsy Kings, das wurde sein Plan.

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Im Musikvideo von „Nominao“ steht C. Tangana mit Jorge Drexler, einem der bekanntesten Musiker Südamerikas, in einer Bar hinter dem Mercado de la Cebada in Madrid. Drexler wurde in den Neunzigerjahren von spanischen Kollegen von Uruguay nach Europa geholt, sein Album „Eco“ wurde Kult, für das Titellied zum Film „Die Reise des jungen Che“ gewann er einen Oscar. Mit seiner sanften Erzählstimme und den lyrischen Songtexten gehört er zu Puchos großen Vorbildern. Nach der Session wird Pucho in einem Warenaufzug mit schwerer Zunge einen argentinischen Rockklassiker singen. Die Botschaft: Hier arbeiten Menschen mit grenzenloser Neugier in ultimativer Brüderlichkeit.

Das ist C. Tanganas neue Familie. Er nimmt Songs in Bars auf, den Orten, an denen, wie er sagt, die spanische Kultur diskutiert und erlebt wird. Wenn er mit den Maestros des Flamencos auftritt, haben auch sie ihre Mütter und Tanten dabei. In seinen neuen Musikvideos sitzt er oft am Tisch, umgeben von mehreren Generationen. Seine Filmagentur „Little Spain“ zeigt Szenen spanischer Alltagstradition, es wird gekocht, den gedeckten Tisch auf dem Albumcover von „Sobremesa“ hat Carlos Saura entworfen, der selbst Filme über folkloristische Traditionen drehte.

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Eine schwer zu ertragende Analogie

Noch immer stammen C. Tanganas Songtitel aus dem Vokabular der Latinopoptradition, sind seine Texte voller Sehnsucht und Verlangen. In „Te olvidaste“ mit Jorge Drexler steigert sich der Salsarhythmus in einen elektronischen Tanzbeat. „Ingobernable“, der Song, den er mit den Gipsy Kings aufgenommen hat, handelt von einer unzähmbaren Frau, hier entwickelt sich der Tanzbeat aus dem Flamenco: „Keine Treppe, um sich dir zu nähern, keine Pistole, um dich zu beherrschen.“ „Demasiado mujeres“, „Zu viele Frauen“, heißt tatsächlich ein Song, und wäre er nicht von solch tonaler Abgründigkeit, wäre der Großstadtphilosoph Pucho nicht listig genug, bei all dem sinnlosen Sex und der inneren Leere die fragwürdige Rolle des Künstlers zu betonen, man würde doch auf den Gedanken kommen, dass hier jemand zu viel unironische Selbstüberhöhung aus dem Hip-Hop abbekommen hat. Das sind die Grenzen, die C. Tangana testet, und manchmal tritt er eben daneben.

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2021 hatte er seinen letzten Shitstorm. Zum Song „Yate“ (Jacht) ließ er sich mit einer Gruppe Influencerinnen und Schauspielerinnen auf einer Jacht fotografieren. Die Frauen trugen Bikinis, eine balancierte einen Drink auf ihrem Hintern, Pucho selbst saß bekleidet und zufrieden dazwischen. Zu dieser beachtlichen Klischeedarstellung sagten sehr viele Spanierinnen und Fans seiner Musik ihre Meinung. „Ermüdend“ nannten sie sie und erinnerten an verblasste Prominente wie Julio Iglesias und Jesús Gil, den dickbäuchigen Atlético-Präsidenten, der sich umgeben von Frauen im Pool fotografieren ließ – für Pucho, den versonnenen Kreativen, eine schwer zu ertragende Analogie. In einem Land, in dem Bahnhöfe nach prominenten Frauen umbenannt werden und über einen Gesetzesentwurf diskutiert wird, der Frauen mit Menstruationsbeschwerden das Arbeitsleben erleichtern soll, wird vom modernen Latino mehr verlangt als die Reproduktion eines Klischees.

Aber C. Tangana hat dazugelernt. Bei der Verleihung der Goya-Preise im Fe­bruar stand die junge Posaunistin und Sängerin Rita Payés mit seinem Bolero „Te vereno“ und einer in der Tiefe der hispanophilen Seele berührenden Stimme mitten auf der Bühne. Und die Gäste an seinem mit Schnaps und Kaffee gedeckten Tisch dürfen alle voll bekleidet sein, gleich welchen Geschlechts. „Popmusik in Spanien ist Mainstream“, hat er dem amerikanischen Sender NPR zuletzt erzählt. „Popular hingegen bedeutet in Spanien Tradition, Gefühle, die jeder kennt, die einem die Großeltern mitgegeben haben.“ Die Fähigkeit, sie zu verarbeiten und weiterzuentwickeln, wird ihm in den nächsten Jahren niemand mehr nehmen. Mit etwas Glück wird sie ihn auch jenseits von Europa noch erfolgreicher machen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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