Frankreichs Literaturszene

Sittenverfall einer bösen Bande

EIN KOMMENTAR Von Jürg Altwegg
11.10.2021
, 08:09
War sich nicht dafür zu schade, eine Preis-Konkurrentin ihres Lebensgefährten niederzumachen: Camille Laurens
Der französische Literaturpreis Prix Goncourt ist hochbegehrt. Im Kampf um die Auszeichnung ist der Schriftstellerin Camille Laurens jedes miese Mittel recht. Die Zeitung Le Monde macht dabei mit.
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Die Kollaboration und das Schicksal der Juden im besetzten Frankreich sind das prägende Thema der literarischen Saison in Frankreich. Familienbande spielen ebenfalls eine Rolle. Die erste Nachkriegsgeneration rechnet noch einmal mit dem Verhalten der Väter in der Kollaboration und dem Schweigen der Eltern danach ab. Ihre Kinder begeben sich auf die Suche nach den Großeltern, die sie nicht kannten. Anne Berest hat das Porträt der Großmutter im Pariser „Mémorial de la Shoah“ entdeckt und für ihr Buch „La carte postale“ verwendet. „Le Monde“ bescheinigte ihr das Niveau einer „Shoa für Anfänger“.

Den Totalverriss schrieb nicht ein Kritiker, sondern die Schriftstellerin Camille Laurens. Sie ist ein Star der französischen „Autofiction“, ihr Name ein Pseudonym, längst gehört sie zu den einflussreichsten Figuren des Literaturbetriebs. Die Jury des Prix Fémina verließ sie, um Nachfolgerin von Virginie Despentes bei den Goncourts zu werden, die den begehrtesten aller Preise vergeben. Ihre Rezension der „Carte postale“ zeugt von der unsäglichen Vermischung der Gattungen auch in der Republik des Geistes und einer weiteren Verwilderung der Sitten. Eine seltene verbale Gewalt zeichnet ihren Text aus.

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„Ignare“ – völlig ahnungslos sei Anne Berest. Die Rezensentin verhöhnt die Kollegin wegen ihrer „Angst vor Gas“: nicht authentisch. „Literatur“? Nur in Anführungszeichen! Soll hier ein Buch vernichtet werden? Es scheint so. „Libération“ warf einen Blick auf die Privatsphäre: Camille Laurens ist die Lebensgefährtin des Philosophen François Noudelmann, der mit Anne Berest um den Prix Goncourt konkurriert und ein Buch über seine aus Russland eingewanderten Vorfahren geschrieben hat. Der Großvater starb nach Senfgasangriffen im Ersten Weltkrieg in der Psychiatrie; der Vater überlebte die Judenverfolgung, schwieg – und starb durch eigene Hand.

Bei „Le Monde“ scheint man mit den durchsichtigen Motiven der Mitarbeiterin zwar keine Probleme zu haben, aber die Akademie Goncourt reagierte umgehend. Sie hat Camille Laurens nicht ausgeschlossen, aber Noudelmann von der Liste gestrichen und neue Regeln erlassen: Juroren dürfen keine Bücher mehr besprechen, die für den Preis zugelassen wurden, die Werke ihrer Lebenspartner werden von vornherein ausgeschlossen.

Die nächste Shortlist wird in ein paar Tagen erwartet. Als Favorit gilt derzeit Sorj Chalandon. In „Fils de salaud“ („Sohn eines Dreckskerls“) verurteilt er seinen Vater, der nach dem Krieg im Gefängnis saß, zum Besuch des Prozesses gegen Klaus Barbie, über den Chalandon als Journalist berichtet hatte. Dass Anne Berest den Goncourt erhält, ist wenig wahrscheinlich, verdienen würde die Auszeichnung Christine Angot. Bislang war sie ein Opfer der Beziehungskorruption. Ihr jüngster Roman ist ihr bester und der dritte über die Vergewaltigungen durch den Vater.

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Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Freier Autor im Feuilleton.
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