<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Filmfestival in Cannes

Stinkt zum Himmel

Von Verena Lueken, Cannes
 - 15:43

Die Möwen in Cannes, die über den Yachten kreisen, machen eine Menge Krach, wenn sie hinabstoßen und schnappen, was von Bord fällt. Und wenn man nachts aus dem Kino kommt und in den Himmel schaut, sehen sie, angestrahlt von den Scheinwerfern der Hotels, aus, als seien sie Origami. Wie leichte Papiervögel treiben sie scheinbar schwerelos unter den Wolken übers Meer. Und kreischen.

Genauso kreischen die Krähen, die sich über Çamburnu am Schwarzen Meer zu Schwärmen versammeln. Anders als die Möwen von Cannes, die dort immer schon zu Hause waren, gab es die Krähen in Çamburnu vor einigen Jahren noch nicht. Sie hatten nichts zu suchen, nichts zu holen dort. Der Tee, den die Bauern anbauen, interessiert sie nicht, auch nicht die Weiden, auf denen ihre Kühe grasen. Aber seitdem die türkische Regierung oberhalb von Çamburnu eine Müllkippe gebaut hat, fühlen sie sich sehr heimisch in der Gegend. Und kacken auf die Teepflanzen wie die seit neuestem dort streunenden Hunde auf die Weiden. Für den Tee ist das nicht gut, für die Kühe auch nicht.

Müll ist ein Thema in Cannes

Fatih Akins Film „Müll im Garten Eden“ ist der einzige deutsche Beitrag beim diesjährigen Festival. Er erzählt die Geschichte, wie aus dem Paradies eine zum Himmel stinkende Gegend wurde, in der das Grundwasser verseucht ist, die Regengüsse die Deponie zum Überlaufen bringen und den Müll ins Dorf schwemmen, während die Abwässer ungefiltert die Hänge hinabströmen. Das Paradies kennen wir vom Ende seines Films „Auf der anderen Seite“, der in Cannes 2007 den Drehbuchpreis gewonnen hat. Den Skandal, wie es zu seiner Zerstörung kam, zeigt er uns jetzt.

Akin hat eine persönliche Beziehung zu dem Ort, seine Großeltern kommen von dort, und als er zum ersten Mal das Dorf besuchte, war er hingerissen von der Pracht der Natur im schwülen Klima des Schwarzen Meers. Als er von den Plänen erfuhr, diese Müllkippe zu bauen, und von den Protesten der Bauern, die sich bereits formierten und denen sich auch der Bürgermeister anschloss, wollte er mit einem Dokumentarfilm eingreifen, Einfluss nehmen, drohen. Aber es hat nicht funktioniert. Er drehte und drehte, aber die Baustelle wuchs dennoch. So wurde eine Langzeitbeobachtung aus dem eigentlich spontanen Plan. Akin drehte immer wieder zwischen April 2007 und Februar 2012. Mit Interviews mit den Dorfbewohnern, Bildern von alten Frauen, die große Körbe auf dem Rücken zu den Feldern tragen, Bildern von der Tee-Ernte, den Protesten, den Bauarbeiten, weiteren Interviews mit dem Bürgermeister, dem Bauleiter, dem Ingenieur und Szenen von Bürokratenbesuchen beim Müll wurde eine recht brave Dokumentation daraus, die nach Fernsehen aussieht.

In Cannes hat das Müllproblem neben den Couture-Kleidern durchaus seinen Platz. Aber sprechen wird man in diesem Jahr nicht so sehr von Fatih Akin und den türkischen Bauern am Schwarzen Meer, sondern vom Müll überall sonst. Jeremy Irons hat sich mit dem Film „Trashed“ angekündigt, der uns zeigen wird, wo sonst noch landet, was vom Tage übrigbleibt. Die Möwen schreien derweil weiter nach unseren Resten. Was auch sie nicht wollen, treibt im Meer und manchmal auch auf den Strand, wo bis spät in die Nacht Partys sind.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFatih AkinFilmfestivalYachtCannesSchwarzes Meer