Cemile Giousouf im Gespräch

Demokratie ist keine Glaubenssache

04.08.2014
, 17:26
Sie wurde als erstes CDU-Mitglied muslimischen Glaubens in den Bundestag gewählt: Ein Gespräch mit der Integrationspolitikerin Cemile Giousouf über die Zukunft des Islams in Deutschland.

Am kommenden Samstag wird in der Türkei zum ersten Mal ein Präsident von den Bürgern direkt gewählt. Die Türken in Deutschland konnten in den vergangenen Tagen erstmals auch hier zur Wahl gehen. Jetzt wurde bekannt, dass nur zehn Prozent diese Chance genutzt haben, obwohl in Berlin zum Beispiel das gesamte Olympiastadion als Wahllokal eingerichtet wurde. Sind nicht nur die Deutschen, sondern auch die Türken politikverdrossen?

Das Interesse an dieser Premiere war tatsächlich groß. Doch viele Wähler sind an der komplizierten Organisation gescheitert. Man musste sich im Internet registrieren und bekam dann einen festen Termin zugewiesen. Das klingt jetzt erst einmal profan, aber sogar in meinem Freundeskreis haben einige es nicht geschafft, die bürokratischen Hürden zu überwinden. Allerdings haben wohl immerhin 400000 Türken an der Grenze oder in der Türkei ihre Stimme abgegeben. Viele von ihnen sind ja zurzeit dort in den Sommerferien.

Hat diese niedrige Beteiligung eine politische Bedeutung für Deutschland?

Die türkischen Präsidentschaftswahlen sollte man nicht für Interessen in Deutschland instrumentalisieren. Wir sollten uns hier lieber damit beschäftigen, woran es liegt, dass nur neun Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund zu unseren Wahlen gehen. Dramatisch ist allerdings die Wahlpropaganda von Erdogan oder Bülent Arinc. Sie heizen auch hier in Deutschland die Stimmung auf. Für mich ist es ganz klar Wahlkampfpropaganda, mit der die religiös-konservative Wählerklientel bedient werden soll.

Die radikale Politik von Tayyip Erdogan wird sicherlich Folgen für Europa haben. Immerhin haben wir lange auf die Türkei gesetzt, als Vermittler zwischen den arabischen Ländern und Europa. Wie geht es jetzt in der Türkei weiter?

Es ist bedauerlich, dass die Türkei ihre geostrategische Rolle als Vermittler weitgehend verloren hat. Ich denke, dass es im Land zu einer noch wesentlich stärkeren Polarisierung kommen wird. Gegenwärtig verlaufen die Linien zwischen AKP-Befürwortern und -gegnern. 2011 hatte Erdogan versucht, im Rahmen einer Verfassungsänderung dem Amt des Präsidenten mehr exekutive Gewalt einzuräumen. Es ist die große Frage, wie die neue Verfassung aussehen wird, wie die nationalen Minderheitenrechte dort ausgehandelt werden. Positiv ist, dass endlich ein Friedensprozess mit der PKK begonnen wurde. Wichtig für die Zukunft ist, dass die Türkei weiterhin mit einem offenen EU-Beitrittskurs an Europa gebunden wird. Es wäre für beide Seiten schlimm, wenn sich das Land ganz vom Westen abwenden würde.

Sie sind gläubige Muslimin und Bundestagsabgeordnete der Christlich Demokratischen Union. Wie passt das zusammen?

Das passt ganz wunderbar. Das C steht für Werte, die ich als Muslimin mit den Christen teile. Religiöse Werte finden in der CDU Zuspruch und Anerkennung. So wie nach 1945 evangelische und katholische Christen in der CDU Konfessionsschranken überwunden haben, wollen wir heute Christen und Andersgläubige zusammenbringen.

Welche Rolle sollte Deutschland übernehmen im Umgang mit dem Islam?

Es ist entscheidend für die europäische Gesellschaft, wie gut das Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgemeinschaften in Zukunft gelingen wird. Hier ist in den vergangenen Jahren besonders in Deutschland schon viel getan worden, zum Beispiel während der Islamkonferenz oder im islamischen Religionsunterricht. Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen islamische Theologie an Hochschulen gelehrt wird. Damit können hier zum Beispiel die Weichen für die islamische Koranexegese, also die Auslegung des Islams in Europa, gestellt werden. Ich bin sicher, dass – nimmt man alle diese Punkte zusammen – die Chance groß ist, dass gerade in Deutschland ein Islam entwickeln wird, der für Offenheit und Toleranz eintritt.

Wie gehen Sie damit um, dass sich in vielen Ländern ein Islam durchsetzt, der die Rechte der Frauen einschränkt, Frauen diskriminiert – und so gar nichts mit der Wertegesellschaft in Deutschland zu tun hat?

Ich sehe weltweit ein Vorrücken fundamentalistischer Kräfte – nicht nur im Islam. Denken Sie an den erstarkenden Nationalismus in Teilen der russischen Kirche, an das von christlichen Parteien eingebrachte Gesetz gegen Homosexuelle in Uganda, an das schnelle Wachstum der Ultraorthodoxen in Israel oder den Sieg der hinduistisch-nationalistischen BJP in Indien. Anstatt uns also nur auf den Islam zu konzentrieren, müssten sich die demokratischen Kräfte aller Religionen stärker zusammentun.

Können Sie nachvollziehen, dass manche Bürger in Deutschland ablehnend gegenüber dem Islam eingestellt sind?

Kann ich. Die Bilder von ISIS aus dem Irak schockieren. Junge Muslime ziehen aus Deutschland nach Syrien in den Krieg. Das verunsichert uns alle. Auch mich. In der sogenannten arabischen Welt sieht es nicht gut aus. Es gibt kaum stabile Staaten, geschweige denn Demokratien. Und der Islam wird derzeit noch stärker als andere Religionen für politische und extremistische Zwecke missbraucht. Gefährlich wird es aber, wenn Muslime in Deutschland nicht als Verbündete gegen die Extremisten erkannt, sondern ausgegrenzt werden. Ich verstehe gut, dass ein deutscher Muslim, der in der vierten Generation hier lebt, sich nicht mehr für islamistischen Extremismus in der Welt rechtfertigen will. Ein deutscher Katholik muss sich für die Anschläge der IRA auch nicht rechtfertigen.

Das ist sicher richtig, Deutsche ohne Migrationshintergrund werden ja auch nicht für die Aussagen deutscher Prominenter oder Exzentriker in Haftung genommen. Bürger mit etwa türkischer Zuwanderungsgeschichte müssen dagegen damit leben, dass Bushidos Verhalten Folgen für sie hat. Wie hält man den Identitätsdruck aus?

Sie stellen mir auch gerade nur Fragen zum Islam und nicht zu anderen Themen, die ich im Bundestag bearbeite (lacht). Die Angehörigen der vierten Generation von Deutschen mit Migrationshintergrund müssen häufig noch immer beweisen, dass sie Deutsche sind. Integration bleibt ein beiderseitiger Lernprozess. Hier wünsche ich mir von der Mehrheitsgesellschaft und auch den Medien, dass sie ihren Blickwinkel ändern. Ich erlebe aber auch eine junge Generation von Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund, für die Vielfalt in unserem Land Normalität ist. Wir haben doch schon richtig viel geschafft in den letzten Jahren.

Zurzeit erleben wir, dass der neue Antisemitismus bei den Demonstrationen gegen Israel als ein Importprodukt des Islams bezeichnet wird. Ist das von der Hand zu weisen?

Den Antisemitismus müssen wir bekämpfen. Er ist aber kein Importprodukt „des Islam“, sondern basiert auf Feindbildern, die im Zusammenhang einer realen Auseinandersetzung entstehen. Mit dem Konflikt um die Gründung Israels breiteten sich antisemitische Verschwörungstheorien wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ in der islamischen Welt rapide aus. Einige Regime und politische Bewegungen schüren diesen Antisemitismus aktiv, um von eigenem Versagen abzulenken. Dieser Antisemitismus hält nun durch die Medienberichte auch Einzug in die deutschen Wohnzimmer. Wir dürfen allerdings nicht den Fehler machen, mit Verallgemeinerungen Muslime in Sippenhaftung zu nehmen. Antimuslimische Ressentiments sind keine Antwort auf Antisemitismus.

Was ist denn die Bringschuld der Muslime in Deutschland?

Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass die Muslime sehr viel selbstkritischer nicht nur mit der deutschen Politik, sondern auch mit der Entwicklung in ihren Herkunftsländern umgingen und gegen die Greueltaten der ISIS oder den Bürgerkrieg in Syrien öffentlich protestierten. Die Fronten verlaufen nicht zwischen Muslimen und Andersgläubigen, sondern zwischen Demokraten und Nichtdemokraten.

Cemile Giousouf, 1978 in Leverkusen geboren, studierte in Bonn Politik, Soziologie und Islamwissenschaften. Ihre Eltern gehören der Abstammung nach zur türkischen Minderheit in Griechenland. Seit 2004 engagiert sie sich für das Deutsch-Türkische Forum (DTF), eine Unterorganisation der CDU. Im März 2013 zog sie als erstes CDU-Mitglied muslimischen Glaubens in den Deutschen Bundestag ein.

Die Fragen stellte Swantje Karich.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot