Chaos Communication Congress

Wir brauchen jetzt nur noch Geduld

Von Stefan Schulz
30.12.2013
, 19:31
Wohin geht die Reise der Hacker-Szene?
Nur Hacker interessieren sich für die Spähaffäre? Selten fand der Chaos Communication Congress so viel Aufmerksamkeit wie in diesem Jahr. Seine Ergebnisse werden weiter Kreise ziehen.

Defragmentierung, was war das gleich? Wer ein Ticket für den 30. Chaos Communication Congress hatte, wusste es ganz sicher noch. Bis vor wenigen Jahren waren Computernutzer angehalten, ihre Maschinen aufzufordern, Ordnung zu halten. Aus wild auf der Festplatte verstreuten Datenklümpchen sollten geordnete Stapel werden. Auch auf dem Congress war das Wort „Defragmentierung“ allgegenwärtig, aber nicht als Befehl, sondern als Bitte: Wenn sie per Signalwort geäußert wurde, wussten alle in den großen Sälen, dass sie nun aufstehen sollten, um so weit in die Mitten zu rücken, dass Platzsuchende an den Rändern freie Plätze fanden. Dieser Vorgang, der auf bloßen Zuruf für gewöhnlich nie funktioniert, war hier eine Sache von Minuten – auch bei 3000 Menschen im Raum. Sollte man sich fragen, wo und wie die Erfindung digitaler Netze die Menschen sozialer gemacht hatte: In Hamburg fand man eine gute Antwort. 8500 Menschen waren da, 1000 von ihnen meldete sich als „Engel“, als helfende Hand der Organisatoren.

Entsprechend sparsam im Umgang mit der Zeit gingen die Hacker ebenso mit ihrem Kongress-Programm um. Es war die Aufgabe des CCC-Sprechers Linus Neumann, den politisch initiierten „Bullshit made in Germany“ in einem Rutsch abzuhandeln: Soll es wirklich die deutsche Antwort auf die amerikanische Spionage sein, dass der deutsche Staat nun E-Mail-Systeme anbietet, die 39 Cent pro Nachricht kosten, die obendrein nur so lange verschlüsselt werden, bis die Dienstanbieter zur „Virenabwehr“ sie ausführlich auf zentralen Servern analysierten? Ist es wirklich wahr, dass deutsche Unternehmen, die E-Mail-Dienste anbieten, erst in diesem Jahr damit begannen, Nachrichten während des Transports durch das Internet zu verschlüsseln - 15 Jahre nach Entwicklung dieser Verschlüsselungstechnologie, von der man heute weiß, dass sie ohnehin kaum Schutz bedeutet? Eine Stunde bot Neumann den Teilnehmern an, darüber zu lachen. In den 130 anderen Veranstaltungen ging es überwiegend ernst zur Sache.

Der Mathematik könne man vertrauen

Das zentrale Thema in diesem Jahr war die Kryptographie. Es wird kolportiert, dass die Software das Problem sei, man der Mathematik aber vertrauen könne. Das ebenso kolportierte Problem, dass diese Mathematik aber nur wenige hundert Menschen verstünden, blendete man einfach aus. Wer wollte, konnte sich hier über diese Mathematik informieren, an Tischen einzelner Arbeitsgruppen, aber auch in großen Sälen. Vor dem geballten Wissen, das die Teilnehmer mitbrachten, war niemand sicher. Der Freiburger Historiker Josef Foschepoth, der vor einem Jahr ein Buch über das „überwachte Deutschland“ publizierte und auf dem Congress über seine Recherchen und Erkenntnisse aufklärte, sagte es auf der Bühne: „Ich sehe mich ansonsten als Spitze der Bewegung, aber hier bin ich plötzlich der Kohlenwagen.“

Es lässt sich weiterhin darüber streiten, was die Hacker überhaupt eint. Ihre Freude an Computern ist es nicht. Jeder Jugendliche verbringt heute ähnlich viel Zeit mit ihnen, wie sie. Es ist vielmehr eine bestimmte Balance der Tugenden Geduld und Neugier. Seit mehr als 30 Jahren lautet das Chaos-Motto „Spaß am Gerät“. Dabei zeigt sich seit Anbeginn, dass selbst das Gerät nur Mittel zum Zweck ist. Selbst auf einer so unpolitischen Veranstaltung wie dieser geht es meistens um höhere Ziele, wobei damit sehr häufig ebenso gemeint ist: unerreichbare Ziele. Die Hacker schufen eine Kultur des Versuchs, in der alles gemacht wird, nur weil man glaubt, dass es ginge. Nur Ergebnislos sind diese Anstrengungen nicht.

Der Vortrag, der all das am eindrucksvollsten verband wurde nicht von einem Computerexperten gehalten, sondern von einem Künstler. Der Amerikaner Trevor Paglen begann am späten Samstagabend seinen Vortrag recht harmlos. Er zeigte Nachtaufnahmen der Geheimdienstzentralen, gleich zu Beginn das inzwischen gut bekannte NSA-Hauptgebäude in Fort Meade. Ein schwarzer Block, der nachts so dunkel ist wie am Tag. Doch diese Aufnahme reichte ihm selbst nicht. Und so zog er los, nahm Objektive mit 5000 Millimeter Brennweite mit und machte Bilder von Geheimdienstanlagen, die man auch während der Spähaffäre nicht in den Medien sah. Die Area 51 ließ sich so gut abbilden, „aber bei 60 Meilen Entfernung“ sei Schluss, kommentierte er einige Bilder, auf denen nur noch ein flimmernder Farbverlauf zu sehen war.

Das Unsichtbare begreifbar machen

Ihm gehe es ohnehin nicht so sehr um Abbildungen, fuhr Paglen fort. Er interessiere sich vielmehr für die „Secrecy“, die Heimlichkeit, die sich hinter diesen Bildern verberge. Secrecy sehe er dabei nicht als Sache des politisch gewollten Nichtwissens, sondern als „State“, als Zustand und Art, in der Dinge gemacht werden. Eine gute Metapher dafür sei die dunkle Materie, die man ebenfalls nicht sehen, aber detektieren könne, sagte Paglen. Man kann Rückschlüsse auf sie ziehen, weil man wisse, welche Wirkung sie zeigt. Die Aufgabenstellung formulierte er entsprechend: Wenn in den Zeitungen steht, dass die CIA geheime Gefängnisse unterhält und Gefangene über alle Kontinente verfrachtet, dann muss es Flugzeuge, Personen und Orte geben, die sich aufspüren lassen.

Paglen fotografierte Flugzeuge im Himmel, besuchte Militärbasen, Orte vermuteter Gefängnisse und befragte Behörden. Unternehmen wie „Stevens Express Leasing“, „Richmor Aviation“ oder „Path Corportation“ hätten die Genehmigungen weltweit auf Militärbasen zu landen. Paglen besuchte sie, ließ sich darüber Auskunft geben, wem diese Unternehmen gehörten. In einem Fall waren die Inhaber mehr als 130 Jahre alt, im anderen Fall waren mehrere Dutzend Mitarbeiter Geister, mit Namen von Personen, die es gar nicht gibt. Es handelte sich um „Front-Corporations“ der CIA, sagte Paglen. In einem Fall bekam er Zugang zu den Akten eines Rechtsstreits über Abrechnungen in dem sich sogar die Telefonate mit den Geheimdienstzentralen, die während der Flüge geführt wurden, plötzlich aufzeigen ließen.

Paglen kombinierte die Fotografien des Himmels mit den Daten über die Unternehmen, den Flugplänen und Orten von Militärbasen, die er kannte – und ging den nächsten Schritt. Ihn interessierten nicht nur die Institutionen, sondern auch die Infrastruktur, die sie miteinander verband. Die CIA gebe ihren Kommandoeinheiten keine Namen, sagte Paglen. Er stieß allerdings auf ein anderes Phänomen, das im Saal Lachen hervorrief. Die Kommandoeinheiten gaben sich ihre Namen selbst, in Form von Missionsabzeichen, wie sie auf Uniformen zu finden sind. Da alles der Geheimhaltung unterlag, gab es kein Grund für Beschönigungen.

„Lasst uns über sie lachen“

Ein geheimes Kommando, das beauftragt war, ebenso geheime Transportflugzeuge zu betanken, schrieb auf sein Abzeichen: „NKAWTG“. Ausgesprochen heißt das: „Nobody kicks Ass without Tanker Gas“. Entsprechend aufschlussreich waren die Symbole, die Paglen Ikonographen als Forschungsobjekt vorschlug: Drachen mit amerikanisch beflaggten Flügeln, die den Globus fest im Griff hielten, Zauberer mit Raketen und Schwertern, grüne Monster in der Dunkelheit. Eine Einheit, die mit der Steuerung eines Spionagesatteliten beauftragt war, gab sich das passende Motto: „Wir verrichten Gottes Werk mit anderer Leute Geld“.

„Wir sollten diese Institutionen nicht hassen, wie sie uns hassen. Wir sollten über sie lachen“, sagte Paglen zum Schluss. Trotz der Enthüllungen in diesem Jahr blieb dieses Lachen niemandem im Halse stecken. Wenn auch die Hackerikone Tim Pritlove den Kongress damit begann, zu erklären, dass es kein Motto gebe. Die Teilnehmer fanden eins: „Herausforderung angenommen!“ Frank Rieger und Felix von Leitner verliehen Edward Snowden den „Balls of Steel“-Award, eine jährliche Auszeichnung, die bislang für mehr oder weniger absurden Heldenmut verliehen wurde. In diesem Jahr gab es über den Preisträger keine Diskussionen, sagten sie. In diesem Jahr war der Preis auch ernst gemeint. Constanze Kurz bedauerte, dass „es zum Narrativ geworden ist, dass sich niemand für die Spähaffäre interessiert“. Die Lösung formulierte Frank Rieger: „Wir müssen Geduld haben.“

Quelle: F.A.Z.
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