Klassiker der Comic-Literatur

Spider-Man: Träumen Superhelden von normalen Mädchen?

Von Claudius Seidl
09.12.2005
, 20:54
Der ganz normale Maskierte: Mit Spider-Man hat Stan Lee das Abbild unserer Suche nach dem richtigen Rollenmodell geschaffen - einen Superhelden, um den man sich sorgen muß.
ANZEIGE

Peter Parker ist der amerikanische Gregor Samsa, seine Verwandlung beginnt damit, daß ihn eine radioaktive Spinne beißt, und am nächsten Morgen, so erzählt es jedenfalls Sam Raimis schöne Verfilmung, findet er sich neben seinem Bett zu einem schrecklichen Ungeziefer mutiert.

ANZEIGE

Seine Finger fühlen sich klebrig an, aus seiner Haut wachsen Widerhaken, seine Hände können Netze spinnen. Und wäre Peter Parker eine europäische Figur, dann wäre ihm kein langes Leben beschieden gewesen. Er hätte sich eingesponnen in seinem Zimmer, sich versteckt vor den Menschen, und eines Tages hätten sein Onkel Ben und seine Tante May die abgemagerte Leiche des Spinnenmannes gefunden.

Niemand mag Spinnen

Es sah auch damals, 1962, als Spider-Man erfunden wurde, nicht nach einem langen Leben für den Spinnenmann aus. Stan Lee, der sich die Figur ausgedacht hatte, bekam von den Kollegen bei Marvel zu hören, daß absolut niemand Spinnen möge, und als Stan Lee erzählte, daß sein Held im wirklichen Leben ein normaler Junge sein sollte, ein Student mit Liebeskummer, Geldsorgen und dem Talent, immer zu spät zu kommen, da habe ihn sein Verleger angeherrscht: „Sag mal, Stan, weißt du überhaupt, was das ist, ein Superheld?“ Der Anfang der Geschichte, in welcher Peter Parker von der Spinne gebissen wird, sich in den Spinnenmann verwandelt und dann in ein Spinnenkostüm schlüpft, wurde trotzdem veröffentlicht, in einer Comic-Reihe, die „Amazing Fantasy“ hieß und nach dieser Nummer eingestellt werden sollte. Die Ausgabe verkaufte sich besser als alle vorherigen - der nächste Teil der Geschichte erschien in einer Reihe, die „The Amazing Spider-Man“ hieß.

Bild: Marvel

Ob Stan Lee jemals „Die Verwandlung“ gelesen hat, ist nicht bekannt - er hat als seine literarischen Helden immer Charles Dickens und Edgar Allen Poe, Mark Twain, die Bibel und Shakespeare genannt; und zu seinem Künstlernamen ist Lee deshalb gekommen, weil er, als er seine ersten Comic-Texte schrieb, seinen bürgerlichen Namen dafür nicht hergeben mochte. Als Stanley Martin Lieber - das war der echte Name - wollte er eines Tages noch den Großen Amerikanischen Roman schreiben.

ANZEIGE

Auf Identität ist kein Verlaß

Die Verwandlung des Stanley Martin Lieber, 1922 als Sohn rumänischer Einwanderer in New York geboren, in Stan Lee, den Großen Amerikanischen Comicautor, war nicht ganz so dramatisch, wie es die Verwandlungen Gregor Samsas und Peter Parkers waren - aber daß da einer, der noch nicht ganz erwachsen ist, sich am Ausgang seiner Jugend in jemanden verwandelt, der er niemals werden wollte; daß auf jene Identität, die einem von Herkunft und Familie zugewiesen wurde, kein Verlaß ist: Das sind Erfahrungen, welche Stan Lee an sein Geschöpf weitergegeben hat.

Man muß wohl erwähnen, daß Sam Raimis Spielfilm „Spider-Man“ im Jahr 2002 ein wesentlich größeres Drama aus Peter Parkers Verwandlung machte. Im Film werden der Spinnenbiß und seine Folgen als Krise richtig ausgespielt; an deren Ende könnte auch die Gregor-Samsa-Werdung des Peter Parker stehen. In der ersten Folge von „Spider-Man“, dem Comic, sind es dreizehn Bilder, auf welchen Peter Parker seine Verwandlung bemerkt, sich seiner neuen Kräfte bewußt wird und ziemlich schnell beschließt, daraus das Beste zu machen. Nach drei, vier Folgen hatte Stan Lee den richtigen Ton gefunden, und erst dann wurde Spider-Man zu dem Superhelden, der ständig zweifelt am Sinn seiner Superheldenexistenz und immer mal wieder sein Kostüm in den Abfall wirft, weil er als Student und nicht als Spinne weiterleben will.

ANZEIGE

Superman war nicht selbstkritisch

Was für eine Provokation dieser Spider-Man damals war, das erschließt sich erst, wenn man sich kurz umschaut im Kosmos der Superhelden - so wie er aussah, bevor Spider-Man kam. In einer fiktiven Stadt namens Metropolis lebte Superman, ein Wesen, welches über ungeheure Kräfte und Fähigkeiten verfügte, ein Mann, der alles konnte und eigentlich alles richtig machte, ein Held, dem Zweifel an seiner Heldenexistenz völlig fremd waren, schon weil er keine Option auf eine andere hatte. Und seine Tarnexistenz, der konfliktscheue Reporter Clark Kent, war, wie das David Carradine in Quentin Tarantinos Film „Kill Bill“ so wunderbar formuliert hat, „Supermans Kritik an der Menschheit“. Selbstkritik war Superman fremd.

In Gotham City, einer fiktiven (nach New Yorker Vorbild erschaffenen) Stadt, lebte Batman, ein Mensch, dessen einzige Superfähigkeit seine Superwut auf Verbrecher war, ein düsterer Mann, der aber, weil er Millionen geerbt hatte, es sich leisten konnte, nachts im Fledermauskostüm durch Gotham zu streifen, zu prügeln und sich verprügeln zu lassen, bis der körperliche Schmerz seine Trauer betäubte. Batman war ein dunkler Held, aber einen Grund zur Klage über seine Batmanexistenz gab es nicht. Er hatte sie sich selber ausgesucht; sie war seine Therapie.

Immer hinter den Mädchen her

Am Anfang von Spider-Mans Superheldenexistenz steht ein Angriff auf Peter Parkers körperliche Integrität - und die eigentliche Herausforderung für den Jungen, das sind nicht bloß die Superbösewichter, welche, genregemäß, immer dann auftauchen, wenn irgendwo ein Superheld erscheint, wunderbar hysterische und bizarre Gestalten wie der Grüne Kobold oder Doktor Oktopus. Die eigentliche Herausforderung für Peter Parker besteht darin, sich in der Superheldenrolle einigermaßen zurechtzufinden. Es gibt Bilder in den ersten Folgen, da näht sich Peter Parker selber das Spinnenkostüm; es gibt Szenen, da sitzt Peter in der Vorlesung und schläft ein vor Erschöpfung, weil er die ganze Nacht durch die Gegend geturnt ist; und anders als Superman und Batman, deren Einverstandensein mit der Superheldenrolle sich auch in einem mal mehr, mal weniger konsequenten Zölibat äußert, ist Peter Parker immer hinter den Mädchen her.

ANZEIGE

„Für Superman“, hat Stan Lee einmal gesagt, „habe ich mich niemals richtig interessiert, weil ich um ihn niemals Angst haben mußte.“ Darum also ging es ihm: um einen Superhelden, um den man sich aber sorgen muß - und weil Stan Lee ein Autor, aber kein Zeichner ist, funktioniert die „Spider-Man“-Serie mehr als psychologisches und narratives denn als visuelles Konzept. Emblematisch war nur das Spinnenmann-Kostüm, ein eng sitzender rot-blauer Anzug mit dem Bild einer Spinne auf der Brust. Und über den Kopf hat Spider-Man eine Art Spinnenmaske gestülpt, rot mit schwarzen Spinnenfäden darüber; die Augen sind weiß und leer, was die Ausdrucksmöglichkeiten Spider-Mans ganz auf das Spiel des Körpers, den Tanz an seinen Spinnenfäden beschränkt. Was der Figur eine große Sinnlichkeit verleiht - aber anders als bei den anderen großen Superhelden ist bei diesem das Superheldenkostüm tatsächlich die reine Maskerade. Wer diesem Mann in die Augen sehen möchte, muß sich an Peter Parker halten.

Exzentrische Figuren

Stan Lee also hat die Figur entworfen, und gezeichnet hat sie, anfangs, Steven Ditko. Später wechselten die Zeichner, aber natürlich ist Spider-Man vor allem das Geschöpf jenes Stan Lee, der das Superheldengenre in Literatur verwandelt hat - und das gelang ihm gerade deshalb, weil er sich jede Prätention verbat. Seine knappen Texte und Dialoge hatte Lee den Slangs von New York abgelauscht; und selbst die Monster, welche eigentlich durch ihre Masken und Kostüme eindeutig typisiert waren, fingen erst zu sprechen an, wenn Lee sich gewissermaßen eingefühlt hatte in diese exzentrischen Figuren.

Man wird der verrückten Welt der Superheldencomics nicht gerecht, wenn man die Qualität von Geschichten und Figuren bloß an Psychologie und Plausibilität mißt; ganz im Gegenteil - wenn in solchen Comics nicht das Allerunwahrscheinlichste geschehen könnte; wenn die Konflikte hier nicht bis zur Kenntlichkeit vergröbert und vergrößert würden, dann machte sich das Genre überflüssig, und gerade der Umstand, daß Comiczeichner sich um die Konventionen des Kunstbetriebs nicht scheren müssen, daß sie gewissermaßen realistisch zeichnen dürfen, eröffnet den Bildergeschichten die Chance, etwas zu entwerfen, Menschen, Dinge, Schauplätze, welche dem bloßen Auge immer verschlossen bleiben werden. Was ich hier sehe, ist absolut unmöglich - und zugleich sehr lebensecht getroffen: Dieses Paradoxon beschreibt die Urszene des Comiclesens, jedenfalls bei den Comics, in denen Spinnenmänner, Kobolde auf raketengetriebenen Surfbrettern und Gangster mit stählernen Tintenfischarmen vorkommen.

ANZEIGE

Erweiterung der Möglichkeiten

Stan Lee, als er den Studenten mit dem Spinnenmannkostüm erfand, wollte nicht etwa das Superheldengenre aus Supermans Lüften herunterholen auf jene Straßen, die man nur bei Grün überqueren darf; und daß Peter Parker, außer gegen Superbösewichter zu kämpfen, auch für seine Tante den Müll hinunterbringt, sollte man nicht als Einschränkung, sondern als Erweiterung seiner Möglichkeiten deuten. Es war wohl eher so, daß Lee die Distanzen zwischen beiden Sphären verkürzte und überbrückte, indem er einerseits auch das Bizarre und Monströse an jenem amerikanischen Alltag ausleuchtete, in welchen Peter Parker sich nach seinen Spinnenmann-Eskapaden immer wieder zurückzog.

Andererseits wurde das extravagante Superheldengenre weder denunziert noch dementiert. Es wurde nur plastischer und anschaulicher, wenn man sehen konnte, daß auch so ein Superheld einen Alltag hat: Die Frage, nur zum Beispiel, wovon Superman eigentlich träume in der Nacht, falls er überhaupt einmal schlafe, hat nie einen seiner Leser interessiert. Der Mann hatte Superkräfte. Aber was, in Kryptons Namen, wären wohl Superträume? Von Peter Parker kann man sich gar nicht vorstellen, daß er nicht träume; er ist ja schon tagsüber ganz neben sich.

Es gibt kein Entkommen

Daß es hier nur zwei Dimensionen gibt, das ist die Stärke, nicht die Schwäche der Comic strips: Wo die Tiefe fehlt, gibt es kein Entkommen und kein Ausweichen - die Gegensätze, wenn sie erstmal etabliert sind, bekommen hier eine Unausweichlichkeit, und deshalb krachen Held und Bösewicht im Comic mit einer ganz anderen Wucht aufeinander als in jenen Künsten (oder Medien), die auch über die dritte Dimension verfügen, und „Spider-Man“ war in dieser Hinsicht immer sehr flach, ein Tanz der Linien und der Farben, eine Feier der zweiten Dimension. Aber Stan Lee schoß mit seiner Sprache kleine Löcher in die Fläche der Fiktion, und was dahinter zum Vorschein kam, war nicht der Raum; es war die Zeit, in der diese Geschichten entstanden sind und auf die sie sich bezogen, die frühen Sechziger, in welchen nicht nur Kennedy, die Beatles und die Pop-art eine ungeahnte Freiheit versprachen.

ANZEIGE

„Spider-Man“ ist jetzt mehr als vierzig Jahre alt, seit mehr als vierzig Jahren ist er der Junge, der die Schwelle zum Erwachsensein noch nicht ganz überschritten hat, der Jugendliche, der sich alle Optionen offenhält - er kann ganz „Spider-Man“ werden, er kann sich aber auch für ein anderes Leben entscheiden; und daß diese Figur seither an Attraktivität nur noch gewonnen hat, das haben die beiden „Spider-Man“-Filme bewiesen, in welchen Spidey seinem Publikum als ein Mensch von heute entgegentrat, ohne daß die Drehbuchautoren Stan Lees Plot hätten aufwendig aktualisieren müssen.

Der Junge, der sich fürs Erwachsenwerden nicht hundertprozentig entscheiden kann, der Superheld, der vierzig Jahre lang nicht gealtert ist, die perpetuierte Jugendlichkeit: Das ist ja ein ganz und gar heutiges Phänomen.

Insofern ist Spider-Man, der Mensch mit dem bizarren Spinnenkostüm, vor allem: einer von uns.

Stan Lee: Der 1922 in New York geborene Autor wurde Chefredakteur der Marvel-Comics, als er neunzehn war. Er behielt diesen Job mehr als dreißig Jahre, und in dieser Zeit hat er den Stil von Marvel bestimmt: Die Figuren, die er erfunden hat, die Fantastischen Vier, die X-Men oder der Unglaubliche Hulk, hatten Schwächen und Probleme, sie waren, gewissermaßen, Superhelden mit menschlichem Antlitz.

Spider-Man: Der Superheld erschien 1962 zum erstenmal in der Comic-Reihe „Amazing Fantasy“; im Jahr 1971 war „The Amazing Spider-Man“ die erste Comic-Reihe, die gegen den „Comics Code“ verstieß - es kamen illegale Drogen vor. Bei ABC lief von 1967 bis 1970 eine animierte Fernsehserie „Spider-Man“; Die beiden Folgen der „Spider-Man“-Verfilmung von Sam Raimi waren 2002 und 2004 extrem erfolgreich an den Kinokassen.

Quelle: F.A.Z., 10.12.2005, Nr. 288 / Seite 38
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE