Corona-Impfung mit 39 Jahren

Juhuu, ich bin geimpft!

Von Nis-Momme Stockmann
07.02.2021
, 11:49
Von Cubicle zu Cubicle: Blick in das Berliner Impfzentrum in den Messehallen
Warum wird ein Neununddreißigjähriger gegen Covid geimpft? Hat er das Recht dazu? Und stehen wir auf der Schwelle zum Ende dieser Pandemie? Bericht von einem Impftermin in den Berliner Messehallen.

Ich bin 39 Jahre alt, gehöre keiner Risikogruppe an und arbeite als Schriftsteller grundsätzlich schon immer im Homeoffice. Nie im Traum hätte ich daran gedacht, Teil der ersten Impfwelle zu sein. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass ich durch meine Tätigkeit als ehrenamtlicher Sterbebegleiter in einem Altenheim einen Anspruch auf eine Covid-19-Impfung habe. Der Impfcode – eine zwanzigziffrige Zahlen- und Buchstabenfolge – kam ganz prosaisch als Anhang einer E-Mail des Hospizdienstes, mit den Worten: „Bevor ich es vergesse – hier dein Impfcode. Also: falls du willst“ –, als wäre es das Normalste der Welt. Dazu der Hinweis, dass ich den Termin telefonisch oder online machen könnte. Auch wenn viele Leute es heiß und innig lieben, drei Stunden und länger in Berliner Warteschleifen auf das schlechtgelaunte Gebell überforderten Verwaltungspersonals zu warten, entschied ich mich für die zweite Variante.

Am 31. Januar werde ich im Messedamm, Berlin, gegen Covid-19 geimpft. Mitzubringen: „Identitätsnachweis, Aufklärungsmerkblatt (unterschrieben), Anamnese- und Einwilligungsbogen, Impfausweis (falls vorhanden).“ Ich klopfe mir die Hände ab. Das wäre also erledigt. Beziehungsweise, nein, Moment: Will ich das eigentlich überhaupt? Ergibt es Sinn, dass ich jetzt dran bin, während Bürgerinnen und Bürger über siebzig erst in der zweiten Welle geimpft werden? Nehme ich jemand anderem den Impfplatz weg? Ich meine: Nicht einmal mein Vater, Lungenkrank und auf der schlechten Seite der siebzig, wird im ersten Schwung geimpft. Und wie ist es eigentlich mit den Langzeitfolgen des Impfstoffs? Man liest doch ständig, dass selbst Ärzte und Pflegekräfte skeptisch sind, was die Sicherheit betrifft. Auf der anderen Seite: 2020 steckt selbst mir als isolationserprobtem Menschen ganz schön in den Knochen. Ich habe, offen gesagt, so die Nase voll von der Corona-Kiste, dass ich mich immer öfter dabei erwische, seltsame Sachen zu googeln („Boxsack billig“, „Testament Inhalt“, „Beschwerdeportal Bundesregierung“ etc.).

Ich versuche in Erfahrung zu bringen, wie das Stufenmodell der Bundesregierung bei nicht wahrgenommener Impfung greift. Meine Recherche ergibt – wie so oft bei Corona: „Es könnte sein, dass...“, „Vieles deutet darauf hin...“, „Wahrscheinlich ist es so, dass ...“ . Ich merke, wie die Gefühle in meinem Inneren miteinander ringen: Skepsis, eine vage Furcht wegen der Nebenwirkungen, ein Ungerechtigkeitsgefühl zur Impfreihenfolge, aber auch Freude, Hoffnung auf den Anfang der Rückkehr in die Normalität. Als Deutscher freue ich mich schlussendlich über das leuchtfeuerartige Verpflichtungsgefühl gegenüber dem Termin, in dieser wilden Melange. Und so stehe ich am 31. Januar bei Schneeregen vor dem Impfzentrum „Messe“. Die Ironie, dass an einem Ort geimpft wird, der in pandemielosen Zeiten für das Zusammenkommen von Zehntausenden gemacht ist, entgeht mir nicht. Die Einrichtung – fast schon eine kleine Stadt – wird von Hunderten Mitarbeitern bevölkert: studentische Hilfskräfte, Ehrenamtliche vom Malteser- und Franziskus-Hilfswerk, Impfärzte, Sanitäter und Verwaltungspersonal.

Von Cubicle zu Cubicle

Die Erfassung ist schnell, kontaktlos, durchweg freundlich und hervorragend organisiert (ich bin kurzzeitig verwirrt, ob ich wirklich in Berlin bin). Es dauert keine fünf Minuten, dann sind meine Daten erfasst, die Anamnese und der Aufklärungsbogen unterschrieben, und ich sitze mit zehn anderen vor einer Leinwand, um mir einen Aufklärungsfilm zur Impfung anzusehen (der speziell für Menschen gemacht zu sein scheint, die 2020 durchgeschlafen haben). Von Cubicle zu Cubicle begleiten uns freundliche Menschen in blauen Leibchen. Insgesamt schleusen mich über zehn sehr modern aussehende Männer und Frauen durch die Halle. Jeder noch so kleine Weg hat einen zugewiesenen Begleiter. Es ist ein bisschen, wie im Apple Store zu sein (oder bei einer großen Sekte – was wahrscheinlich aufs selbe hinausläuft). Aber da spricht vielleicht nur der Universalverdacht gegen alles Schöne und Reibungslose aus mir. Einzig vor der Impfung kommt es zu einer Verzögerung, die unter vielen Entschuldigungen vom Personal erklärt wird: Die Vorbereitung des Impfstoffs durch die Pharmazeuten sei der einzige Flaschenhals, der manchmal zu Verzögerungen führt. In der Impfkabine treffe ich meinen Impfarzt, der mit mir kurz Smalltalk hȁlt, wie um mir zu beweisen, dass er ein Mensch ist. Er wirkt abgekämpft, ist aber auch trotz dieser verständlichen Tatsache sehr freundlich.

Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann
Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann Bild: dpa

Die studentische Hilfskraft, die in der Impfkabine mein Spotter ist, erklärt mir, dass die Sonntagstermine unter Studenten sehr beliebt sind, man kriege 23 Euro die Stunde, die Schichten seien sofort weg. Er selbst habe nach ein paar weiteren Schichten ebenfalls einen Impfanspruch und würde aller Voraussicht nach dann im März geimpft. Ich frage ihn, ob die Menschen die Impfung gut vertragen. Er antwortet: „In der Regel: sehr gut.“ Und nach einer Pause: „Wie es dann zu Hause läuft, kriegen wir allerdings nicht mit.“ Ich frage den Impfarzt nach den Nebenwirkungen – er antwortet mit den Hülsensätzen, die ich schon kenne: „Wenig oder keine, Schmerzen an der Einstichstelle, ein wenig Fieber unter Umständen, meist ist das bei jungen Menschen und nach der zweiten Spritze ausgeprägter – weil das Immunsystem dann stärker reagiert.“ Der Arzt fragt mich, in welchen Arm ich es denn möchte, ich antworte „Rechts“. Er sagt: „Interessant – die meisten wollen links.“ Während ich noch darüber nachdenke, warum wohl, werde ich gegen Covid-19 geimpft.

Sehr deutsch gefühlt

Ich werde in einen Raum begleitet, in dem ich fünfzehn Minuten warten soll. „Dreißig Minuten bei Risikopatienten“. Hier sitzen auch die anderen der Gruppe, die mit mir den Film gesehen haben. Keiner bleibt länger als fünf Minuten. Wir dürfen gehen, wenn wir uns gut fühlen. Wir fühlen uns gut. Ich bleibe trotzdem die gesamten fünfzehn Minuten sitzen. Weil ich ein verdammter Angsthase und offenbar – zumindest, wenn es um meine eigene Sicherheit geht – sehr deutsch bin. Am Ausgang wünscht man mir auf sehr ehrlich klingende Art „alles Gute“. Ich wünsche „alles Gute“ zurück und meine es auch ehrlich. Für Menschen ab achtzig ist ein Taxiservice in der Impfung inklusive. „Ach – wäre man bloß achtzig ...“ – denkt so ungefähr niemand.

Die Impfung vertrage ich gut. Mein rechter Arm tut etwas weh. Vor allen Dingen, wenn ich ihn hebe. Daher hebe ich ihn erst mal nicht. Habe ich mir eh vorgenommen. Am Folgetag fühle ich mich etwas müde. Am Tag darauf wieder ganz „normal“. Sicher: Jeder und jede muss die Entscheidung über die Impfung selbst treffen. Und ich fühle mich auch nicht berufen, eine Empfehlung dazu auszusprechen – zumindest nicht aus medizinischer Perspektive. Aber ich möchte trotzdem für die Impfung werben, denn: Ich wünsche uns in all dem Chaos die Kraft und die Weitsicht, vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Inzwischen habe ich immer stärker das Gefühl, dass wir auf der Schwelle zum Ende dieser Pandemie stehen. Dass Erleichterung und Hoffnung wiederkommen. Ich bestelle mir allerdings trotzdem den Boxsack.

Der Autor, geboren 1981, ist Dramatiker und Theaterregisseur.

Quelle: F.A.Z.
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