Corona-Krise in Frankreich

Die Kulturpolitik ist tot?

Von Jürg Altwegg, Genf
Aktualisiert am 03.08.2020
 - 22:16
Frankreichs Kulturministerin Roselyne Bachelot
Der ökonomischen Potenz seiner Kultur ist sich Frankreich wohl bewusst. Doch tut die Politik genug für seine Künstler in der Corona-Krise? Darüber wird derzeit gestritten im Land.

„Die Kultur ist der Mehrwert Frankreichs“, auch ihre neue Ministerin macht vollmundige Sprüche. „Im Bruttosozialprodukt des Landes“, rechnet Roselyne Bachelot vor, „wiegt sie so viel wie die Landwirtschaft und siebenmal mehr als die Autoindustrie.“ In einer Studie des Ministeriums wird der Verlust an Einnahmen für das Jahr 2020 auf 22,3 Milliarden Euro beziffert. Mehr als 300.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr. Die Wirtschaftsprüfer von EY fürchten, dass jedes zweite Unternehmen der Branche bankrottgehen könnte. Die Besucherzahlen der Kinos erreichen dreißig Prozent der Auslastung des Sommer 2019. Ein Experte des staatlichen Forschungsinstituts CNRS hat den Preis für den Ausfall der Sommerfestivals berechnet: achthundert Millionen Euro.

In Avignon und Arles, die im Sommer jeweils Paris als Kulturhauptstadt des Landes ablösen, gibt es weder das Theatertreffen noch die „Rencontres“ der Fotografie. Auch die Musikfestspiele in Aix-en-Provence und Orange fallen aus. Die beliebteste Ministerin im neuen Kabinett besuchte das Katastrophengebiet Provence. Im September will sie „Generalstände der Festivals“ organisieren. In Papstpalast bewirkte Roselyne Bachelot ein kleines Wunder: Sie zelebrierte ein ökumenisches Gipfeltreffen zwischen den Verantwortlichen des offiziellen Theatertreffens, das von Olivier Py geleitet wird, und dem wichtigen „Off“-Bereich, in dem sich die „privaten Theater“ produzierten.

Zwischen dem subventionierten Theater und den Truppen ohne öffentliche Unterstützung tobt noch immer ein kalter Krieg. Die „Privaten“ werden als Teil der „Unterhaltungsbranche“ verachtet. Beim Avignon-Festival wird ihre Bedeutung für die lokale Wirtschaft auf 72,5 Millionen veranschlagt. Erstaunlicherweise hat Roselyne Bachelot den Truppen, deren Auftritte im „Off“ abgesagt wurden, eine Entschädigung in Höhe von 800.000 Euro zugesprochen. Die Summe wirkt bescheiden, die Geste aber ist kühn. Noch kurz zuvor hatte Olivier Py in „Le Monde“ die Gelder des Staats ausschließlich für das „kulturell relevante“ Theater beansprucht.

Eine Strategie fehlt

Die Theater haben ganz besonders unter dem Virus zu leiden. Im Bereich des „spectacle vivant“ mit seinen Aufführungen vor Publikum beträgt der Einbruch der Einnahmen siebzig Prozent. Der Sektor lebt von den „intermittents“, die zwischen zwei Engagements Arbeitslosengelder beanspruchen können: Schauspieler, Bühnenarbeiter, Techniker. Für sie wurden alle Fristen um ein Jahr verlängert. Wer im März nicht beschäftigt war, muss sich bis August 2021 keine allzu großen materiellen Sorgen machen. Davon profitieren mehr als hunderttausend Kulturschaffende. „Wie hoch auch immer die Kosten sein werden“, versprach Macron, als er seinen Marshallplan für die Kultur verkündete.

Ausgerechnet Emmanuel Macrons bisheriger Redenschreiber Sylvain Fort beklagt in einem Kommentar den „Tod der Kulturpolitik“. Fort, der erst kürzlich das Elysee verlassen hat, teilt Bachelots Leidenschaft für die Oper, der er mehrere Biographien gewidmet hat. Schon lange zeichnete sich Niedergang der Kulturpolitik ab. Seit Jahren, stellt Fort fest, beschränke sie sich darauf, „die Kulturszene vor dem Mark zu schützen“. Es gibt keine Konzepte mehr. Jede einzelne Klientel will bedient werden. Vom Verlagswesen bis zur Filmindustrie habe jede Sparte die staatliche Hilfe nur für sich eingefordert. Unter den Dutzenden von Petitionen gab es keine einzige, in der ein Schauspieler und Sänger gemeinsam für die Rettung der Kultur plädiert hätten. Die Kultur hat es verpasst, mit der Politik eine Strategie zu entwerfen. Seit dem Ausbruch der Epidemie ist die „Insel der Glückseeligen“ (Fort) vom Untergang bedroht.

Der Autor fordert eine radikale Neubestimmung: Amazon, Google, Netflix und der französische Medienkonzern Vivendi „können mehr für die Kultur tun als der Staat“. Eine europäische Direktive verlangt, dass die amerikanischen Konzerne einen Teil der Umsätze, die sie in Europa erzielen, auch hier investieren. Paris wird sie wieder einmal als erstes Land umsetzen. Bachelots Vorgänger Franck Riester sprach von 25 Prozent. Netflix & Co wollen eine Quote von maximal sechzehn Prozent. „Die Welt schaut auf Frankreich“, sagt eine Sprecherin der Produzenten: „Wir erleben einen historischen Augenblick.“

In den Städten wollen die Grünen die Gelder neu verteilen. Sie orientieren sich dabei an sozialen Kriterien – mit der Oper als Feindbild – und an den gescheiterten Utopien der Linken von vor dreißig und mehr Jahren: „Kultur für alle.“ Die von Sylvain Fort kritisierte Kulturpolitik ist nicht tot. In der Corona-Krise erscheint sie sogar als Avantgarde der französischen Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Freier Autor im Feuilleton.
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