Tanzfestival in Montpellier

Und der Tanz bewegt uns doch

Von Wiebke Hüster
05.07.2022
, 22:08
Aggressiv und lustgetrieben: Szene aus Ohad Naharins Choreographie „2019“.
Orientierungslos und doch bei sich: Das Festival Montpellier Danse zeigt großartige neue Positionen.
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Die Kunstwelt und mit ihr der Tanz überarbeiten einige überkommene Vorstellungen davon, wer Zugang haben soll zum Zirkel der Kunstschaffenden, wer in den Werken, auf den Bühnen repräsentiert sein soll und welche Themen bisher unterrepräsentierter Minderheiten nun vorkommen müssen. Bei Jean-Paul Montanaris Festival Montpellier Danse zeigten drei Arbeiten exemplarisch, wie sich Choreographen zu diesen veränderten Erwartungen verhalten, Erwartungen, von denen nicht immer klar ist, in welchen Rollen oder Funktionen und in welcher Zahl Subjekte der Geschichte sie formulieren. Selbst wenn es nur wenige Akteure sind, die prominent Forderungen erheben, und sich die Mehrheit der Gesellschaft eher träge diesen Forderungen mehr fügt als anschließt – es ist interessant zu beobachten, wie sich der Tanz dazu verhält.

Wie sich die Geschichte wiederholt, spiegelt sich in dem plakativsten Werk, Ohad Naharins Choreographie „2019“. Wie sich jemand, dem der Zugang zum Tanz lange verwehrt blieb, in einer Choreographie gleichsam ohne Tanz ausdrückt, ist in Nacera Belazas „L’Envol“ zu sehen, während Noë Souliers „First Memory“ den höchsten Abstraktionsgrad aufweist, indem es Alltagsbewegungen zerteilt, unterbricht, verfremdet, rhythmisch organisiert, durch Wiederholungen inter­essant macht.

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Beklemmend schwarz

Vielleicht ist das Problem des Tanzes der Gegenwart, dass er keine Meinung mehr zu seinen Mitteln zu haben scheint, da auch dem Publikum jedes von ihnen recht zu sein scheint. Indem es mehr darauf ankommt, wer spricht, und weniger, wovon, wie konkret und wie diskursiv gesprochen wird, verlieren ästhetische Urteile an Bedeutung. Mit Blick auf Nacera Belazas Stück „L’Envol“ – „Emporfliegen“ – bleibt einem der Versuch, ihr Stück einzuordnen, im Hals stecken. Auf der Zuschauertribüne im Studio Bagouet in der Agora, dem Zuhause des zeitgenössischen Tanzes in Montpellier, ist es eng und bedrückend still, und die Dunkelheit ist beklemmend schwarz. Elektronische Klänge setzen ein, ein dumpfes Wummern, über dem ein bösartiges hohes Pfeifen schwirrt. Schemenhaft wird eine reglose dunkle Gestalt erkennbar, die geheimnisvoll im Dunkeln von hier nach da schwebt. Alles ist Sinnesanstrengung, den Krach abzuwehren, das Dunkel zu durchdringen, aber das Bild der Gestalt verlischt.

Später hält der nervenzerreißende Klang durchgehend an, und es wird ab und an schwach heller. Einzelne Menschen in dunklen, verhüllenden Kleidern taumeln, streben im Kreis um die Bühne. Es sei ihr um den Zustand des Fallens gegangen, schreibt die Choreographin Nacera Belaza im Programmheft, sie sei fasziniert davon gewesen, sich das Gefühl des Fallens ohne Widerstand dagegen vorzustellen, die Freiheit, die Furchtlosigkeit, den Punkt, an dem die Angst vor dem Tod mit der Sinnlosigkeit, gegen ihn anzukämpfen, kollidiert.

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Belaza ist eine 1969 in Algerien geborene Autodidaktin des Tanzes, eine Minimalistin, deren introspektive Arbeiten davon geprägt sind, dass es ihr von Seiten ihrer Familie nie gestattet war, Tanztechniken zu erlernen. Als das Mädchen vier Jahre alt war, zog die Familie nach Reims, aber die Dinge besserten sich dadurch nicht für sie. Mit 27 Jahren verließ sie ihre Familie. Die Abwesenheit von Farben, von Helligkeit, von Musik, von Interaktion in „L’Envol“ ist schwer auszuhalten.

Die Flucht als ein Rennen

Ohad Naharin, berühmtester zeitgenössischer Choreograph Israels, hat für die Batsheva Dance Company, die er dreißig Jahre lang leitete, mit „2019“ ein energiegeladenes Werk geschaffen, das die Äußerlichkeiten der Tänzer, die allenfalls halb so alt wie er sind, zum Thema macht. Knappe, billig aussehende Kostüme, Tierfellmuster und Domina-Schnürstiefel mit spitzen Absätzen, künstliche Fingernägel und Schmuckstücke, die privat wirken, aber zum Kostümbild gehören, passen dazu, dass die Bühne nicht mehr ist als ein Laufsteg zwischen zwei Sitztribünen, von denen aus die Zuschauer einander in die Augen sehen können, über die Protagonisten hinweg, zwischen ihnen hindurch. Songs in gefühlter Endlosschleife treiben ein Geschehen an, das Flucht als Rennen darstellt und die Wirkung von Gewalt und Krieg als aggressive Orientierungslosigkeit schildert.

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Trotzdem sind die Tänzer noch sie selbst und schön. Aber sie starren einzelne Zuschauer auf eine so verstörend Lolita-hafte, ambivalente Weise an zwischen ihren Tänzen, dass es unheimlich ist. Links und rechts können sie den Laufsteg verlassen, sie nutzen diese Portale, um von ihnen herunterzubaumeln oder sich abwartend anzulehnen, in vollem Galopp durch sie hindurch nach draußen auszubrechen wie über eine eigentlich geschlossene Grenze. Schließlich, nach all ihren aggressiven und lustgetriebenen Bewegungen klettern sie diesseits und jenseits ihres Laufstegs zwischen die Zuschauerreihen, ziehen Frotteeumhänge mit Kapuzen unter den Stühlen hervor und verteilen sich, freundlich Einverständnis einholend, liegend der Länge nach auf so vielen Zuschauerschößen wie nötig. Die Betroffenen lächeln, kreuzen die Arme, die sie nun nicht mehr herunternehmen können, um Berührungen zu vermeiden. „You me and the next war“ heißt eines von vielen hebräischen und arabischen Gesangsstücken zu dieser Choreographie, zu ihrer schon beinahe pornographischen Ausstellung von Körpern. Gefühle? Was für Gefühle?

Noé Soulier ist halb so alt wie Ohad Naharin, leitet seit 2020 das Centre national de danse contemporaine in Angers, und seine Arbeit „First Memory“ ist das ganze Gegenteil von Naharins Spektakel. Nicht die Wucht der Gruppe, sondern die differenzierten, Nähe und Ferne, Vergangenheit und Gegenwart, Zärtlichkeit und Brutalität immer wieder neu verhandelnden Duette seines sieben Frauen und Männer zählenden Ensembles faszinieren. Alltagsgesten, Kampfsport-Sequenzen und Yoga-Haltungen durchziehen das feine choreographische Geflecht. Vom natürlichen Atemfluss getragen, vollführen die Tänzer auch die energischeren Bewegungen – manchmal fliegen Fäuste wie in einem imaginären Streit – ganz organisch, mit geradezu lyrischer Gelassenheit. Das Stück versucht, in die disziplinierte Strenge von Merce Cunninghams Postmoderne und die freundliche, aber dennoch abstrakte Bewegungsschönheit einer Trisha Brown oder eines Steve Paxton etwas Intimeres einfließen zu lassen, das aber zugleich immer sagt: Moment, das bin nicht wirklich ich, der Tänzer, sondern das sind Fragmente meiner Erinnerungen, die in die Art, wie ich tanze, eingehen.

Es klingt kompliziert und sieht intellektuell aus auf der Bühne, aber zauberhaft schön. Und zugleich stimmt es traurig, denn die Verluste von Souliers Tanz gegenüber der strahlenden, meisterhaften, parlierenden Moderne, die mit Cunninghams und Browns Tod zu Ende ging, sind beachtlich; alle jene Abbrüche von ohnehin schon kurzen Phrasen, die vielen Gänge, die Abwesenheit von Unisono. Souliers Stück ist großartig radikal, indem es die Situation ungeschönt reflektiert, und wenn jemand den Tanz aus dieser Lage herausführen kann, dann er und seine Generation, ehrlich, hochemotional und intellektuell, wie sie sind, aber es ist schwer, und es werden vielleicht immer wieder Stücke dabei entstehen, die ganz tief im Inneren eine ratlose Trauer hinterlassen.

Quelle: F.A.Z.
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