Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Anzeige
DDR-Tagebücher junger Menschen

„Die ganze Welt schaut auf uns...“

Von Nora Sefa
Aktualisiert am 03.10.2019
 - 10:37
Teile der Berliner Mauer werden am 11. November 1989 mit Hilfe eines Krans entfernt. Zahlreiche Menschen verfolgen in der Nacht die Aktion. Bild: Picture-Alliance
Was beschäftigte junge Menschen in der DDR im Sommer und Herbst 1990? Welche Gefühle löste die Wiedervereinigung in ihnen aus? Auszüge aus Tagebüchern zeugen von großer Unsicherheit.

Im Sommer 1990 publizierte die Zeitung „Junge Welt“ einen Aufruf des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt Universität Berlin – mit dem Titel „Chronisten gesucht“. Gefragt waren Personen im Alter zwischen sechzehn und fünfunddreißig Jahren, die ein Vierteljahr lang ihre „Gedanken, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste“ über die Wiedervereinigung in einem Tagebuch festhalten sollten. 157 Tagebücher wurden eingereicht, fast ausschließlich von Frauen. Wir dokumentieren Auszüge.

Anzeige

Dienstag, 2. Oktober 1990

Nur noch wenige Stunden bis zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Komisch, die ganze Welt schaut auf uns . . ., aber mir ist gar nicht historisch zumute. Jetzt heißt es endgültig Abschied nehmen von der DDR . . . Irgendwie tut dieses Abschiednehmen weh, ich sträube mich innerlich noch immer gegen diesen Zusammenschluß – es ging mir einfach zu schnell, ich sehe die totale Selbstaufgabe unseres Landes (wie wenig wurde übernommen, es gab doch so viele positive Dinge) und die Hoffnungslosigkeit der Leute in meiner Umgebung. Und ich habe von einer neu gestalteten DDR geträumt, mit einer wirklichen Demokratie, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Solidarität untereinander. Wie schön hatte alles angefangen . . . Nun sitzen wir vor dem laufenden Fernseher, erleben die Stimmung im Land (vor allem in Berlin), die an Silvester erinnert, sehen die euphorischen Reporter und in die erwartungsvollen Gesichter der Menschen und wissen gar nicht, welches Gefühl nun in uns aufsteigen soll. Freude sicher nicht, Stolz ganz und gar unmöglich, es wird wohl eher Wehmut sein. Wehmut und Traurigkeit! . . . Sicher, als einziges der Ostblockstaaten haben wir den besten Start, finanziell und wirtschaftlich. Aber ich habe eben Angst um die Menschen, Angst auch vor ihnen. Wie lange wird es dauern, bis der letzte noch erhaltene Funken Zusammengehörigkeitsgefühl zertreten ist?
ANONYM, Hausfrau

Die verordnete Freude tritt nicht ein, woher auch. Es ist eine eigentümliche Leere. Ich habe die letzten Tage damit verbracht, für heut Abend alle möglichen Rock-Lieder Made in GDR auf die Kassetten zu bringen. Und es ist schon auffällig, welche eigenständigen Formen diese Musik in all den Jahren angenommen hat. Da war etwas von Lebensgefühl, mit dem man sich identifiziert hat. Die Aufarbeitung unserer Geschichte hat erst begonnen. Ich fühle mich als Teil dieser, und das wird ganz sicher bleiben. Ich spüre, daß wahrscheinlich davon mehr zurückbleibt als von dem, was angeblich als Heimatverbundenheit mit Deutschland da sein bzw. wachsen soll. Vielleicht gelingt dies unseren Kindern, obwohl ich selbst dazu nichts für sie tun kann.
ANONYM, Pädagogin

Anzeige

Mittwoch, 3. Oktober, Tag der Einheit

Ich konnte mich nicht freuen, fühlte mich alleine und sehr betroffen. Wohin geht jetzt mein Weg? . . . Ich komme mir zur Zeit vor, als ob ich triftend in einem Boot in einem großen Meer sitze. Wohin nur? Nirgendwo gibt es Halt. Kaum einer versteht die Brüche in mir. Nun bin ich Bundesbürger. Weil das ein anderer sagt. So einfach ist das. Die Bundesfahnen schon in den Händen kleiner Kinder rauhen meine Seele auf. . . Denn sie wissen nicht, was sie tun . . . Aber sie werden es auf alle Fälle besser haben, denn sie wachsen nicht mit diesem Bruch auf, sondern er ist Tatsache und normal in ihrem Leben. So wie das die Mauer für mich war. Kein Problem.
ANONYM, Telefonistin

Um 0.00 Uhr halten wir jeder ein Glas „Wodka Gorbatschow“ in der Hand, wir wollen die alte Nationalhymne singen, aus Gag, auch um Abschied zu nehmen, als aus dem Kassettenrecorder die feierliche Musik kommt, im Chor beginnt „Auferstanden aus Ruinen“, ist meine Kehle zu, ich zerbeiße mir die Lippen, um am Ende doch in Tränen auszubrechen.
ANONYM, Medizinisch-technische Assistentin

In der Nacht, 24.00 Uhr bin ich doch noch mal aufgestanden . . . Wir haben uns draußen die Raketen angesehen . . . Abends kam noch so eine Sendung im Fernsehen zur Wiedervereinigung. Ich bin schon der Meinung, daß das ein bedeutendes und sehr großes geschichtliches Ereignis ist. Nur sind alle Sorgen und Gedanken der kleinen Leute meist unabhängig von der großen Geschichte und ganz praktischer Natur. Und ich denke mir, wenn einer z. B. keine Arbeit mehr hat, kann er trotz Wiedervereinigung nicht so richtig laut lachen.
ANONYM, Beruf unklar

Das war nun der Vereinigungstag. Ein Wetter wie aus dem Bilderbuch . . . Die richtige Feiertagsstimmung hatten wir ja ohnehin nicht. . . . Das Beklemmendste daran ist für mich der Gedanke, wir hätten vielleicht doch eine Chance gehabt, tatsächlich einen menschlichen Sozialismus aufzubauen, wenn wir mit uns und unseren Problemen ehrlich umgegangen wären.
ANONYM, Lehrerin

Der erste Tag im „neuen“ Deutschland. Ich kann es noch nicht fassen. Es ist so unwirklich. Heute vor einem Jahr wurden die ersten Züge von Prag über D. geleitet. Heute vor einem Jahr packte uns erstmals das Entsetzen. Ein Jahr voller Zweifel, Tränen, Mut, Hoffnung, Wut, Freude, Resignation, Elan, Stolz, Scham – eigentlich alles. Wir waren heut den ganzen Tag zu Hause. Ich hatte einfach keine Lust, jemanden zu sehen, hatte keine Lust auf strahlende Gesichter.
ANONYM, arbeitssuchend

Froh bin ich auch, daß der gestrige Abend ruhig verlief und nicht diese Ausschreitungen eingetreten sind, die man erwartet hat. Man kann es noch gar nicht ganz fassen, daß es nun nur noch ein Deutschland geben wird. Es ist ein historischer Tag, der nie wieder in der Geschichte sich wiederholt, machen wir das Beste daraus.
ANONYM, Psychotherapeutin

Nun sollen wir also eins sein. Einen Grund zum Feiern sah ich nun wahrlich nicht! Mutlos will ich ja nicht sein, irgendwie fehlt mir aber auch die Vorstellung über die Zukunft. Um 12.00 beziehungsweise 0.00 haben wir auf die DDR angestoßen! Sollen die anderen in Euphorie feiern – ich sehe noch keinen Grund!
ANONYM, Studentin

Die DDR existiert nicht mehr, wir sind ein Deutschland. Aber Grund zur Freude ruft das bei mir nicht hervor. . . . So ging ich gestern gegen 22.00 ins Bett und schlief auch sofort todmüde ein. Ich habe die Wiedervereinigung also verschlafen – andere werden kräftig gefeiert haben. In meiner Umgebung jedenfalls ist die Freude sehr verhalten, und die Interviews im Radio und Fernsehen waren ja auch eindeutig. „Das Ereignis sei zwar bewegend und man müsse es halt erleben“ – aber Zuversicht oder gar Freude brachten die wenigsten zum Ausdruck. Angst und Unsicherheit überwiegen, und ich glaube fest daran, daß so mancher der noch gestern „Hurra“ schrie, in nächster Zeit sehr viel anders darüber denken wird . . . Wie herausfordernd und laut erklang vor ca. einem Jahr der Ruf: „Wir sind das Volk.“ Nicht einmal ein Jahr ist es her – vergessen! Aber vergessen, so glaube ich, ist es nicht in den Herzen und Köpfen derer, die damals den Anfang wagten. Sie haben verloren, sie sind nicht mehr gefragt.
ANONYM, Hausfrau

Wir waren zu Hause „geschichtliche Penner“, so prägte jemand im Fernsehen die Leute, die in der Nacht vom 2.10.90 zum 3.10.90 nicht feiern und fröhlich sind. Wir gingen zu Bett, aber nicht gedankenlos. Ich empfand doch Dankbarkeit und bin froh, nicht mehr eingesperrt und unterdrückt leben zu müssen. Aber ein Nationalgefühl, der Wunsch zum Feiern kommt nicht auf. Und deshalb auch nicht diese Euphorie an diesem Tag.
ANONYM, Krankengymnastin

Jetzt sind wir Deutsche. Beitrittsbürger, Angesiedelte, Eingegliederte; ohne Namen und Gesicht. Hilflos – ich ja. Wehrlos? Es ist viel geredet worden. Am Anfang – vor einem Jahr – taten wir es selbst, halbe Nächte haben wir diskutiert, in der Familie, mit Freunden. Dann stellten sich die „Redner“ ein, alles beste Importware. Und das Volk, das eins und es selbst werden wollte, schwieg, hörte zu, ließ sich einlullen. Ließ sich sanft und friedlich die Dinge aus der Hand nehmen, genauso friedlich, wie es sie in die Hand nahm. Und die eigene Person ins Spiel gebracht – was tat man? Vorher, während, nach der sogenannten Revolution? Ewig mutlos, weil desorientiert sieht man sich gern als Außenseiter.
ANONYM, Lehrerin

Egon Krenz
Erinnerungen an das Ende der DDR

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Geschäftsführer (m/w/d)
Flughafen Erfurt GmbH über DEININGER Unternehmensberatung GmbH
Zum Stellenmarkt
Berufsmäßiger Stadtrat (m/w/d) für das Bau- und Umweltreferat
Stadt Coburg
Zum Stellenmarkt
Professur für Markt- und Konsumentenpsychologie
Hochschule für angewandte Wissenschaften Augsburg
Zum Stellenmarkt
Professur für Personalpsychologie
Hochschule für angewandte Wissenschaften Augsburg
Zum Stellenmarkt
Verlagsangebot
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Jetzt in Pflegeimmobilien investieren
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zur Immobilienbewertung
Lernen Sie Französisch.
Jetzt gratis testen
Verbessern Sie Ihr Englisch.
Jetzt gratis testen
Lernen Sie Spanisch.
Jetzt gratis testen
Anzeige