FAZ plus Artikel50 Jahre Frauenwahlrecht

Die Frau, das unmündigste Kind

Von Hubert Spiegel
05.02.2021
, 11:54
50 Jahre Schweizer Frauenwahlrecht
Man braucht viel Phantasie, wenn man sich heute ausmalen will, mit welchen Argumenten der Mehrheit der Bevölkerung ein demokratisches Grundrecht so lange vorenthalten wurde: Wie die Eidgenossenschaft vor fünfzig Jahren das Wahlrecht für Frauen einführte.
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Der erste Mann hatte seinen Fuß auf den Mond gesetzt, bevor die erste Frau ein Schweizer Wahllokal betrat, um ihre Stimme abzugeben. Zwei Jahre lagen zwischen diesen beiden Ereignissen. Die Nasa hatte sieben Jahre benötigt, um ihr „Apollo“-Programm 1969 zum Ziel zu führen. Die Schweiz brauchte ein ganzes Jahrhundert für eine Reform des Wahlrechts, die 1971 endlich der Mehrheit der eidgenössischen Bevölkerung zu ihrem Recht verhalf, das in der Verfassung von 1848 nicht eindeutig geregelt war. Die erste Bundesverfassung sprach zwar im Prinzip allen Schweizern vom zwanzigsten Lebensjahr an das allgemeine Stimmrecht zu, kannte aber viele Ausnahmen. Vor allem aber sprach sie nur von Schweizern. Von Schweizerinnen war keine Rede.

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Deshalb forderten die Zürcherinnen schon 1868 das Frauenstimmrecht. Vergeblich. Stimmrechtsvereine wurden gegründet, Versammlungen abgehalten, Demonstrationen veranstaltet. Erfolglos. Etwa achtzig Mal wurden die Schweizer bis 1971 auf Kantons- und Kommunalebene zu den Urnen gerufen, um darüber zu entscheiden, ob Frauen das Wahlrecht erhalten sollten. Jedes Mal war die Entscheidung den Männern vorbehalten. Fast jedes Mal lehnten sie ab.

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Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
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