60 Jahre Anwerbeabkommen

Nur für geladene Gäste

Von Imran Ayata
25.10.2021
, 17:44
Heimaturlaub per Bus: Migranten in Frankfurt.
Es ist erstaunlich, wie wenig Gastarbeiterinnen der ersten Generation als „role models“ gerühmt werden. Sie könnten als Vorreiterinnen progressiver Lebensformen gelten. Ein Gastbeitrag.
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Die Türkische Gemeinde in Deutschland hatte Anfang Ok­­tober zu einem Festakt ins Haus der Kulturen der Welt in Berlin eingeladen. Gefeiert wurden 60 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei. Durch die Festveranstaltung führte die Publizistin Ferda Ataman, die gleich zu Beginn die schöne Idee hatte, Vertreter der ersten Generation im Saal zu feiern. Sie sollten sich erheben, damit Applaus aufbranden konnte. Es dauerte eine kleine Weile, dann standen zwei, drei Männer auf. Viel mehr waren auch nicht an­wesend. Es gibt kaum ein passenderes Bild dafür, wie in Almanya dieses Jubiläum begangen wird. Der politische Mainstream, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, redet noch immer über­wiegend über Gastarbeiter und nicht mit ihnen. Sind sie zu solchen Feierlichkeiten eingeladen, bleibt ihnen oftmals die Rolle biographischer Stichwortgeber, um das neuerliche Narrativ von der Einwanderung als Erfolgsgeschichte zu schmücken. In dieser Erzählung fin­det inzwischen auch Rassismus seinen Platz. Solingen, Rostock-Lichtenhagen, NSU-Komplex, Mölln, Halle und Ha­nau werden erwähnt. Doch die Obsession, eine Erfolgsbilanz zu ziehen, überstrahlt vieles. Gastarbeiter haben in Deutschland ein Zuhause aufgebaut, ihre Kinder und Enkel sind nicht nur inte­griert, sondern auch zu herausragenden Leistungen in der Lage, so geht diese Story.

Türkische Bergleute in der Zeche „Walsum“ nahe Duisburg
Türkische Bergleute in der Zeche „Walsum“ nahe Duisburg Bild: ullstein bild

Das Einwanderungsland Almanya bleibt gefangen im toxischen Dreieck aus Bereicherung, Viktimisierung und Be­drohung und tut so, als sei es die Aufgabe von Einwanderern, dieses Land ökonomisch oder kulturell zu bereichern. Bei allen auch positiven Entwicklungen werden Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu Opfern gemacht oder als solche stigmatisiert. Noch immer wird Einwanderung als eine Gefahr für die Ho­mogenität dargestellt und rassistisch ins­trumentalisiert. Bei Straftaten von Ge­flüchteten oder Migranten geraten schon mal rechtsstaatliche Prinzipien in Vergessenheit, wird der Ruf nach Ab­schiebungen reflexartig laut. Aufhorchen ließ daher die Forderung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, es sei Zeit für einen „Perspektivwechsel“. An­lässlich seiner Rede zum Anwerbeabkommen erklärte er: „Sie sind nicht ‚Menschen mit Migrationshintergrund’ – wir sind ein Land mit Migrationshintergrund.“

Türkische Frau tanzt in einer türkischen Gaststätte in Mülheim.
Türkische Frau tanzt in einer türkischen Gaststätte in Mülheim. Bild: ullstein bild

Diese etwas ungelenke Formel, in der sich das Trennende „sie“ und „wir“ wiederfindet, führt unweigerlich zur Folgefrage, was das genau sein soll, ein Land mit Migrationshintergrund. Für einen Perspektivwechsel bedarf es jedenfalls mehr. Dazu gehört, Migrantinnen und Migranten als gleichberechtigte Akteure in der Einwanderungsgesellschaft zu verstehen und herauszustellen, wie wichtig sie für gesellschaftliche Transformationen sind. Es ist erstaunlich, wie wenig et­wa Gastarbeiterinnen der ersten Generation als „role models“ gerühmt werden. Sie könnten als Vorreiterinnen progressiver Lebensformen gelten, weil für sie das Ringen um Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon in den 1960er-Jahren Alltag war – als in Deutschland das Bild von „Mutti am Herd“ kultiviert wurde und „samstags Vati mir gehörte“. Das hat in den Erinnerungen zum Anwerbeabkommen genauso wenig Platz wie Hunderte von Gastarbeiterinnen initiierte Streiks Anfang der 70er-Jahre, für mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung.

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Unerklärlich bleibt, wie wenig Beachtung die Resilienz und widerständigen Strategien der ersten Generation gegenüber institutionellem und alltäglichem Rassismus sowie ökonomische und soziale Ausgrenzung finden. Auch ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Er­rungenschaften und ihr kulturelles Wirken sind verkannt. Manchmal scheint es so, als blickten auch Kinder und Enkel der Gastarbeiter mit einer gewissen Ig­noranz und Überheblichkeit auf die ers­te Generation; die Art, wie sie Deutsch sprechen, ihr einfaches proletarisches Le­­­ben, ihre Musik oder Literatur. Man selbst ist cooler, erfolgreicher, neu-deutscher oder postmigrantischer. Dabei wä­re es längst überfällig, dass gerade die zweite und dritte Generation diesen Pionieren mehr Respekt zollen.

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Alles, was heute als Erfolg von Mi­granten verhandelt wird, hat seinen Ur­sprung in der ersten Generation. Ohne sie wären wir nicht die, die wir heute sind. Zum differenzierten und selbstkritischen Blick auf die Geschichte der Einwanderung gehört auch, weiterhin un­erlässlich an rassistische Übergriffe und Morde zu erinnern. Aber dabei darf es nicht bleiben. Der Kampf gegen Rassismus und für gleiche Rechte gehört endlich ins Pflichtenheft dieses Landes. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der wir uns energischer stellen müssen. Erst jenseits einer Verwertungs- und Nutzenlogik von Migration und jenseits des erwähnten toxischen Dreiecks könnte es denkbar werden, dass Einwanderung nicht als temporäres und reversibles Phänomen oder Spiegelstrichthema gilt, sondern als selbstverständliche, gesellschaftliche Realität gelebt wird – mit all ihren Herausforderungen und Chancen.

Berlin-Kreuzberg Ende der Siebzigerjahre.
Berlin-Kreuzberg Ende der Siebzigerjahre. Bild: Picture Alliance

Außerdem könnte es helfen, sich vom Fe­tisch zu befreien, Deutschland könnte in Zeiten der Globalisierung, Digitalisierung und Migration wie ein Mastermind und Türsteher nach Belieben Einwanderung staatlich regulieren. Das hat schon in der Vergangenheit nicht geklappt, auch wenn das Anwerbeabkommen und die Ausländerpolitik als Paradebeispiele für die Steuerung von Einwanderung ver­standen werden, die generalstabsmäßig den Bedarf nach Arbeitskräften or­chestriert, Menschen ins Land lockt und zurückweist, mit Rückkehrprämien, An­werbestopps, Abschiebungen oder Ausweisungen. Längst wissen wir: Menschen setzen sich in Bewegung, verlassen ihr Zuhause, bauen in einem anderen Land eine Existenz auf, erfinden sich und ihr Umfeld neu, umgehen staatliche Regeln, schaffen sich Zugang zu ökonomischen und gesellschaftlichen Ressourcen, verändern Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Frauenstreik bei dem Autozulieferer Pierburg in Neuss (1973).
Frauenstreik bei dem Autozulieferer Pierburg in Neuss (1973). Bild: Picture Alliance

Das war selbstverständlich bei Gastarbeitern nicht anders. Die Geschichte von Einwanderung und Anwerbeabkommen ist vielschichtiger, als viele vermuten. Und ihre Bedeutung reicht weit über runde Jubiläen hinaus. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani verwies jüngst da­rauf, dass die „Gastarbeiter-Zuwanderung“ Deutschland stärker verändert ha­be als alles andere nach dem Zweiten Weltkrieg – mehr noch als die Wiedervereinigung. Er schlägt vor, der ersten Generation solle zur „Würdigung ihrer Lebensleistungen für Deutschland völ­lig bedingungslos die deutsche Staatsbürgerschaft ge­schenkt werden“. Es geht aber nicht um gönnerhafte Geschenke oder darum, eine Lebensleistung für Deutschland zu er­bringen. Die Gastarbeiter streb­ten nach einem besseren Leben, ha­ben Erfolg, Teilhabe und Rechte erstritten und dafür teuer bezahlt.

Was die Türkische Gemeinde, den Bundespräsidenten, Aladin El-Mafaalani und uns eint, ist die schlichte Erkenntnis, dass das Leben in der Einwanderungsgesellschaft kompliziert und ohne Selbst­widersprüche kaum vorstellbar ist. Diese müssen wir nicht nur aushalten, sondern auch künstlerisch, literarisch und politisch formen. Dabei bleibt die Ambiguitätstoleranz die notwendige Bedingung für eine Gesellschaft, die noch stärker von Migration konturiert sein wird.

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Imran Ayata ist Autor und Campaigner, Ende November erscheint das Album „Songs of Gastarbeiter Vol. 2“, das er gemeinsam mit Bülent Kullukcu zusammengestellt hat.

Quelle: F.A.S.
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