Ästhetische Chirurgie

„Eingriffe sind nicht mehr so tabu“

Von Anna Vollmer
17.09.2021
, 08:58
Ein Schönheitschirurg setzt in Hamburg das Skalpell an einer zuvor markierten Stelle am Augenlid der Patientin an.
Bauch, Beine, Po, Gesicht – viele Leute lassen sich vom Chirurgen in die gewünschte Form bringen. Corona hat die Zahl der Eingriffe deutlich erhöht. Ein Gespräch über Schönheitstrends und Wünsche, die nicht erfüllt werden.
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Herr Prantl, Sie arbeiten seit über zwanzig Jahren. Inwiefern hat sich die Schönheitschirurgie in dieser Zeit verändert?

Die ästhetische Chirurgie. Schönheitschirurgie hören wir ungern, weil das kein geschützter Begriff ist. Jeder kann sich Schönheitschirurg nennen, auch wenn er keine spezielle Ausbildung hat. Es gibt den Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, der die Voraussetzung dafür ist, dass man eine Weiterbildung im Bereich der ästhetischen Chirurgie machen darf, wo man die Eingriffe lernt. Und es gibt selbst ernannte Schönheitschirurgen, so kann sich etwa ein junger approbierter Arzt als Schönheitschirurg bezeichnen.

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Nimmt die Zahl der ästhetischen Eingriffe zu?

Ja. Ästhetische Eingriffe sind nicht mehr so tabu. Heute hat mir eine Patientin gesagt: „Ich stehe dazu, dass ich mir mein Gesicht straffen und die Bauchdecke und die Brust machen lasse. Sowie ich dazu stehe, dass ich mal eine Zahnspange hatte.“ Das gilt nicht nur für gewisse Bevölkerungsschichten, sondern insgesamt.

Womit erklären Sie sich das?

Ich denke, dass das Äußere sehr an Bedeutung zugenommen hat. Vieles ist oberflächlicher und kurzlebiger geworden. Das ist vielleicht seit 20 Jahren so. Aber die Entwicklung hat sich beschleunigt.

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Andererseits geht es in den sozialen Medien um „Body Positivity“, man soll den Körper akzeptieren, wie er ist. Bekommen Sie von diesem Trend zur Natürlichkeit etwas mit?

Weniger, muss ich sagen. Allerdings wird die plastische Chirurgie oft mit dem Begriff der Unnatürlichkeit verbunden. Aber das ist nicht unsere Intention! Unsere Intention ist es, Altersprozesse zu verlangsamen, indem man gewisse Verbesserungen vornimmt. Von der Unnatürlichkeit, übergroßen Brüsten mit Implantaten oder massiv aufgespritzten Lippen, sind wir plastischen Chirurgen weit weg. Bei meinen Patienten geht es darum, eine natürliche Schönheit herzustellen. Wenn eine Frau zum Beispiel seit der Pubertät eine ganz kleine Brust hat, kann man mit Eigenfett dafür sorgen, dass die Brust mit körpereigenem, natürlichem Gewebe vergrößert wird und so zum restlichen Körper passt.

Gibt es einen ästhetischen Konsens, die „klassische Schönheit“?

Das kann man sagen. Dazu habe ich viel geforscht. Da muss man zwei Dinge unterscheiden: Es gibt natürliche Schönheit, die so genannt wird, weil sie in der Natur vorkommt, wie die Harmonie des Goldenen Schnitts. Gewisse Proportionen und Maße, die wir als besonders angenehm empfinden. Aber basierend darauf, gibt es auch Schwankungen, die durch Trends gesetzt werden. So waren in den USA etwa vor 15 Jahren extrem große Brüste attraktiv, da hat man Implantate mit einem Volumen von über 500 Millilitern eingesetzt. Heute muss die Brust zum Körper passen. Die durchschnittliche Implantatgröße liegt jetzt bei 250 bis 300 Millilitern. Die Hälfte von dem, was damals Trend war.

Der plastische Chirurg Lukas Prantl weiß durch weltweite Studien, was Menschen als „schön“ empfinden.
Der plastische Chirurg Lukas Prantl weiß durch weltweite Studien, was Menschen als „schön“ empfinden. Bild: Universitätsklinikum Regensburg

Welche Studienergebnisse haben Sie überrascht?

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Etwa, dass es gewisse Proportionen gibt, die von einer sehr hohen Zahl von Befragten als schön empfunden werden. Was bei allen als wichtig angekreuzt wurde, war die Beinlänge oder das Verhältnis zwischen dem Umfang der Taille und Hüfte, das bei Frauen unter 0,8 sein soll. Bei der Brustgröße kam raus, dass Männer sie tendenziell etwas größer, Frauen eher kleiner mögen. Das sind Dinge, die man schon vermutet und die sich durch die Studien bestätigt haben.

Gerade liest man viel von Brazilian Butt Lifts.

Es gibt kulturelle Unterschiede. Das hat unsere weltweite Studie gezeigt. Bei den Südamerikanern liegt das Hauptaugenmerk bei der Frau auf dem Gesäß, weniger auf der Brust. Deshalb ist in Südamerika der Brazilian Butt Lift mit Eigenfett sehr begehrt. Allerdings gibt es auch bei den Attraktivitätsidealen eine gewisse Globalisierung.

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Woher kommen Schönheitstrends?

Vor allem von Jüngeren. Trends nehmen die 15- bis 25-Jährigen fast immer als positiv und attraktiv an. Während die Älteren, die 50-, 60-, 70-Jährigen, eher skeptisch sind.

Kann man von Schönheitsidealen Rückschlüsse auf die Gesellschaft ziehen?

Ganz sicher. Ein gutes Beispiel ist das Körpergewicht. Früher sollten Frauenkörper Fülle haben. Inzwischen gelten schlanke, langbeinige Frauen tendenziell als attraktiv, was mit der Rolle der Frau zu tun hat: Frauen sollen nicht nur die Mutterrolle verkörpern, sondern auch beruflich erfolgreich sein. Diese Vorstellungen setzen sich im Körperbild durch.

Wie viel Prozent Ihrer OPs orientieren sich an Trends und wie viele an der klassischen Schönheit?

Die extremen Varianten sind selten. Die bewegen sich vielleicht maximal bei fünf Prozent. Meist wünschen sich die Patienten Natürlichkeit, allerdings steht dies nicht immer im Widerspruch zu Trends.

Welchen Effekt hatte Corona?

Da gab es sehr auffällige Veränderungen. Weil sich die Leute in Video-Meetings viel öfter gesehen haben, war die Zahl der Gesichtsoperationen, Lidoperationen und Facelifts deutlich höher. Viele Patienten fürchten ja immer, dass sie durch eine ästhetische Operation eine gewisse Ausfallzeit haben. Wegen Corona haben viele gesagt: Wenn ich sowieso zu Hause bin, sieht mich in der Heilungsphase niemand.

Wie jung sind Ihre jüngsten Patienten?

OPs bei Kindern mit abstehenden Ohren werden meistens vor dem fünften Lebensjahr gemacht. Das ist die jüngste Gruppe. Dann gibt es die Gruppe der Jugendlichen, da geht es viel um Narbenkorrekturen, also um funktionale Aspekte. Nach der Pubertät, so ab 19, wenn das Wachstum abgeschlossen ist, geht es hauptsächlich um Brüste.

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Legen sich mehr Männer als früher unters Messer?

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Der Prozentsatz der Männer hat eindeutig zugenommen: Das betrifft das Fettabsaugen, aber auch Gesichtsstraffungen oder Brustoperationen. Die „männliche Brust“ wird häufig nachgefragt. Aber die Verteilung liegt immer noch bei 30 Prozent Männern, 70 Prozent Frauen.

Gibt es Wünsche oder Patienten, die Sie ablehnen?

Das kommt vor. Es gibt Patienten mit extremen Wünschen, bei denen man sich fragt, ob ihnen bewusst ist, dass solche Eingriffe nicht unbedingt wieder rückgängig gemacht werden können. Ich hatte eine 25 Jahre alte Patientin, die eine überdimensional große Brust wollte. Der sagte ich: Ihr Gewebe wird in Ihren jungen Jahren komplett überdehnt. Das wird nicht lange halten. Von ganz unnatürlichen Vorstellungen rate ich also ab. Und es gibt Patienten, die sich auf einen Körpermakel fixieren. Das nennt man Dysmorphophobie. Denen wird man mit einer OP keinesfalls helfen.

Denken Sie als Chirurg mehr über Ihr eigenes Aussehen nach?

Natürlich. Wenn Sie vom Fach sind, schauen Sie jemandem ins Gesicht und haben gewisse Kriterien, nach denen Sie das Gesicht analysieren. Sie analysieren vom Scheitel runter alles durch: Ist die Augenbraue zu tief? Gibt es Hautüberschuss am Oberlid? Liegen Tränensäcke vor? Ist die Nasolabialfalte tief? Natürlich macht man das bei sich selbst auch.

Lukas Prantl ist Direktor der Klinik für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum und Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg. Als Professor für plastische Chirurgie an der Universität Regensburg hat er unter anderem zur menschlichen Attraktivität geforscht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Vollmer, Anna
Anna Vollmer
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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