FAZ plus ArtikelDie Anbetung der Stärke

Warum Putin in Russland so populär ist

Von Alissa Ganijewa
13.05.2022
, 07:31
Im Namen des Vaters: Putin paradiert am vergangenen Montag mit Angehörigen von Weltkriegsveteranen in Moskau.
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Erlernte Hilflosigkeit: Die Bewohner Russlands fühlen sich für die Verbrechen ihres Staates nicht verantwortlich. Selbst liberale Regime-Kritiker distanzieren sich nicht vom Chauvinismus des Kremls.
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Putinismus in Russland – das bedeutet weitaus mehr als die Unterstützung Wladimir Putins. Es bedeutet die staatsbürgerliche Verkrüppelung al­ler Schichten einer Gesellschaft, die zwanzig Jahre lang systematisch und zielgerichtet entpolitisiert wurde. Hier besitzt die Staatsmacht schon so lange das Monopol auf Wahrheit und Politik, dass jeder, der dagegen angeht (oppositionelle Abgeordnete, Prominente, Unternehmer, so­ziale Aktivisten oder bürgerrechtliche Organisationen), a priori als Verlierer da­steht, kläglich und lächerlich. Im besten Fall erklärt man so jemanden zum armen Irren, überzieht ihn mit Schikanen und Provokationen, nimmt ihm seinen Besitz weg, kappt seine beruflichen Chancen, drängt ihn aus dem Land – im schlimmsten Fall bringt man ihn um. In den letzten Jahrhunderten haben die Russländer nicht einmal zehn Jahre echter Freiheit erlebt, die Angst, „bloß nicht aufzufallen, das kann böse enden“, ist ihnen zur zweiten Natur geworden. So ist es kein Wunder, dass sie problemlos mit Paternalismus und der sogenannten erlernten Hilflosigkeit angefixt werden konnten.

Heute orientiert sich jede Erwägung, egal worum es geht, am Primat der Stärke. Deshalb auch der jetzt so verbreitete Schutzreflex, sich mit Stärke, Macht und Staatsgewalt zu identifizieren: Wenn unser Land die Ukraine tatsächlich angegriffen hat, dann war das eben nötig; die da oben wissen doch besser Bescheid als wir; jetzt muss man den Präsidenten ohne Wenn und Aber unterstützen. Vor allem Beamte jeder Couleur beeilten sich, mit der Parole „Für den Sieg, für den Präsidenten“ ihren Schwur auf die „Spezialoperation“ abzulegen, von Universitätsrektoren über Gouverneure bis hin zu Schulleitern. Das ist wenig erstaunlich, hat sich doch der Staatsdienst jahrelang vor allem aus Opportunisten ohne Ideen und Initiative rekrutiert.

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