Amerikas Bibliotheken

Verbotsversuch für verliebte Pinguine

EIN KOMMENTAR Von Tilman Spreckelsen
30.09.2020
, 14:41
Amerikanische Bibliotheken schlagen Alarm: Viele Bücher werden von selbsternannten Zensoren angefeindet. Darunter eine Pinguin-Liebesgeschichte.

Roy und Silo sind Pinguine. Als sich in der Pinguinkolonie die Paare finden, tun sich auch Roy und Silo zusammen. Sie sind, so beschrieben es Justin Richardson und Peter Parnell 2005 im Bilderbuch „And Tango Makes Three“, genau wie die anderen Paare um sie her. Nur dass sich bei ihnen kein Nachwuchs einstellt, denn Roy und Silo sind beide Pinguinmännchen. Dann schmuggelt ihnen der Zoowärter ein Ei ins Nest, die beiden brüten es aus und erweisen sich für das „Tango“ getaufte Küken als liebevolle Väter.

Argwohn und Zensur

Schön, möchte man sagen, sogar richtig süß, wenn man die zarten Bilder des Illustrators Henry Cole betrachtet, und jedenfalls so harmlos, wie es Pinguinbilderbücher unweigerlich sind. Dass das in den Vereinigten Staaten ganz anders gesehen wird, gab nun die „American Library Association“ (ALA) bekannt. Jedes Jahr zu Beginn der „Banned Books Week“ weist die Bibliotheksvereinigung auf die Versuche hin, durch Beschwerden bestimmte Bücher aus Leselisten zu streichen oder gleich aus den Bibliotheken zu entfernen.

Pinguine in guter Gesellschaft

In diesem Jahr hat die ALA eine Liste derjenigen hundert Bücher publiziert, die am häufigsten zum Teufel gewünscht worden sind. Die Pinguinliebesgeschichte findet sich auf Platz sechs und in exzellenter Gesellschaft: Toni Morrison, Harper Lee, Margaret Atwood, Marjane Satrapi Anne Frank oder George Orwell sind allesamt genügend Menschen ein Dorn im Auge, um hier aufgeführt zu werden. Beklagt würden Schilderungen von Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen, Darstellungen von Rassismus oder Polizeigewalt sowie Inhalte, die religiöse Belange berührten.

Die Liste bilde allerdings nur einen kleinen Teil der entsprechenden Versuche ab, Bücher unter Verschluss zu halten, sagen die Verantwortlichen. Das große Versprechen der Bibliotheken aber, jedem jedes Buch zur Verfügung zu stellen, egal wie andernorts darüber gedacht wird, ist ernsthaft in Gefahr. Denn die meisten inkriminierten Bücher dieser Liste richten sich an junge Leser. Und wer heute Bilderbücher verbannen will, in denen Vier- bis Achtjährige schwulen Pinguinen begegnen, der kann ein Korrektiv vertragen. Auch dafür sind Bibliotheken da.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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