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FAZ plus ArtikelWert des Individuums

An diesem Imperativ kann die Politik scheitern

Von Rudolf Stichweh
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 21:32
Wie viel Wert soll das Individuum haben?
In der Corona-Pandemie zeigt sich die ungeheure Bedeutsamkeit des Individuums in der modernen Gesellschaft. Was passiert, wenn alle ihre Funktionssysteme zeitweilig nur einem einzigen Gebot folgen? Ein Gastbeitrag.

Soziologen beschreiben Gesellschaft durch die Form der Differenzierung, die eine Gesellschaft in sich hervorbringt. Mit Differenzierung ist die Verteilung des gesellschaftlichen Geschehens und der Teilnehmer an Gesellschaft auf Teilsysteme gemeint, aus denen eine Gesellschaft besteht. Das alte Europa verstand bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein und in Restbeständen lange danach die Stände oder Schichten als seine hauptsächlichen Teilsysteme. Es gab den Adel, den Klerus, verschiedene bürgerliche Gruppen und die Bauern. Die gesellschaftliche Ordnung war die Ordnung dieser Gruppen und der in der Regel lebenslangen Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen oder Stände.

Die moderne Gesellschaft, in der wir seit 250 Jahren leben, beruht auf einem vollständigen Austausch dieser Ordnungsform. An die Stelle hierarchisch geordneter Stände setzt sie durch Sachthemen und gesellschaftliche Funktionszuweisungen geordnete Kommunikationssysteme, die ausnahmslos globale Kommunikationssysteme sind: Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft, Erziehung, Recht, Kunst, Sport, Massenmedien, das Gesundheits- oder Krankheitssystem sowie das System der Intimbeziehungen und Familien. Niemand hat heute die Gesamtheit seiner Lebensvollzüge in nur einem dieser Funktionssysteme. Statt ihnen zuzugehören, nimmt man punktuell an ihnen teil (Soziologen nennen das Inklusion), und diese Personen, die punktuell an den Funktionssystemen teilnehmen, sind Individuen, die sich durch die extreme Diversität ihrer Teilnahmen individualisieren. Das Individuum existiert außerhalb dieser Funktionssysteme, es ist nur in einzelnen Ereignissen mit ihnen verknüpft. Neben der funktionalen Ordnung selbst ist das Individuum die andere revolutionäre Erfindung der modernen Gesellschaft.

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