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FAZ plus ArtikelHumboldt-Universität zu Berlin

Kann jetzt geschossen werden?

Von Hannah Bethke
 - 06:54
Schauplatz einer Debatte, die aus den Fugen geraten ist: Die Humboldt-Universität zu Berlin

Die Studenten sind sich keiner Schuld bewusst. Über ein Jahr schon dauern die Konflikte um den Berliner Historiker Jörg Baberowski an. Als Faschist und Rassist wurde er beschimpft, als „rechtsradikaler Professor“, der kritische Studenten mundtot machen wolle, als Choleriker und schlechter Verlierer. Es ist grotesk, was sich, vorangetrieben durch Mitglieder der studentischen Vertretung, die sich hier nicht „Asta“, sondern „RefRat“ nennt, seit geraumer Zeit an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) abspielt.

Nachdem das von Baberowski – und wohlgemerkt von zehn weiteren Professoren – geplante Forschungszentrum zu Fall gebracht wurde, haben sich die Fronten so sehr verhärtet, dass Bafta Sarbo und Juliane Ziegler, zwei Studentinnen aus dem RefRat, Baberowski angezeigt und eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht haben. Dieser hatte sie auf seinem Facebook-Account als „unfassbar dumm“ und „linksextreme Fanatiker“ bezeichnet. Damit greife er ihre Persönlichkeitsrechte an, erklärt Ziegler im Gespräch, da sei die Grenze der Meinungsfreiheit erreicht. Dass die Studenten mit ihren monatelangen Diffamierungen gegen Baberowski selbst nicht einhalten, was sie fordern, nämlich respektvoll und fair zu bleiben, streitet Ziegler ab.

Bafta Sarbo hat unterdessen auf Twitter einen Tweet als „sehr gut“ bezeichnet, der sich in Abwandlung eines Zitats der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof auf die „Bild“- Zeitung bezieht: „Wir sagen, natürlich, die Springer-Journalisten sind Schweine, wir sagen, der Typ an der Tastatur ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“

„Bild“-Zeitung hat Polizei informiert

Nach Auskunft ihres Pressesprechers hat die Universitätsleitung daraufhin ein Gespräch mit Sarbo geführt. Die Universität verurteile Äußerungen oder Tweets, die zu Gewalt aufriefen. Wenn dies in einem Umfeld geschehe, das der HU zuzuordnen sei, werde die Universitätsleitung sich vorbehalten, rechtliche Schritte einzuleiten. Erstaunlicherweise streitet die Universitätsleitung eine solche Zuordnung im Fall von Sarbo aber ab: „Zwischen Äußerungen von Bafta Sarbo als Privatperson und der Ausübung ihres Amtes besteht an dieser Stelle kein Zusammenhang.“

Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete darüber im Sinne der Studenten, ließ aber eine entscheidende Information unerwähnt. Denn dass der Staatsschutz gegen Bafta Sarbo ermitteln könnte, wie Baberowski laut „Tagesspiegel“ angibt, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wie ein Sprecher des Axel-Springer-Unternehmens bestätigte, hat die „Bild“-Zeitung die Polizei über Sarbos Tweet informiert. Ob der Vorfall dann zur Anzeige gebracht werde, sei Sache der Polizei. Das BKA wollte sich auf Nachfrage aus datenschutzrechtlichen Gründen dazu nicht äußern. Der Twitter-Account von Bafta Sarbo, für den sie keinen Klarnamen nutzt, ist mittlerweile nur noch für ihre Follower sichtbar. *

Unbemerkt bleibt in diesem lauten Getöse die enorme Machtverschiebung, die durch die Omnipräsenz der sozialen Medien stattfindet. Einfluss nimmt, wer am lautesten brüllt – und nicht die schweigende Mehrheit. Denn die Mehrheit der Studenten beteiligt sich an der Debatte überhaupt nicht. Gerade einmal acht Prozent von ihnen haben an der letzten Wahl des RefRats teilgenommen.

„Nur noch verbrannte Erde“

Aus dem Dekanat der Philosophischen Fakultät heißt es, man habe Vermittlungsversuche eingeleitet. An einen Erfolg mag keiner der Beteiligten so recht glauben. „Zwischen uns Studierenden und Baberowski gibt es nur noch verbrannte Erde“, sagt Juliane Ziegler. Auch Baberowski zeigt sich skeptisch, dass es zu einer sachlichen Aussprache kommen könnte.

Sein Fall ist symptomatisch für einen Wissenschaftsbetrieb, der seit der Bologna-Reform, dem rapiden Wachstum des universitären Prekariats und der Überflutung der Lehrstühle mit Projektanträgen zunehmend verkommt. Es dominiert eine Wissenschaft, die den Disput scheut und intellektuelle Störenfriede zu zähmen versucht, statt einen produktiven Dissens lebendig zu halten. Im Fall Baberowski spiegelt sich auch eine Diskursverengung in der Gesellschaft, die verlernt hat, gelassen mit Abweichungen umzugehen. Auf diese Weise kommt es zu Verdrehungen, die Sachverhalte auf den Kopf stellen.

Denn dies ist keine Geschichte – wie der Jurist Andreas Fischer-Lescano in seiner scharfen Kritik an Baberowski kürzlich im „Verfassungsblog“ nahelegte –, in der Studenten entrechtet würden und mutig aufbegehrten gegen professorale Repression und autoritäre Führungsstrukturen. Die Studenten deutscher Hochschulen hatten noch nie so viele Rechte auf Mitbestimmung wie heute. Dass die HU bis heute nicht in der Lage ist, die Debatte in den Griff zu bekommen, und sich stattdessen zum Spielball einer Handvoll Studenten machen lässt, legt beredtes Zeugnis davon ab.

* Anmerkung der Redaktion: Anders als in einer früheren Fassung des Artikels berichtet, ist die Angabe im „Tagesspiegel“ richtig, dass der Account der Studentin Bafta Sarbo nicht mehr für jeden öffentlich zugänglich ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bethke, Hannah
Hannah Bethke
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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