Ausstellung

Was ist deutsch?

Von Nils Minkmar
29.05.2006
, 13:18
Berlin ist wieder eine Reise wert: „Nach Berlin!”, Plakat von Fritz Rosen, 1926
Nach langem Streit wird jetzt die große Deutschland-Schau im Historischen Museum Berlin eröffnet. In einigen Stunden wandelt der Besucher von den Römern zu Christo. Der erste Eindruck - ganz undeutsch: wenig Ambition, viel Charme.
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Die Plastik des polnischen Künstlers Mieczyslaw Stobierski ist strahlend weißes Grauen: Tausende von miniaturisierten Männern, Frauen und Kindern gehen den Weg von den Sammelstellen durch die Keller zu den Kammern und in das Krematorium Auschwitz II. Die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte stehen wie geronnen in der Ecke des Untergeschosses. Auf das riesige Ding hat jemand ein Blatt Papier gelegt und mit dem Edding einen Hinweis gekritzelt: „Vorsicht empfindliche Objekte.“ Das ist nicht übertrieben, wenn man vom Holocaust spricht.

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Jedes Museum stößt hier an Grenzen. Das Jüdische Museum, Yad Vashem und das Holocaust Museum in Washington haben an diesem Punkt das symbolische Gedenken gewählt. Berlin nimmt einen direkteren, dreidimensionalen Weg: Gründungsdirektor Christoph Stölzl hatte diese Landschaft des Grauens einst angekauft, nun werden sich die gewundenen Körper der kleinen weißen Gipsmännchen in die Erinnerung Abertausender Schüler einbrennen.

Auf Umwegen war man lange genug

So ist die gesamte Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Deutschen Historischen Museum: sie nimmt jetzt den direkten Weg, auf Umwegen war das Haus selber lang genug. Es begann in einem verschwundenen Land in einem anderen Jahrtausend: Als Helmut Kohl 1987 mit dem Entschluß zur Gründung eines Deutschen Historischen Museums daherkam, bogen sowohl die Geschichtswissenschaft als auch die Museen selbstbewußt in ihre Blütezeit ein: Der Historikerstreit hatte das Fach als entscheidendes Schlachtfeld um die intellektuelle Deutungshoheit etabliert, Größen wie Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kocka, Thomas Nipperdey, Lothar Gall, Eberhard Weis, Wolfgang und Hans Mommsen fuhren sich gegenseitig in die Parade mit dickleibigen Bänden, von denen die allermeisten - ernste Werke mit in den Anmerkungen verstecktem Humor - zu Bestsellern wurden.

Typisch deutsch - als erstes sieht man Münzen: Halbaugustalis, Kaiser Friedrich II., um 1231
Typisch deutsch - als erstes sieht man Münzen: Halbaugustalis, Kaiser Friedrich II., um 1231 Bild: DHM

Zugleich strömten Massen von Westdeutschen in die großen Ausstellungen zur Geschichte der Staufer, der Salier, der Karolinger, zur Geschichte der Hexen und nahezu jeder Stadt, Region und Provinz. Ein Prozeß der Zivilisierung und Versöhnung mit der Geschichte, der mit der kritischen Nachfrage zu den bis dato undiskutierten personellen Kontinuitäten der NS-Herrschaft etwa in Justiz und Wehrmacht durchaus einherging.

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„Es gibt sie also, die deutsche Geschichte“

Als Willy Brandt 1985 das Museum für deutsche Geschichte in der Hauptstadt der DDR besuchte, schrieb er ins Gästebuch: „Es gibt sie also, die deutsche Geschichte.“ Auch die DDR kümmerte sich gegen Ende um den Bauernkrieg, ihren Luther und ihren Friedrich den Großen.

Und Museen, auch das hatte man gegen Ende der Achtziger gelernt, konnten für Städte Unwahrscheinliches leisten. Paris hatte Ende der siebziger Jahre damit angefangen: Das Centre Pompidou von Richard Rogers und Renzo Piano hatte die ganze Innenstadt neu belebt, auch Stuttgart und Frankfurt erlebten durch Museumsneubauten eine Renaissance ihrer Urbanität; es ist ein Boom, der bis heute anhält. Doch das wichtigste Moment der großen europäischen Museumsprojekte - eine erneut alle Grenzen und Formen und Kosten sprengende Architektur für einen ambitionierten Neubau - enthielt ausgerechnet die oberste Auftraggeberin, die Geschichte selbst, dem Deutschen Historischen Museum vor. Das wiedervereinigte Deutschland hatte plötzlich einen Ort für die Vergangenheit, das Zeughaus Unter den Linden. Seit dem Jahr 2000 arbeitet man dort nun an der Dauerausstellung zur deutschen Geschichte. Die Fußball-WM setzte dann den Termin.

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Der erste Blick fällt auf kleine Münzen

Nun gießt sich die ganze seit dem Ende der achtziger Jahre aufgestaute symbolische und kulturelle Ambition in den etwas verträumten, stalinistisch umgebauten Riesenkasten Unter den Linden. Es gab Zeiten, da hätte diese Aussicht - eine permanente Interpretation der deutschen Geschichte mitten in Berlin - das ganze Land verrückt werden lassen vom Fieber der Diskussionen und Debatten. Es wäre dann auch vorstellbar gewesen, daß - wie im Fall des Jüdischen Museums - Ausstellungsmacher vom anderen Ende der Welt, vom Maori-Museum in Auckland/Neuseeland, daß die abgefahrensten Typen überhaupt für die abgedrehtesten musealen Konzepte eingeflogen worden wären. Man hätte, zu Zeiten größerer Erregung der Öffentlichkeit über die eigene Geschichte, locker Unterwasserinstallationen, Lufteffekte und Laserlandschaften erwarten können.

Es ist aber alles anders im Jahr 2006, und das sagt auch etwas über die Ermüdung der Zeit aus. Der erste Blick fällt auf kleine Münzen: Ein römischer Legionär hatte sie in der Tasche zur Varus-Schlacht mitgebracht, dann hat es ihn erwischt. Sie liegen mit Nägeln und Spangen und anderem Kleinzeug in einem Schaukasten neben einer Reitermaske, etwas weiter ist ein wundervolles Mosaik zu bewundern, dessen Jagdszenen leuchten. Hohe Kunst und Alltagsgegenstände leben hier in enger Nachbarschaft.

Verträumter Blick als wichtigstes Medium

Nach einigen Schritten steht man vor Albrecht Dürers imaginiertem Porträt von Karl dem Großen, und dann glänzt ein herrlicher Ritter, auch das Pferd ist in Rüstung und schimmert! Er schaut zu uns herab, viele kleine Jungs und Mädels werden sich hinaufträumen. Der blinzelnde, verträumte Blick ist das wichtigste Medium dieser Dauerausstellung. Nicht der kritische Diskurs, erst recht nicht irgendeine neonationale oder etwa paneuropäische Emphase. Das zurückgenommene Konzept rückt den Betrachtern nicht zu nahe. Es setzt nicht auf die Produktion bedeutungsvoller Empfindungen. Anders als etwa im Londoner Imperial War Museum muß man in keinen Schützengraben steigen oder auf dem rekonstruierten Kanonendeck eines Piratenschiffs vor Lärm und Enge erzittern. Man geht und steht und staunt. Das Thema der frühneuzeitlichen Entdeckung der Welt etwa, 1492, Kepler, der Behaimsche Globus, wird brav dar- und ausgestellt, das ist alles sehr ordentlich und nimmt etwa den gleichen Raum ein wie der Buchdruck und die Bauernkriege - bis der Blick auf einen gigantischen Gobelin fällt, auf dem exotische Tiere und Pflanzen in Cinemascope gezeigt werden, eine Giraffe mit Harnisch; das Exponat transzendiert die biedere Museumssprache, und man staunt und lernt und weiß Bescheid.

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Als hätte es die Schule der „Annales“, die Sozial- und Kultur- und Alltagsgeschichte nie gegeben, hangelt sich die Erzählung an den großen Männern, Mächten und Ereignissen entlang, aber das ist etwa in der Frühen Neuzeit zu verschmerzen, weil es die Augsburger Monatsbilder gibt: Vier riesige, strahlend bunte Tafeln, auf denen das Leben einer Stadt in den drei Monaten einer jeden Jahreszeit abgebildet ist, komplett mit tobenden Kindern, Weinprobe, Festen, Hochzeiten und Todesfällen. Selbst der zufällig hereingewehte chinesische Fußballfan versteht etwas vom Leben und Überleben in einer vormodernen Stadt, von untergegangenen Epochen und der Erinnerung daran.

Die schlichte Fülle der Objekte

Es ist ein Guck-Museum: hinter jeder Ecke glänzt eine seltsame Waffe, blickt ein knallbuntes Herrscherporträt hervor, knistern vergessene Stoffe. In kurzer Zeit geht man von Wallensteins Degen zu Napoleons Hut, vom Taufkleid Friedrichs des Großen zu den blauen Augen Berta Krupps - die schlichte Fülle der Objekte lenkt die Schritte; und anschließend stellt man fest, daß man kaum einmal eine gerade Strecke gegangen ist - man mäandert sich durch die Geschichte.

Es ist dabei gar nicht so leicht, in das viereckige Zeughaus mit seinen stalinistisch entkernten Saalfluchten ein labyrinthisches Innenleben zu transplantieren. Das Haus ist auf historisch-materialistischen Fortschritt und lineare Abfolge der Menschheitsgeschichte von einem Saal zum nächsten hin ausgebaut worden, nun muß die alte Unübersichtlichkeit durch Trennwände und herabgehängte Beleuchtungskörper hergestellt werden. Das Licht soll nicht mehr gleichermaßen über alle von oben scheinen, sondern gleichsam wie aus jedem einzelnen Objekt hervorschimmern - auch lichttechnisch zeigt sich die Bescheidenheit des Ausstellungsdiskurses.

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Mit Christo war ein Endpunkt gesetzt

Auch die Grenzen mäandern. Statt obsessiv auf die nationale Zuständigkeit eines deutschen Museums zu achten, wandert die Ausstellung sachgemäß durch den Kontinent: Der französischen und amerikanischen Revolution wird breiter Raum geschenkt, es gibt ein eindrucksvolles Porträt von Napoleon als Kaiser und ein beunruhigendes von ihm als Artillerieleutnant; die Dreyfus-Affäre wird ebenso geschildert wie der spanische Bürgerkrieg.

Der eigentümliche, zurückgenommene Charme der Ausstellung, der dabei hilft, daß man über die schwache Theorie und die nur mittelmäßig entwickelte inszenatorische Ambition leicht hinwegsieht, erklärt sich womöglich vom Ende her. Die Ausstellung endet mit der Reichstagsverhüllung durch Christo und Jeanne-Claude 1994, einer der überflüssigsten, daher fröhlichsten und schönsten Aktionen der deutschen Geschichte. Da zeigte sich erstmals die gute Laune des wiedervereinigten Landes und einer Gesellschaft, die sich nicht mehr so zwanghaft mit politischen Abgrenzungen und nationalen Eigenarten zu beschäftigen braucht, die ihrem privaten Kram nachgehen kann, ohne dauernd am eigenen Deutschsein herumzutasten, ob es noch da sei. Mit Christo war ein Endpunkt gesetzt, die Politik, selbst die Geschichtspolitik trat den Rückzug an - auch wenn Rot-Grün vergeblich eine Wiederbelebung des aktivistischen Bürgersinns versuchte - heute herrscht in Europa weitgehend politische Ebbe.

Andere Sorgen als die Vergangenheit

„Die Deutschen suchen heute ihr Glück im Privaten“, hatte Helmut Kohl, der Experte der deutschen Stimmungen, der beim Demoskopieratespielen des Allensbacher Instituts regelmäßig gewann, einmal festgestellt, ohne zu ahnen, daß das bedeuten könnte, daß sein Museum kein Ort der Aufgeregtheiten mehr sein würde, sondern schlicht wieder ein etwas verträumter, biederer Ort, an dem Spuren verflossener historischer Energie zu sehen sind, Spuren der Koselleckschen „vergangenen Zukunft“.

Wir haben andere Sorgen als die Vergangenheit. Einstweilen ist sie im Zeughaus gut aufgehoben. In einigen Stunden auf 7500 Quadratmetern von den Römern zu Christo, und das - wie der DHM-Pressesprecher stolz bemerkte - „für nur vier Euro“. Kann man nix sagen.

Die Ausstellung „Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen“ wird an Pfingsten eröffnet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.05.2006, Nr. 21 / Seite 23
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