<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
FAZ plus ArtikelDer Kampf gegen Rassismus

So viele Augen

Von Olivia Wenzel
Aktualisiert am 01.07.2020
 - 15:46
Die französische Eiskunstläuferin Surya Bonaly, 1999zur Bildergalerie
Es ist wichtig, die brutalen Bilder des sterbenden George Floyd und unzähliger anderer, durch Polizeihand sterbender Afroamerikaner gesehen zu haben. Genauso wichtig ist es, andere Bilder zu sehen, jetzt und zukünftig.

Als ich 15 war, besuchte ich die neunte Klasse eines Gymnasiums in Weimar. An einem Tag im Winter schwänzte ich erst- und letztmals die Schule. Ich lebte nicht mehr bei meinen Eltern und hatte gute Noten, wusste also, dass das Schwänzen keinerlei negative Konsequenzen würde haben können. An diesem Tag steckte eine junge Frau meine Schule in Brand. Eine überforderte Schülerin, hieß es später, die nicht zum Abitur zugelassen worden sei, habe im Affekt einen Weihnachtsbaum angezündet. Einige jüngere Schüler erlitten eine leichte Rauchvergiftung, ansonsten nahm niemand körperlichen Schaden; die Sache ging glimpflich aus.

Am 26. April 2002, knapp anderthalb Jahre später, just am Tag, an dem sich die Täterin vor einem Erfurter Gericht verantworten musste, lief Robert Steinhäuser an seiner Schule, ebenfalls in Erfurt, Amok. Er tötete 16 Menschen, überwiegend Lehrerinnen, danach sich selbst. Steinhäusers Tat ging damals vielen nah, vor allem dem Lehrpersonal. In den Tagen nach dem Amoklauf sah ich immer wieder Lehrer weinen. Manche hatten persönliche Kontakte nach Erfurt, waren befreundet, hatten miteinander studiert. Vielleicht hielten wir deshalb im Unterricht eine Schweigeminute ab. Ich erinnere den Moment bis heute: das gemeinsame Aufstehen aller von den knarzenden Stühlen, das Geradestehen, die Tafel, auf der Schwämme weißliche, mittlerweile trockene Schlieren hinterlassen hatten. Damals war mir so, als hielten wir plötzlich alle die Luft an, als lauschten wir einem Rauschen in unseren Köpfen, das wir bis dahin nicht bemerkt hatten. Ich hatte Sorge, zu husten oder loszukichern und damit die gewichtige, atemlose Minute zu versauen.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

F.A.Z. PLUS:

  im F.A.Z. Digitalpaket

: Aktion

Diesen und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+

Olivia Wenzel schreibt Theatertexte und Prosa und lebt in Berlin. Zuletzt erschien ihr Roman „1000 Serpentinen Angst“ (S. Fischer Verlag).

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.