Wie Politiker sich darstellen

Eine Rolle spielen

EIN KOMMENTAR Von Peter Körte
15.05.2022
, 08:29
In der Pose des klassischen Arbeiterführers: Wirtschaftsminister Robert Habeck  vergangene Woche in der Erdölraffinerie Schwedt.
Die couragierte junge Frau, der Robert Redford, der Mehrzweckjackenträger: Politikerinnen und Politiker inszenieren sich immer. Aber welche Rollen wählen sie in Zeiten des Krieges?
ANZEIGE

Dass Politik etwas mit Inszenierungen zu tun hat, wollte man in Deutschland widerwillig erst begreifen, als Ronald Reagan 1981 amerikanischer Präsident wurde – um es gleich verächtlich zu machen, weil dem gängigen Antiamerikanismus ein ehemaliger Hollywoodschauspieler in diesem Amt als ein Anschlag auf den Geist des Abendlandes erschien. So einer durfte doch keine Rolle spielen! Mittlerweile haben Politiker nicht nur Strategie- und PR-Berater, sondern Imagepfleger und bevorzugte Friseure. Und all die Helfer wissen, was man in jedem Drehbuchseminar lernt: Niemand ist Heldin oder Held von Natur, sondern wird es durch die Umstände.

Das ließ sich vergangene Woche sehr gut an Annalena Baerbocks Auftritt in Kiew beobachten. Sie hatte die richtige Körpersprache, sie sagte einfache, klare, triftige Sätze, sie füllte die Vakanz, die der designierte Hauptdarsteller gelassen hatte, weil er nicht fahren wollte. Nicht der müde, zaudernde alte Sheriff zog los, sondern die couragierte junge Frau – auch wenn das Modell im klassischen Western nicht vorgesehen ist. Und Baerbock wirkte, obwohl ihr Auftritt sicher gründlich geplant war, auf eine Weise unverstellt und unmittelbar, dass der Inszenierungscharakter, wie in großen Hollywoodfilmen, unwichtig wurde und allein die Wirkung zählte.

ANZEIGE

Wolodymyr Selenskyj, der talentierteste, textsicherste Akteur, der mit seiner Rolle verwachsen ist wie ein langjähriger Serienheld, erkannte sofort diesen Moment als einen, in dem er die ganze Bundesregierung einladen konnte, weil diese Frau deren beste Repräsentantin war, die alle anderen in den Schatten stellen würde.

Habecks Robert-Redford-Haftigkeit

An Friedrich Merz in ungewohnter Mehrzweckjacke dachte da niemand mehr. Mit einem Gesichtsausdruck, als sei das Sauerland von einem Meteoriten verwüstet worden, trat er Selenskyj in Kiew gegenüber. Und hatte einen Fotografen dabei, der beim Handschlag mit dem ukrainischen Präsidenten den beträchtlichen Größenunterschied zwischen beiden sehr unvorteilhaft zeigte, wie es kein anständiger Regisseur und Produzent zulassen würden. Der mäßig begabte Schauspieler Merz schaffte es auch nicht, „in character“ zu bleiben. Er musste hinterher prahlen, er allein habe bei Selenskyj die Einladung von Kanzler und Bundespräsident bewirkt. Da waren die Rollen von Mehrzweckjackenträger und Oppositionsführer nicht mehr kongruent. Das ist bei Amateuren meist so – die denken immer, sie müssten mehr spielen, was zum Chargieren führt.

ANZEIGE

Merz hätte lernen können – nicht so sehr bei Baerbock, eher bei Robert Habeck. Habeck unterstellt man immer ein Kalkül, ob er mit Pferden spricht oder in Schwedt in der Rosneft-Raffinerie vor der Belegschaft auf den Tisch springt wie ein Volkstribun oder Arbeiterführer in alten Filmen. Er wirkt dabei jedoch nie völlig unsympathisch, weil zur Pose sofort die reflexive Brechung kommt, weil er zur Schau stellt, was von Politikern immer wieder gefordert wird: intellektuelle Skrupel, das Eingeständnis, sich geirrt zu haben – und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Man kann auch darin mühelos eine Selbstinszenierung erkennen. Und zugleich bemerken, dass Habeck einer dieser Schauspieler ist, die bewusst nie ganz in ihrer Rolle aufgehen. Dennoch entsteht da kein krasser Widerspruch zwischen seinem der Öffentlichkeit zugekehrten Selbst und dem Part, den er politisch spielen muss. Das ist, wenn man so will, eine Art Robert-Redford-Haftigkeit.

ANZEIGE

Der kruden geschichtsklitternden Propaganda auf dem Roten Platz sind diese Inszenierungen ästhetisch wie politisch überlegen, auch weil sie einen wissen lassen, dass sie inszeniert sind. Und weil an den Auftritten von Baerbock oder Habeck nicht entscheidend ist, dass sie eine Rolle spielen, sondern für welche Rolle sie sich entschieden haben.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
ANZEIGE