Begräbnisriten der Antike

Die Schatten dahinter

Von Uwe Walter
18.11.2011
, 15:00
Der Umgang mit dem Tod hat nichts Selbstverständliches mehr. Wie haben die Alten den Tod verwunden? Begräbnisriten der Griechen, Römer und frühen Christen.

Die Fruchtbarkeit der Natur ist erstorben, wenn westliche Christen im Kollektiv ihrer Toten gedenken, die Katholiken zu Allerseelen am 2. November, die Protestanten am Totensonntag, dem letzten Sonntag ihres Kirchenjahres. Während der Totensonntag erst knapp zweihundert Jahre alt ist und seine Einführung durch den König von Preußen nach den Kriegen gegen Napoleon auch politische Bedeutung haben sollte, geht Allerseelen auf die Antike zurück, allerdings nicht so direkt wie der 25. Dezember, sondern eher kapillarisch.

Ebenfalls in der vegetationslosen Zeit, im Februar, feierten die Römer das Fest der Parentalia für die verstorbenen Eltern (parentes) und Verwandten. Es dauerte eine Woche, und zumindest am letzten Tag wurden zum Zeichen der öffentlichen Trauer die Tempel geschlossen, die Altäre blieben ohne Weihrauch, die Amtsträger legten ihre Tracht ab, es sollten auch keine Hochzeiten stattfinden.

Gesetzliche Grenzen für den Prunk

Der römische Dichter Ovid erklärt in seinem poetischen Festkalender (Fasti) die Parentalia aus einer Grundüberzeugung antiker Menschen: Die Seelen der Toten müssen besänftigt werden. Wer dies versäumt, wie es einst Aeneas, dem Stammvater der Römer, einmal unterlief, der beschwört Schlimmes herauf: Den Gräbern entstiegen die Ahnen, mit heulendem Ruf huschten entstellte Seelen durch die Straßen der Stadt, über die Äcker und Fluren. Und erst als man den Gräbern die versäumten Ehren erwies, endeten schlimme Zeichen und Sterbewellen, zeigten sich die Manen - Geister der Toten - versöhnt.

Um die Schatten an den Parentalia zu versöhnen, sind Gebete und Frömmigkeit wichtiger als große Gaben. Diese Mahnung Ovids führt mitten hinein in eine andere antike Debatte: Wie prachtvoll müssen oder dürfen Grabbeigaben und überhaupt der Aufwand bei einer Bestattung sein? Ihn zu begrenzen war in griechischen Stadtstaaten wie auch in Rom Gegenstand gesetzlicher Regelungen, deren Sinn freilich nicht leicht zu entschlüsseln ist. Sollten die Wohlhabenden davon abgehalten werden, sich durch immer prachtvollere Bestattungen zu ruinieren? Oder ging es darum, die Störung durch einen Todesfall nicht eskalieren zu lassen, indem dieser zu lange, zu laut und zu sichtbar in den mühsam stabilisierten Alltag hineinfuhr?

Ausschluss aus der Gemeinschaft der Lebenden

In Ovids Festkalender war die Sache klar: Am Tag nach den Parentalia trafen sich Verwandte und enge Freunde zum Familienfest der „lieben Verwandtschaft“ und versicherten einander ihre Verbundenheit durch kleine Geschenke, mache es doch Freude, „von Gräbern und toten Verwandten nun endlich den Blick auf die Lebenden wenden zu können und zu sehen, wer noch da war“.

Unabhängig von der jeweiligen Kultur hat die Bestattung allgemein verschiedene Funktionen. Der Leichnam und mit ihm die durch den Tod verursachte Befleckung (Miasma) müssen beseitigt werden, die Trennung vom Verstorbenen und die Erfahrung des Todes schlechthin sind zu bewältigen. In der Abfolge der Rituale schließen die Lebenden den Toten schrittweise aus ihrer Gemeinschaft aus und ordnen ihn zugleich in einen neuen Zusammenhang ein. Materiell bezieht der Verstorbene eine neue Wohnung, im Gedächtnis wird er zum Ahnen. Das Grab soll ihn vor Angriffen jeder Art schützen. „Wenn mich einer von der Stelle rückt, wird er den Zorn der Götter auf sich laden und bei lebendigem Leibe verbrennen“, solche und ähnliche Warnungen finden sich zahlreich auf antiken Grabinschriften.

Den Grablosen ein Grab

Die Lebenden sichert das Grab, indem es den Toten festhält, bannt und daran hindert, umherzuwandern und feindlich zu sein. Gleichzeitig ist es aber auch der Ort der Nähe zwischen beiden Existenzen, Ort der besänftigenden Grabesspende und der Zwiesprache. Deshalb muss es in irgendeiner Weise bezeichnet sein. War der Leichnam nicht vorhanden, errichtete man ein Kenotaph, etwa für den Offizier Marcus Caelius, der in der Varusschlacht fiel und dessen bekanntes Grabrelief im Bonner Landesmuseum zu sehen ist.

Auch die Namenlosen wurden nicht vergessen: Als „der Grablosen Grab“ diente eine Marmorurne, die jetzt im Britischen Museum steht - nicht nur auf Rhodos, dem Ort ihres Ursprungs, kannte man das Wüten des Schiffe verschlingenden Meeres nur zu gut. Naturkatastrophen konnten die Pflicht zur individuellen Bestattung überwältigen. So errichteten die Rhodier ein Grabdenkmal für die „bei dem Erdbeben Umgekommenen“, wohl jenem Beben, dem auch die kolossale Statue an der Hafeneinfahrt zum Opfer fiel.

Das symbolische Kapital des ganzen Geschlechts

Einen Sonderfall bildeten gefallene Soldaten, die schon aus logistischen Gründen in der Regel sogleich auf dem Schlachtfeld verbrannt wurden. Doch in Athen und anderen griechischen Poleis wurde ihre Asche daheim in einem besonderen Staatsgrab beigesetzt, jedes Jahr gepriesen durch Reden und Opfer, memoriert durch Namenslisten auf Stein, wie einer vor ein paar Jahren beim Bau der Athener U-Bahn entdeckt wurde.

Die Begräbnisriten der Griechen und Römer waren vielfältig, was nicht verwundert, sprechen wir doch über einen weiten geographischen Raum und eine Zeitspanne von weit mehr als tausend Jahren. Doch einige allgemein verbreitete Züge lassen sich erkennen. So galt es als Ideal, zu Hause im Kreis der Familie zu sterben, damit alle Riten ordnungsgemäß durchgeführt werden konnten. Die Aufbahrung im Haus dauerte in Athen nur einen Tag; noch vor Sonnenaufgang des Folgetages setzte sich der Leichenzug in Bewegung. In Rom konnte der Weg vornehmer Toter zum Grab (pompa funebris) zu einer gigantischen Zurschaustellung der Leistungen der Familie geraten. Die in Abbildern vergegenwärtigten Ahnen nahmen den Verstorbenen gleichsam in ihre Reihen auf und vermehrten damit vor den Augen der Bürgerschaft das symbolische Kapital des ganzen Geschlechts. Auch in Griechenland konnte die Demonstration von Reichtum und Status den rituellen Zweck des Leichenzuges so sehr überlagern, dass sich die Gemeinde veranlasst sah, den Aufwand privater Begräbnisse gesetzlich zu deckeln.

Trennung und Verbundenheit

Ins Grab gesenkt wurden der Leichnam oder die Gebeine aus der Asche, zusammen mit verschiedenen Gaben, darunter immer solche in flüssiger Form. Damit war der Tote entfernt. Anschließend versammelt sich die Trauergemeinde ein letztes Mal, zum Leichenschmaus. Zwei Totenmähler, eines am Tag der Beisetzung, das andere nach den Totenopfern am neunten Tag, begrenzten in der römischen Welt die Zeit der familiären Reinigungsriten. Insgesamt war die Zeit nach der Bestattung mit verschiedenen Ritualen besetzt, die einerseits die Trennung schrittweise verstärken, andererseits aber die Verbundenheit mit dem Verstorbenen bekunden sollten.

Der Ablauf der Gedenkfeiern am Todestag des Verstorbenen oder während der Parentalia und anderer Feste dieser Art enthielt stets die gleichen Elemente. Die Angehörigen und Nachkommen trafen sich am Grab, schmückten es mit Blumen und Kränzen, entzündeten Lampen und verbrannten Weihrauch oder andere Duftstoffe. Außerdem wurde ein Totenmahl abgehalten. Der Verstorbene erhielt einen Anteil der Opfergaben in Form von Speisen und Trankopfern, sogenannten Libationen. Um die Erinnerung und die Kultausübung am Grab zu gewährleisten, konnte der Grabinhaber schon zu Lebzeiten eine Stiftung einrichten, aus deren Erlösen dann die jährlichen Totenfeiern zu bestreiten waren.

Die Sitten des jeweiligen Volkes bewahren

Stets gleich blieb hingegen die Minimalanforderung: Die Seele des Verstorbenen, wie immer man sie sich auch dachte, musste in würdevoller Form an ihren letzten Wohnort gelangen. Die Seuche, die zu Beginn des Peloponnesischen Krieges in Athen ausbrach, stellte daher religiös und sozial eine Katastrophe dar, wie man sie sich schlimmer kaum vorstellen konnte. Der Geschichtsschreiber Thukydides schildert das, nüchtern und damit aufs eindringlichste: „Das Unglück war so übermächtig geworden, dass die Menschen, die nicht wussten, was aus ihnen werden würde, auch die göttlichen und menschlichen Ordnungen nicht mehr achteten. Alle Bräuche, die früher bei Bestattungen geübt worden waren, wurden vernachlässigt; jeder begrub seine Toten, wie er konnte. Viele verloren, weil ihnen durch die zahlreichen Todesfälle die Mittel zur Verbrennung der Leichen ausgegangen waren, alle Scham bei der Bestattung; entweder legten sie, wenn andere einen Scheiterhaufen errichteten, ihren eignen Toten vor jenem darauf und zündeten ihn an, oder sie warfen die Leiche, die sie brachten, auf einen fremden, schon brennenden Scheiterhaufen und gingen von dannen.“

Die christlichen Bestattungsgebräuche unterschieden sich zunächst von denen der heidnischen Umgebung kaum. Augustinus zufolge müssen die Sitten des jeweiligen Volkes bewahrt werden; seine Mutter Monica wurde in Ostia beigesetzt, „wie es dort üblicherweise gemacht wird“. Die Christen übernahmen auch die sich anschließende Kette von Feierlichkeiten; besonders besetzt waren in diesem Zusammenhang der dritte, siebte, neunte, dreißigste und vierzigste Tag nach dem Ableben. Die Grabpflege mit Lichtern und Libationen folgte ebenfalls der jahrhundertealten Übung.

Für die Heiligen Gebete, Gaben für die Bedürftigen

Ein Problem war die Totenklage: Sie hatte ihren gutem Sinn in der Annahme, der Tote gehe in eine freudlose Welt lebloser Schatten ein, widersprach jedoch dem christlichen Glauben an ein besseres Leben im Jenseits. Das Bemühen der Kirchenväter, die Folgerung aus dem neuen Glauben gegen eine kulturell tief verankerte Praxis durchzusetzen, produzierte Predigten, Traktate und Synodalbeschlüsse. Augustinus schildert das exemplarische Umlernen seiner Mutter: Als sie zu den Gedächtnisstätten der Heiligen, wie sie es nach dem Brauch in Nordafrika gewohnt war, Mehlbrei, Brot und ungemischten Wein für das Totenmahl brachte, wies man sie auf das Verbot derartiger Riten durch den Bischof hin.

Monica akzeptierte das, weil derlei Feiern in Saufgelage ausarten konnten und „heidnischem Aberglauben aufs Haar glichen“. Von da an gab es von ihr für die Heiligen nur noch Gebete, Gaben hingegen für die Bedürftigen. Eine tiefergreifende Verchristlichung des Totenkultes begann erst, als vom vierten Jahrhundert an Friedhofsbasiliken errichtet wurden, in denen gleichermaßen Bestattungen, Begräbnis- und Eucharistiefeiern stattfanden.

Entscheidend für das, was von ihm bleibt

Die christliche Theologie des Lebens nach dem Leben musste sich zudem ihrerseits erst konsolidieren und ihre durchaus nicht widerspruchsfreien Lehrmeinungen harmonisieren. Dieser Prozess traf auf regional und sozial sehr unterschiedliche Jenseitsvorstellungen in der vor- und außerchristlichen Welt, darunter Modelle, die in einer so weitgehend post-christlichen Gegenwart ein gewisses Interesse auf sich ziehen können.

Dazu gehört die auffällige Überhöhung des diesseitigen Lebens, weniger im hedonistischen Sinn (obwohl auch das verbreitet war) oder als dauernde Selbstaktualisierung im sozialen Netzwerk, als gäbe es kein Morgen, sondern vielmehr durch das Streben nach einer guten Erinnerung in der Nachwelt: Wie ein Mensch gelebt hat, vorbildlich im Haus, opferbereit und freigebig für die Gemeinschaft, ein Muster gelingenden Lebens, das (zusammen mit ein paar handfesten Vorkehrungen) entscheidet darüber, was von ihm bleibt.

An die Lebenden

Ein solcher Mensch muss sich das Jenseits auch nicht schönreden, sondern kann dem dürren Rationalismus folgen, den der römische Enzyklopädist Plinius bündig zusammenfasst: „Was die Zeit nach der Bestattung betrifft, so gibt es verschiedene Meinungen über die Geister der Verstorbenen. Aus allen wird nach dem letzten Tage das Gleiche, was sie vor dem ersten waren, und nach dem Tod haben Körper und Seele ebenso wenig eine Empfindung wie vor der Geburt. Die gleichbleibende menschliche Eitelkeit (vanitas) dehnt sich sogar auf die Zukunft aus und erträumt sich selbst für die Zeit des Todes ein Leben, indem sie bald die Unsterblichkeit der Seele, bald eine Seelenwanderung und bald ein bewusstes Leben den Abgeschiedenen zuspricht, die Manen verehrt und den zum Gott macht, der auch nur ein Mensch zu sein aufgehört hat - wie wenn sich das Atmen des Menschen irgendwie von dem anderer Lebewesen unterschiede, oder nicht viele andere Wesen von längerer Dauer auf der Welt sich fänden, denen niemand eine ähnliche Unsterblichkeit im Voraus zuerkennt.“

Allerdings sind solches Tun und solches Denken wohl nur durch einen Akt der Selbsterziehung durchzuhalten. Hier liegt das Geheimnis aller antiken Glückslehren: Mit Verlusten, auch dem letzten und größten, sollte sich der denkende Mensch nicht einfach abfinden; vielmehr gilt es, durch eine Einsicht, die zur Haltung wird, im vermeintlichen Verlust einen möglichen Gewinn zu erkennen und die Erwartungen dieser Erkenntnis zu unterwerfen. Glück bemisst sich demnach am jeweils in einer bestimmten Konstellation oder Lebensphase Erreichbaren - wozu das ewige Leben definitiv nicht gehört.

Diese sich fügende Bescheidenheit ist es, was die Lektüre mancher antiker Grabinschriften so tröstlich und leicht macht: „Du, der du dies liest, lebe, sei gesund, spende und empfange Liebe, bis dein Tag kommt. Guten gehe es gut!“

Quelle: F.A.Z.
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