Proteste in Minsk

25.000 Euro für ein Perestroika-Lied

Von Kerstin Holm
Aktualisiert am 12.08.2020
 - 15:47
Friedlicher Kampf: Bewohner von Minsk gedenken eines bei den Protesten umgekommenen Demonstranten.
Die Zivilgesellschaft bekommt Muskeln: Schriftsteller und Intellektuelle mobilisieren in Belarus den friedlichen Widerstand gegen den Dauerpräsidenten Alexander Lukaschenka.

Die Minsker Dichterin Julia Cimafejeva hat kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus ein „Europäisches Gedicht“ (My European Poem) veröffentlicht, das die Normalität der Unfreiheit in ihrem Land schildert, weshalb sie darin auch vorschreibt, es dürfe keine russische, keine belarusische und keine ukrainische Fassung des Textes geben. Cimafejeva spricht auf Englisch in freien Versen davon, dass man sie schlagen oder verurteilen könne, wenn sie Parolen wie „Freiheit“ oder „Freiheit für die politischen Häftlinge!“ skandiere oder auch nur stumm dastehe, und dass sie davor Angst habe.

Dass ihre mittlerweile pensionierten Eltern jedes Mal für den „Verrückten“, wie sie den belarusischen Dauerpräsidenten Alexandr Lukaschenka nennt, gestimmt und sie früher geschlagen hätten, weil sie nicht patriotisch genug gewesen sei. Davon könne sie aber nur auf internationalen Literaturfestivals sprechen, heißt es in „My European Poem“, und zwar in den Sprachen von Menschenrechtsorganisationen und der zahlreichen besorgten Erklärungen europäischer Politiker – außer auf Englisch also in den Sprachen der EU.

Das Gedicht, das schon vielfach geteilt wurde und auf Cimafejevas Facebook-Seite von einer Schauspielerin rezitiert wird, beschreibt in Ich-Form, was seit dem Wochenende viele Belarusen, die zu friedlichen Protesten gegen Wahlfälschungen im ganzen Land auf die Straße gehen, erleben: dass schwarzgekleidete Männer mit vier fetten Buchstaben auf dem Rücken (die OMON-Sondermiliz, die vor allem gegen Demonstranten eingesetzt wird) sie einsperren – doch wenn man das nicht wage, heißt es bei Cimafejeva, habe ihr Land keine Chance auf Befreiung. Deswegen war auch die Dichterin am Sonntagabend zu ihrem Wahllokal gegangen, berichtet sie dieser Zeitung am Telefon, um die angekündigten offiziellen Ergebnisse der Auszählung zu erfahren. Doch stattdessen sei ein Miliztrupp angerückt, habe die Wahlurnen abtransportiert, ein Anruf von Wahlbeobachtern bei der Polizei wurde ignoriert. Ohne ordnungsgemäße Bekanntmachung seien die Wahlen aber illegal, sagt Cimafejeva.

Kein Nationalstaat wie im 19. Jahrhundert

Auch die Philosophin Olga Schparaga, die in den neunziger Jahren bei Bernhard Waldenfels in Bochum studierte und heute über gesellschaftliche Transformation arbeitet, war am Abend zusammen mit etwa 250 Minskern zu ihrem Wahllokal in einer Schule im Stadtzentrum gegangen, um die Ergebnisse zu erfahren. Ungefähr die Hälfte der Leute hätte sich weiße Armbinden umgebunden, um so ihre Unterstützung für die Bewegung für ehrliche Wahlen kundzutun, erzählt Schparaga. Doch ungefähr um 22 Uhr sei ein Bus vorgefahren, und die Wahlkommission samt gefüllter Urnen wurde durch die Hintertür weggebracht.

Schparaga glaubt, dass Belarus nur als solidarische Zivilgesellschaft frei werden könne; für einen Nationalstaat nach dem Muster des neunzehnten Jahrhunderts sieht sie keine Perspektive. Zu vielfältig seien die gemeinsamen kulturellen Schnittmengen einerseits mit Polen, anderseits mit Russland, nicht zuletzt durch das sowjetische Erbe, das insbesondere die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch repräsentiert. Dazu kommt die Geschichte einer spezifisch jüdischen Kultur in der Malerei, die in Belarus wurzelt: Emigrierte Maler wie Chaim Soutine, Ossip Zadkine oder Pinchus Kremegne der „Pariser Schule“ repräsentieren sie.

Deswegen spielen in den Augen von Schparaga heute die Interessenverbände sexueller Minderheiten, aber auch etwa Behinderter eine konstruktive Rolle, weil sie jenen Respekt von der Gesellschaft einforderten, der Voraussetzung für individuelle Selbstachtung sei. Nur wenn eine Gesellschaft lerne, Menschen nicht zu erniedrigen, so Schparaga, könnten autoritäre Reflexe wie Cimafejeva sie in ihrem Gedicht beklagt, überwunden werden.

Nachdem die Spitzenkandidatin Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo, zwei Frauen verhinderter Präsidentschaftskandidaten, aus dem Land geflohen sind, ist vom populären Trio der Opposition nur noch Marija Kolesnikowa, die Wahlkampfmanagerin des inhaftierten Ex-Bankiers Viktor Babariko, in Minsk. Die Lage in Belarus ist unübersichtlich, seit mittlerweile drei Tagen funktioniert außer staatlichen Webseiten das Internet nicht, berichtet Kolesnikowa, seit Dienstag kämen auch keine Mails mehr an. Kolesnikowa, die außerdem den Treffpunkt der intellektuellen Elite in Minsk, das Kulturzentrum Ok16, leitet, berichtet, ihre Mitarbeiter seien sämtlich stundenlang vom Staatssicherheitsdienst KGB verhört und danach verpflichtet worden, über den Inhalt der Gespräche nichts zu sagen.

Die belarusische Zivilgesellschaft mobilisiert unterdessen erstaunliche Kräfte. Ihr Stab kümmere sich derzeit vor allem um die Opfer von Polizeigewalt und Inhaftierte, über deren Schicksal deren Verwandte oft nichts wissen, sagt Kolesnikowa, die die Zahl der Betroffenen auf etliche tausend schätzt. Ihre Mannschaft stelle Sachspenden und juristische Gratishilfe bereit, es sei aber auch in kürzester Zeit ein Hilfsfonds von mehr als einer Million Euro zusammengekommen. So etwas habe es in Belarus bisher nicht gegeben.

Das gilt auch für die 25.000 Euro, die für die beiden Discjockeys Wladislaw und Kirill gesammelt wurden, die vorige Woche bei einem staatlichen Freiluftvolksfest das Perestroika-Lied „Peremen“ (Wechsel) des sowjetischen Rockstars Viktor Zoi einspielten, woraufhin eine jugendliche Menge mit weißen Armbinden begeistert mitsang. Wladislaw und Kirill bekamen dafür zehn Tage Verwaltungshaft. Außerdem, erzählt Kolesnikowa, helfe ihr Stab derzeit Mitgliedern der Wahlkommissionen, die sich um eine ehrliche Stimmenauszählung bemüht hätten und deswegen unter Druck geraten seien, dabei, eine andere Arbeit zu finden.

Belarus habe sich verändert, bestätigt der Schriftsteller Alherd Bacharewitsch. An der friedlichen Protestbewegung beteiligten sich heute Schichten, die noch vor kurzem ganz unpolitisch waren: IT-Experten, Geschäftsleute, aber auch Arbeiter. Bacharewitsch hat beobachtet, wie die Leute spontan Hilfe, Wasser oder Sicherheitsräume für Polizeiopfer organisierten. Der KGB glaube, er bekäme die Lage unter Kontrolle, es könnte weitergehen wie bisher. Das sei ein Irrtum, versichert Bacharewitsch; ihn erinnere die Lage vielmehr an den Beginn einer nationalen Revolution.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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