Belarussischer Dichter in Haft

Einer von Zehntausenden

Von Yaraslava Ananka und Heinrich Kirschbaum
29.10.2020
, 11:41
Dmitri Strozew
In Minsk sitzt der belarussische Dichter Dmitri Strozew, ein Vertrauter von Swetlana Alexijewitsch, im Gefängnis. Mit seiner Lyrik protestiert er seit Jahren gegen das Regime von Präsident Lukaschenka.
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Die Festnahmen in Belarus gehen in die Zehntausende, genaue Ziffern kennt nicht einmal das Bürgerrechtszentrum Wjasna, das die Vorgänge zu dokumentieren und Betroffenen zu helfen versucht. Für das kleine Belarus mit seinen knapp zehn Millionen Einwohnern ist das erschreckend viel. Erschreckend auch, dass die Zahlen niemanden mehr erstaunen. In unserem Bekanntenkreis zählten wir zunächst jene, die bereits hinter Gittern waren, inzwischen zählen wir diejenigen, die noch nicht verhaftet wurden.

Der Erste war wohl der Dichter und Musiker Uladz Liankewitsch. Gleich nach seiner Freilassung trat er auf einem Protestkonzert in Minsk auf. Er hatte eine Woche abgesessen und klagte danach scherzhaft, er sei nicht wegen seiner oppositionellen Gedichte und Lieder, sondern zufällig bei einem spontanen Marsch zur Unterstützung von Maria Kolesnikowa festgenommen worden. Ein anderer Musiker und Dichter, Liawon Wolski, hat kürzlich deutlich und zornig in einem Lied das Objekt der Repression definiert: Für Lukaschenka und seine Meute sei, so Wolski, „der Volksfeind das Volk selbst“.

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Der Dichter wurde von der Polizei entführt

Mitte voriger Woche verbreitete sich die Nachricht, dass der Dichter Dmitri Strozew verschwunden sei. Gegen Mittag hatte er sich von seiner Frau verabschiedet, um zur Arbeit zu gehen. Mit Gedichten verdient man kein Geld, Strozew hat ein kleines Verlagsgeschäft und ein Büro, wenige Minuten von seiner Wohnung entfernt. Zu anderen Zeiten hätte die Nachricht vom Verschwinden eines Menschen Entsetzen ausgelöst, jetzt ging man davon aus, dass Strozew von der Polizei entführt wurde. Seine Frau meldete das Verschwinden bei der Polizei (also bei seinen Entführern). Wenn jemand als vermisst gemeldet wird, erhält man schneller Auskunft, in welchem Gefängnis er sich befindet. In Belarus herrschen Gesetz und Ordnung, auf Anzeigen von Bürgern muss der Staat reagieren. Am nächsten Morgen wurde bekannt, dass Strozews Name in einem Gefängnisregister aufgetaucht war.

Dmitri Strozew ist ein Minsker Dichter, aber nicht nur in Belarus bekannt. In Russland hat er zahlreiche Literaturpreise erhalten, doch noch wichtiger ist die Zahl der Reposts mit der Nachricht von seiner Festnahme, die sich in den russischen sozialen Netzwerken verbreiteten. Ein ähnlich großes Echo hatte dort nur Swetlana Alexijewitsch ausgelöst, die mit Strozew eng befreundet ist, als sie die russischen Intellektuellen dazu aufrief, endlich Stellung zu den Ereignissen in Minsk zu beziehen.

Kugelschreibzeichnung aus dem Skype-Gerichtsverfahren gegen Dmitri Strozew: Die Richterin (Mitte) verurteilt den abwesenden Dichter zu zwei Wochen Haft.
Kugelschreibzeichnung aus dem Skype-Gerichtsverfahren gegen Dmitri Strozew: Die Richterin (Mitte) verurteilt den abwesenden Dichter zu zwei Wochen Haft. Bild: privat

Alexijewitsch und Strozew stehen einander auch literarisch sehr nahe. Wenn die Literaturnobelpreisträgerin in ihrer Prosa den Zerfall von Werten, Gewohnheiten und Bindungen der Vergangenheit dokumentiert, indem sie die Vielstimmigkeit der menschlichen Schicksale gleichsam ethnographisch versammelt, beleuchtet die Poesie Strozews die ethische Krise der Jetztzeit. Seine Verse vergegenwärtigen die individuelle Verantwortung für das Fühlen, Denken und Handeln, die kein Trauma aufheben kann. Einige seiner Gedichte aus den letzten fünfzehn Jahren wurden vom Verlag Hochroth in der Übersetzung von Andreas Weihe auf Deutsch herausgebracht.

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Jetzt sitzt der Dichter im berüchtigten Untersuchungsgefängnis Okrestino ein, wo Lukaschenkas Menschenschinder Anfang August besonders brutal wüteten. Hier wurden auch schon früher Menschen misshandelt, nach Protesten gegen Wahlfälschungen 2006 und 2010. Viele, die heute protestieren, wissen das nicht. Doch Strozew schrieb schon 2006 ein schmerzerfülltes Gedicht, die „Flickenode“, über die damaligen Proteste – seinerzeit ging eine Minderheit auf die Straße, der es zu verdanken ist, dass heute eine Mehrheit demonstriert. Dieses Gedicht beschwört eine Topographie des Ungehorsams: Minsker Plätze und Straßen, auf denen sich die Unruhen abspielten; auch Okrestino taucht auf. 2006 gingen die Spezialeinheiten ebenfalls grausam gegen die Demonstranten vor. Deren Zeltlager auf dem Oktoberplatz wurde in Fetzen – in Flicken – gerissen, die Festgenommenen in Okrestino eingesperrt. Es waren fünfhundert Menschen: renitente Oppositionelle, die man nicht leicht brechen konnte, aber auch schüchterne tapfere Studenten, deren Gewissen ihnen nicht erlaubte, zu Hause zu bleiben. Die Menschen gingen auf die Plätze wie Opferlämmer zur Schlachtbank. Sie konnten nicht anders.

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Wie der Poet politisch wurde

In jener Zeit, im Angesicht der Gewalt gegen junge Seelen und Körper, machte Strozew eine Wandlung durch. Pressemitteilung und psalmodisches Gebet flossen in eins, es entstand ein schmerzliches Mosaik aus Privatem und Kollektivem, aus gemeinsamem Unglück und Gram, aus Ohnmacht und Furchtlosigkeit angesichts des großen Unheils.

Im Jahr 2012 wurden in Belarus in einem intransparenten Eilverfahren, gegen das die internationale Gemeinschaft protestierte, zwei junge Männer, die einen Anschlag in der Minsker Metro verübt haben sollen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Als poetische Reaktion darauf, als Echo, Klage und Andacht entstand Strozews Gedicht „Osterreportage“. Er schrieb einen offenen Brief an den Präsidenten mit der Forderung, das Gerichtsverfahren zu revidieren. Ansonsten solle man auch ihn selbst hinrichten.

Der heute 57 Jahre alte Strozew wurde nun zum ersten Mal in seinem Leben festgenommen und zu dreizehn Tagen Haft verurteilt. Sein Vergehen? Wir zitieren wörtlich, mit dem falsch geschriebenen Namen des Angeklagten, aus dem Gerichtsprotokoll: „Der Bürger Strozki lief auf der Bogdanowitsch-Straße neben einer Kolonne mit weiß-rot-weißen Fahnen und zeigte ein V.“ Eine Überwachungskamera hatte das Gesicht Strozews erfasst, ein Polizeibeamter identifizierte ihn mit Hilfe eines Computerprogramms und ermittelte seine Daten. Dann wurde eine Streife zu seinem Büro geschickt. Für Polizisten, die eine bestimmte Zahl von Verhaftungen pro Tag vornehmen, gibt es Beförderungen und Prämien.

Am Sonntag lief in Belarus das von Swetlana Tichanowskaja gestellte „Volksultimatum“ ab. Ihre Forderungen wurden nicht erfüllt. Lukaschenka dankte nicht ab, die Repressionen gehen weiter, die politischen Gefangenen bleiben in Haft. Aber das eigentliche Ziel des Ultimatums war, Belarus noch einmal zu mobilisieren, der Zivilgesellschaft ihre Kräfte bewusstzumachen. Es beginnt eine neue Etappe im Kampf gegen das Regime. Strozew wird die Tage zählen: bis zu seiner Freilassung, bis zur Befreiung von Belarus.

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Ein Dichter weiß nicht mehr und nicht weniger als die anderen, aber er kann das prophetische Nichtwissen artikulieren: „der dichter / wie jeder mensch / will verschlafen / all diesen schrecken // er / gleitet unverhofft / in den schlaf / der jünger im garten gethsemane / in den schlaf / der sieben knaben zu ephesus / und wacht / plötzlich auf / im goldenen zeitalter / der poesie harmonie und freiheit / oder / auf dem weg in den GULag“, so Strozew in seinem Gedicht „staub tanzend“.

Yaraslava Ananka ist Übersetzerin und Literaturkritikerin und Mitglied des belarussischen PEN-Zentrums.

Heinrich Kirschbaum lehrt slavische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Freiburg und ist Ehrenmitglied des belarussischen PEN-Zentrums.

Quelle: F.A.Z.
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