Der verwaiste Flughafen Tegel

Ein Wal aus Beton träumt

Von Paul Ingendaay
02.05.2020
, 21:03
Fast wie Computerkunst, aber mit dem ganzen Körper samt Fahrrad erlebbar: ein ehemaliger Verkehrsknotenpunkt in hochästhetischer Abwicklung.
Wenn man nicht ins Museum kann, mag man entdecken, dass es Orte gibt, die leisten, was Museen eigentlich sollen – etwa der Flughafen Tegel in Berlin.
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Vermutlich werden uns kulturkritische Essays dereinst, wenn alles vorbei ist, erklären, was wir in diesen sonderbaren Monaten mit frischen Augen sehen, was wir ganz anders würdigen können und neu zu denken lernen. Bis es so weit ist, bleibt uns erst einmal, Erfahrungen zu sammeln. Zum Beispiel die, mit dem Fahrrad zu einem früher ständig überlasteten Flughafen wie Berlin-Tegel zu fahren. Schon die Anfahrt ist ein Traum. Da, wo sich sonst Taxis, Shuttlebusse und Privatautos drängeln, liegen an diesem sonnigen, windigen Tag nur leergefegter Asphalt und ein sanfter Anstieg vor uns. Was für ein tiefes, weites Grau, erhaben wie ein Wal!

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Der Flughafen Tegel, seit 1988 nach dem Luftfahrtpionier offiziell „Otto Lilienthal“ genannt, war ein Horror für Berliner, die in der Einflugschneise wohnen. Wegen des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg (BER) sollte Tegel eigentlich kommenden Herbst schließen. Aber dann kam, was kam, und jetzt sind die Terminals schon lange vor der Zeit verwaist. Am 29. April könnten Aufsichtsrat und Gesellschafter des Flughafens beschließen, den Airport, der ja nur Geld kostet, definitiv dichtzumachen. „Antrag zur temporären Aufhebung der Betriebspflicht“ hieße das im Amtsdeutsch. Angeblich ließen sich sieben Millionen Euro im Monat sparen.

Als wir am Terminal A von den Fahrrädern steigen, herrscht unwirkliche Stille. Die Wahrnehmung braucht ein wenig, diesen sonst so geschäftigen Ort ohne Geräusche zu erleben. Da! Ein Vogel zwitschert. Terminal A ist offen, aber leer. Nur eine Reinigungsfachkraft wischt. Dann zieht sie ab. Alle Geschäfte außer der Apotheke haben geschlossen. Auf der Anzeigetafel, die man normalerweise eher hektisch überfliegt, kann man sich nun in Ruhe orientieren. Wo sonst bis zu siebenhundert Maschinen täglich starteten, sind es jetzt keine zwei Dutzend mehr – keine einzige in Terminal A und B, nur ein paar in C, dem hässlichen Anbau. Siebzigtausend Passagiere wurden in Tegel bis vor kurzem täglich durchgeschleust; heute sind es keine tausend mehr.

Wofür sich Menschen begeistern konnten

Zum ersten Mal lässt sich Tegel – der fünfzig Jahre alte, sechseckige Originalbau des Hamburger Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp) – so erleben, wie es vielleicht die Architekten empfanden: als großer Wurf schlichten, modernen Bauens, fast ein Designmuseum, wenn man die Glasflächen, Treppenaufgänge und die zeitlos hinreißende Logotypie auf Schildern und Beschriftungen dazunimmt. Wer wird all diese Schilder bekommen, wenn die Bude hier verrammelt wird? Wir hören das leise Brummen der Klimaanlage. Plötzlich klingt es fürsorglich, nicht nach Raubbau am globalen Klima. Hinten kommt ein Wachmann heran, einen Kaffeebecher in der Hand. Er schließt etwas auf oder schließt etwas ab. Lange wird er das auch nicht mehr machen. Wir wollen im Nachmittagslicht den Abflug der 17:25-Maschine von Qatar Airlines nach Doha beobachten. Wir steigen den gläsernen Aussichtsturm hoch, der sich kräftig aufgeheizt hat, bis man vom vierten Stock aus die Startbahn überschaut. Da kommt der graue Vogel um die Ecke gekrochen, rollt langsam an uns vorbei, macht weit hinten die 180-Grad-Kurve und nimmt jetzt, in unsere Richtung kommend, Fahrt auf.

Ein junger Mann mit olivbraunem Teint und pechschwarzem Haar hat sich dazugesellt, knüpft ein Gespräch an und merkt nicht, dass er den Frieden der Flugzeugbeobachter stört. Erst später, als die 777* sich in die Lüfte erhoben hat, majestätisch, schön, so dass man erstmals verstehen kann, dass sich Menschen für die makellose Technik, den Rausch der Geschwindkeit und die Berührung mit dem Unendlichen begeistern konnten.

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Wohin, wenn gähnende Leere herrscht?

Seine Familie, sagt der junge Mann und schaut dem kleiner werdenden Flieger nach, unterhalte „Beziehungen zu Qatar Airlines“. Pause. Wir fragen uns, ob der junge Mann in die Vereinigten Arabischen Emirate will, vielleicht in Deutschland zurückgelassen wurde und jetzt Heimweh hat. „Und zu Lufthansa auch“, fügt er hinzu. Berlin–Doha, sagen wir, den Flug haben wir letztes Jahr auch mal genommen, das sei noch gar nicht so lange her. „Economy, nehme ich an“, sagt der junge Mann, und es klingt, als hätte er in seinem jungen Leben schon viele Menschen gesehen, die Economy fliegen.

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Später, als wir durch die Halle zurückgehen, steht ein Fahrradfahrer in voller Rennmontur auf dem gut gewischten Boden, der sich auf seinem Smartphone zu orientieren scheint. Wohin, wenn gähnende Leere herrscht? Als Nächstes mit dem Fahrrad an die Ostsee? Oder lieber nach Kasachstan? Draußen hält ein Bus an. Eine Frau steigt aus, mit Mundschutz, der einzige Fahrgast, und geht zum Eingang von Terminal A. Sie wird wissen, dass sie von hier nicht wegkommt, nur noch instandhalten kann, was da ist, solange man sie lässt.

* Anmerkung der Redaktion. In einer früheren Fassung des Artikels wurde die Maschine nach Doha irrtümlich als 737 bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um eine Boeing 777. Wir danken den aufmerksamen Lesern und bitten, den Irrtum zu entschuldigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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