FAZ plus ArtikelRussland und Belarus

Kosmonauten der Gefängniszelle

Von Kerstin Holm
07.03.2021
, 14:39
Weltraumfahrten sind gefährlich, sie ziehen sich hin und man weiß nie, wo man am Ende landet: Die belarussische Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa und der russische Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalnyj machen aus dem Kerker ihren Unterstützern Mut.

In dieser Zeit, da viele Menschen die coronabedingten Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen wie ein Gefängnis empfinden, erleben in Russland und in Belarus viele die Ausgangssperre und Kontaktbeschränkung des echten Gefängnisses, weil sie sich für mehr Rechtsstaatlichkeit in ihrem Land engagiert haben. 262 politische Häftlinge zählt die belarussische Menschenrechtsorganisation Wjasna, das russische Menschenrechtszentrum Memorial verzeichnet 76 Personen, die wegen friedlicher Regimekritik derzeit hinter Gittern sitzen, einige freilich auch im Hausarrest.

Gefängniserfahrung gehört zur Kultur der beiden Länder und das russische Sprichwort, wonach niemand vor Bettelstab oder Gefängnis gefeit ist, verliert nicht an Aktualität. Neu ist, dass hier wie dort Kämpfer aufgetreten sind, die aus Patriotismus das Exil in einem sicheren Rechtsstaat ablehnten und sich bewusst in die Gewalt eines Unrechtsstaates begaben. Die charismatische Maria Kolesnikowa, Wahlkampfleiterin des inhaftierten belarussischen Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko und Mitglied des oppositionellen Koordinationsrates, verhinderte vorigen Herbst ihre Abschiebung in die Ukraine, indem sie an der Grenze ihren Pass zerriss. Russlands nicht weniger strahlkräftiger Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj kehrte nach seiner Genesung vom Giftanschlag durch das eigene Regime im Januar nach Moskau und damit in die Hände seiner Häscher zurück. Beide torpedieren unter höchstem persönlichen Risiko das Repressionskalkül ihres Staates, das die Bevölkerung vor die Alternative stellt, sich unterzuordnen oder zu emigrieren. Der Opfermut der beiden, den viele im Rechtsstaat sozialisierte Menschen, aber auch eingefleischte Kosmopoliten wohl kaum nachvollziehen können, potenziert ihre Glaubwürdigkeit, inspiriert viele Landsleute, gibt ihnen Hoffnung und Kraft. Daher tun die belarussischen wie russischen Strafverfolger alles, um diesen Starhäftlingen die Kommunikationskanäle abzuschneiden.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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