Britische Wahlen

Wahrheit ist Mangelware

Von Gina Thomas, Bishop Auckland
Aktualisiert am 11.12.2019
 - 12:51
Hat für einige nichts als Ärger im Gepäck: Englands Permierminister Boris Johnson
In Großbritannien hat die Wahl zwischen einem Faktenverdreher und einem Eiferer alte Gewissheiten hinweggefegt. Eine Reise in den wirtschaftlich abgehängten Nordosten Englands.

Zu den Eigentümlichkeiten dieses britischen Wahlkampfes zählt, dass er landauf, landab im Straßenbild kaum sichtbar ist. Statt Häuser, Anschlagtafeln und Laternen mit Schildern zu bepflastern, die sich in der polarisierten Stimmung zur Verunstaltung anbieten, versuchen Politiker und Interessengruppen, die Wähler über die Medien und die sozialen Netzwerke zu mobilisieren. Im Endspurt wirbt Boris Johnson mit einer Parodie jener Szene aus der romantischen Filmkomödie „Tatsächlich Liebe“ um Stimmen, in der ein Verehrer an der Türschwelle erscheint und seinem Schwarm durch stumme handgeschriebene Botschaften auf Pappschildern seine Liebe erklärt.

In dem drei Minuten langen Werbefilm klingelt der Premierminister an der Tür einer Wählerin und legt ihr anhand von Schautafeln dar, wie eng es stehe: „Der andere Kerl könnte gewinnen.“ Die anderen Schilder teilen mit, dass sie die Wahl zwischen einer handlungsfähigen Mehrheit und einem weiteren festgefahrenen Parlament, das über den Brexit streite, „bis ich so aussehe“. In „Tatsächlich Liebe“ hält der Verehrer das Bild eines Knochenmannes hoch. Diesen ersetzt Boris Johnson mit einem kuscheligen Bobtail, bevor er der Dame mitteilt, dass ihre Stimme entscheidend sei. Mit einem „Frohe Weihnachten“ und dem „Daumen Hoch“-Zeichen verabschiedet er sich und murmelt konspirativ in die Kamera: „Genug, genug, lasst uns dies hinter uns bringen“, eine Variante der Kernbotschaft der Konservativen: „Get Brexit done“.

Noch 26 von 29 Sitzen ergattert

Rasch wurde darauf hingewiesen, dass es wohl in Hinblick auf Johnsons Privatleben etwas unvorsichtig sei, einen Filmausschnitt zu wählen, in dem ein Mann versuche, seinem besten Freund die Frau auszuspannen. Bezeichnend ist freilich auch, dass die Tafel fehlt, auf der im Film der Verehrer sagt, dass man an Weihnachten die Wahrheit sage. Wahrheit ist in diesem Wahlkampf Mangelware gewesen, ob es um uneinhaltbare Versprechen über öffentliche Mehrausgaben geht, bei denen sich Zahlenjongleure im Finanzministerium bereits jetzt die Haare raufen, oder um dreiste Lügen. Das Publikum lacht, wenn Johnson im Fernsehstudio von Wahrheit spricht oder Jeremy Corbyn behauptet, seine Einstellung zum EU-Austritt sei klar. Wähler treibt eher das negative Gefühl, für den Parteiführer zu stimmen, gegen den sie die geringste Abneigung haben, für die am wenigsten unbehagliche Option zwischen einem lügenden Clown und einem Marxisten, zwischen einem Zyniker oder einem Eiferer.

In Bishop Auckland, einem der Wahlkreise der sogenannten „roten Mauer“ von postindustriellen Labour-Sitzen in Nord- und Mittelengland, nach denen die Konservativen trachten, ist sich die Männerrunde in der Kneipe auf der von leeren oder zugenagelten Geschäften umgebenen Hauptstraße einig, es sei egal, wem man die Macht gebe, „sie lügen alle“. Die Kleinstadt des Nordostens liegt im traditionellen Herzland von Labour, wo Söhne so zu wählen pflegten wie ihre Väter, ihre Großväter und ihre Urgroßväter, die in den inzwischen geschlossenen Gruben arbeiteten. In dieser wirtschaftlich deprimierten Region konnte die Partei 2017 trotz schrumpfender Mehrheit noch 26 von 29 Sitzen ergattern. Durch den Brexit sind die alten Stammesloyalitäten ins Wanken geraten. So wie Margaret Thatcher um Stimmen warb, indem sie Arbeitern ermöglichte, Hausbesitzer und Aktionäre privatisierter Unternehmen zu werden, so wie Tony Blair 1997 um den sogenannten „Mondeo Man“ buhlte, den Hausbesitzer und Ford-Fahrer des unteren Mittelstands, und so wie die Tories 2015 den „White Van Man“ ins Visier nahmen, den klassischen Handwerker mit Kleintransporter, haben es die Konservativen diesmal auf den „Workington Man“ abgesehen, den Brexit befürwortenden Labour-Wähler aus früheren Industriestädten wie Workington an der nordenglischen Westküste, der empfänglich ist für das Argument, dass die Remain-„Elite“ sich gegen die demokratische Entscheidung der Mehrheit stemme, um den EU-Austritt zu verhindern.

Helen Goodman, die Labour-Abgeordnete, die Bishop Auckland seit 2005 im Parlament vertritt, ist bei der Wahl von 2017 mit einer Mehrheit von 502 Stimmen gerade noch so durchgerutscht. Diesmal deutet alles darauf hin, dass sie ihren Sitz an die Tories verlieren wird. Vor einigen Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass eine ehemalige Bergarbeiter-Stadt einen Eton-Schüler als Premierminister unterstützen würde. Jetzt hat Helen Goodman für den Verbleib in der EU gestimmt. Doch Bishop Auckland gehört zu den sich im Stich gelassen fühlenden Wahlkreisen des Nordens, die Johnsons Aufruf gefolgt sind, den „britischen Löwen brüllen zu lassen“. Sie befürworteten den Brexit zu fast 61 Prozent. Die Männer in der Kneipe reden verächtlich von Europa. „Die wollen uns vorschreiben, was wir mit unserem Land machen. Die geben uns sogar unser eigenes Geld zurück, damit die Bauern ihre Acker brach liegen lassen, so dass Europa seine Produkte an uns verkaufen kann“, schimpft der 61 Jahre alte Tom, der zwanzig Jahre lang in einem Pflegeheim gearbeitet hat.

Tom wird zum ersten Mal in seinem Leben die Konservativen wählen, um Labour zu verhindern. Obwohl er Johnson für einen „Spinner“ hält, vertraut er ihm eher als Corbyn, dem er unterstellt, lieber jemanden radikalisieren zu wollen, als ihm Paroli zu bieten. Seine drei Kumpel pflichten ihm bei. Einer von ihnen wollte seine Stimme allerdings der Brexit-Partei geben. In Bishop Auckland wird überall über das Krankenhaus und die Schließung der Notaufnahme geklagt, die noch unter Labour stattfand. Seitdem müssen die Bewohner zwanzig Kilometer fahren, um Erste Hilfe zu erhalten. Das hat die Bewohner der Stadt, in der die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch ist wie im Landesdurchschnitt, in ihrem Selbstwertgefühl gekränkt. Männer in der Kneipe sagen resigniert, dass ihre Stimme nichts zähle.

Dagegen kämpft ein Philanthrop, der in manchen Augen „zu gut ist, um wahr zu sein“, obwohl er viel zu selbstironisch und bescheiden ist, um sich die Aura eines Gutmenschen zu verleihen. Jonathan Ruffer ist ein 67 Jahre alter Anlageverwalter, der von sich selbst sagt, unverschämt viel Geld verdient zu haben. Der fromme Anglikaner beruft sich auf den viktorianischen Unternehmer, Politiker und Wohltäter William Rathbone, der erklärte, niemand brauche mehr als 200.000 Pfund.

Ruffer meint, das entspreche heute etwa zwanzig Millionen Pfund, genug also, um seiner Leidenschaft für die alten Meister der Gegenreformation und der englischen Landschaftsmalerei des achtzehnten Jahrhunderts nachgehen zu können. Zusammen mit seiner Frau, Jane, einer Palliativärztin, hat er vor einigen Jahren beschlossen, etwas für den sozial und wirtschaftlich benachteiligten Nordosten Englands zu tun. Kaum dass dies beschlossen war, kam die Nachricht, dass die Kirche zwölf der dreizehn Gemälde von Francisco de Zurbarán mit den lebensgroßen Figuren von Jakob und seinen zwölf Söhnen verkaufen wollte, die sich seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Bishop Auckland befanden. Der aufgeklärte Bischof von Durham, ein engagierter Befürworter der jüdischen Emanzipation, hatte sie 1756 erworben und im Speisesaal seiner fürstbischöflichen Residenz in Bishop Auckland aufgehängt, um seinen Gästen das Vermächtnis von Christentum und Judentum in Erinnerung zu rufen.

In einer ähnlich symbolischen Geste hat Ruffer vor sieben Jahren nicht nur die Gemälde gekauft, sondern auch die ganze Burganlage. Er sieht sie in dieser Stadt der „Bergmänner und Prälaten“ als „Fahnenmast“ seiner Mission der wirtschaftlichen und sozialen Regenerierung der Region. Dabei geht es ihm vor allem darum, die Einstellung der Menschen zu verändern durch Initiativen zur Wiederherstellung des durch Jahrzehnte der Benachteiligung zermürbten Selbstvertrauens. Deshalb will er die Bevölkerung nicht nur einbinden in Kulturprojekte, die das Bewusstsein für das historische Vermächtnis der Region wecken sollen, darunter ein Museum des Glaubens, ein vom Prado und der Universität Durham unterstütztes Zentrum für die spanische Malerei des goldenen Zeitalters, ein Museum für Bergarbeiterkunst und das seit vier Jahren im Sommer stattfindende historische Spektakel, das die Geschichte Englands durch die Augen der Region erzählt. Er finanziert auch gruppentherapeutische Diskussionen.

Die Ruffers haben einen langen Atem. Doch die Männerrunde in der Kneipe klagt, dass die Stadt sterbe. Die Burg liegt am anderen Ende der Hauptstraße, weniger als zehn Minuten Fußweg entfernt, aber es zieht sie nicht dorthin. In diesem Wahlkampf, in dem der Brexit zwei ehemalige Premierminister veranlasst hat, die Wähler aufzurufen, taktisch zu stimmen, statt ihre Parteien zu unterstützen, in dem der Brexit-Parteiführer Nigel Farage angekündigt hat, er werde einen ungültigen Zettel in die Urne stecken als Protest gegen die Tories, werden die jeweiligen Besonderheiten von Städten wie Bishop Auckland den Ausgang bestimmen. Es findet, wie Tony Blair gesagt hat, nicht eine Wahl statt. Es finden 632 Wahlen statt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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