FAZ plus ArtikelAbriss bei der Charité

Rettet den Mäusebunker!

Von Felix Torkar und Gunnar Klack
07.05.2020
, 12:22
Sehen aus wie der Panzerkreuzer Potemkin, nur Feuer spucken sie nicht: die ehemaligen Tierlaboratorien der Freien Universität Berlin.
Es wäre ein Skandal: Die Charité in Berlin will zwei Meisterwerke der deutschen Betonmoderne abreißen. Eines gehört zu den zehn wichtigsten brutalistischen Bauwerken Deutschlands.
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Die Entscheidung darüber, was Bausünde ist und was Kulturerbe, wird längst nicht mehr allein per Dekret aus den Elfenbeintürmen der Denkmalämter verkündet. Der Prozess von der Kontroverse zur Wertschätzung bis zu Erhaltung und Umnutzung wird ebenso von Investoren, Grundbesitzern und Bürgen geprägt. Das öffentliche Interesse soll dabei an erster Stelle stehen. Doch steht die Stadt Berlin wieder einmal kurz davor, einzigartige und bedeutende Stücke ihres baulichen Kulturerbes zu zerstören: die ehemaligen Zentralen Tierlaboratorien der Freien Universität (FU) – Spitzname Mäusebunker – und direkt gegenüber das Hygieneinstitut, welches die Räume des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie der FU sowie des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité beherbergt. Diese möchte die betroffenen Grundstücke neu bebauen. Das Besondere an dieser Situation ist, dass sich hier die Interessen zweier öffentlicher Funktionen gegenüberstehen, nämlich Wissenschaft und Denkmalschutz, und dass bei dieser Entscheidung die Stimmen von Medien und Bürgern das Zünglein an der Waage sein könnten.

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Dem Bauamt im Berliner Bezirk Steglitz liegen für beide Grundstücke Beseitigungsanzeigen vor, und noch ist keines der bedrohten Bauwerke als Denkmal eingetragen, obwohl beide es in höchstem Maße verdient hätten. Es geht um zwei aus unverkleidetem Beton errichtete Forschungsinstitute, deren Ästhetik zum Radikalsten gehört, was der Baustil des Brutalismus in Deutschland hervorgebracht hat. Dieser Stil, dessen Name aus dem französischen „béton brut“ abgeleitet ist, steht für konsequent roh belassene Baumaterialien, ablesbare Konstruktionen und skulpturale Großformen. Nichts sollte geschönt oder versteckt werden. Die Bauten gehören zum Campus Benjamin Franklin, dem gigantischen, in den sechziger Jahren von den Vereinigten Staaten als Zeichen der Verbundenheit beider Völker finanzierten Krankenhaus Steglitz. Hier schlug das medizinische und biologische Herz West-Berlins. Krankenhaus, Tierlaboratorien sowie Hygieneinstitut wurden mit höchsten Ausbaustandards ausgestattet, was zu imposanten Exemplaren nachkriegsmoderner Baukunst führte.

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