Attentat auf „Charlie Hebdo“

Ein Anschlag auf das Wertvollste, was der Westen hat

Von Jürg Altwegg
08.01.2015
, 10:33
Die Vorhersagen des Magiers Houellebecq auf dem Titelblatt des französischen Satiremagazins vom 7. Januar 2015
Attentat zum Erscheinungstermin: Die Schüsse auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ fielen am Tag der Auslieferung von Michel Houellebecqs Islam-Roman „Unterwerfung“.
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Die literarische Unschuld und die Lust am Roman waren von kurzer Dauer. Muss man Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ nun doch als Vorwegnahme lesen? Als „Antizipationsroman“ hat ihn Emmanuel Carrère bezeichnet, der neben Houellebecq emblematischste Vertreter der französischen Gegenwartsliteratur. Carrère meinte nicht die Schüsse in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, die fielen, als in den Buchhandlungen die ersten Exemplare verkauft wurden. Es war ein Attentat zum Erscheinungstermin.

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Emmanuel Carrère vergeicht Houellebecq mit Aldous Huxley und George Orwell. „Wie in ,1984‘ geht es um die Auseinandersetzung mit der Propaganda und die politische Korrektheit. Mit Huxley verbindet ihn die Faszination für die Religion - bei Houellebecq ist es bekanntlich der Islam.“ Carrère selbst hat gerade einen phänomenalen Bestseller über das frühe Christentum vorgelegt, einen Roman über das Leben von Paulus und Lukas. Houellebecq bescheinigt er eine „diffuse Mutation, die wir alle spüren“. Houellebecq habe eine Bedeutung erlangt wie einst Sartre.

Viele Feinde

Es gibt in „Unterwerfung“ keine Stelle, die religiöse Empfindungen der Muslime verletzen würde. Provoziert hat sie Houellebecq hingegen in verschiedenen Interviews. Vor mehr als zehn Jahren bezeichnete er den Islam, der in seinen Romanen omnipräsent ist, als „dümmste aller Religionen“. In „Plattform“ überfliegt sein Held Afghanistan, es ist tiefe Nacht und kein Land in Sicht: „Die Taliban haben sich zur Ruhe gelegt und schmoren in ihrem Dreck.“ Wer die Taliban sind, wussten beim Erscheinen des Romans nur wenige: Es war ein paar Wochen vor dem 11. September. Der Sex-Tourist ist auf dem Weg nach Thailand in den Ferienklub Aphrodite - in dem islamische Terroristen ein Blutbad anrichten. Sein Remake in der Wirklichkeit fand im Jahr danach in Bali statt, wie im Roman lief es ab - seither steht Houellebecq im Ruf, ein Visionär zu sein.

In „Karte und Gebiet“ inszeniert er seinen eigenen gewaltsamen Tod. Die Leiche musste seziert werden - der Schriftsteller war ermordet worden, zusammen mit seinem Hund, und so übel entstellt, dass es dem Gerichtsmediziner nicht möglich war, die einzelnen Teile dem Menschen oder dem Tier zu zuweisen. „Er hatte viele Feinde“, sagten die Befragten dem Kommissar, der in der Kirche bei der Abdankung präsent ist und erschauert, als er sieht, dass die sterblichen Überreste in einem Kindersarg hineingetragen werden.

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Houellebecq als Kritiker des Kapitalismus

Die Schüsse auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ galten auch Houellebecq. Die Terroristen waren über die journalistischen und literarischen Gepflogenheiten bestens informiert. Am Mittwochmorgen findet die einzige Redaktionskonferenz statt, ansonsten sind die Räume weitgehend verwaist. Die kleine satirische Zeitschrift verhöhnte alle Religionen, sie steht in der Tradition der französischen Antiklerikalismus und pflegt eine Satire, die sich an keinerlei Grenzen hält. Die katholische Kirche wird jede Woche der Lächerlichkeit ausgesetzt, der deutsche Papst Benedikt war ein gefundenes Fressen für die Zeichner. „Charlie Hebdo“ hatte die dänischen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt und ihnen ein gezielt provozierendes Sonderheft gewidmet. Beim Prozess in Paris verteidigten viele Politiker, welche die Publikation als unnötige Provokation kritisiert hatten, die Meinungsfreiheit der Zeitschrift. Es gab einen Freispruch.

Die islamistischen Drohungen wurden erst später in die Tat umgesetzt. Nach einem Heft über den Wahlsieg der Ennahda in Tunesien kam es zu einem Brandanschlag auf die Redaktion. Die Zeitschrift konnte weiter erscheinen - die Redakteure fanden Unterschlupf bei „Libération“. Später kam es zu Hacker-Attacken. Am Mittwoch haben die Terroristen minutenlang auf die Journalisten und Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ geschossen, seine Stützpfeiler, die Zeichner Wolinski und Cabu, befanden sich im Haus. „Wir haben den Propheten gerächt, wir haben Charlie Hebdo getötet“, schreien die Killer auf einem Video. Zu ihren Opfern gehört Bernard Maris, der die Zeitschrift als Aktionär unterstützte. Maris war Verfasser eines Essays über Ernst Jünger und Maurice Genevoix im Ersten Weltkrieg. Sein letztes Buch: eine Schrift über Michel Houellebecq als Kritiker des Kapitalismus.

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Wie soll die Welt reagieren?

In dessen „Unterwerfung“ spielt der Literaturprofessor François, in dem man sehr wohl das Alter Ego des Verfasser ausmachen kann, die Hauptrolle. Er ist alles andere als ein Islamverächter und bekehrt sich am Ende: ein dreifaches Gehalt und die Versprechung, drei Frauen zu bekommen. Die Sorbonne, an der er lehrt, wird von den Saudis finanziert und kontrolliert. Die Studentinnen haben ihre kurzen Röcke gegen Schleier ausgetauscht. Vieles davon geschieht freiwillig. Das Bekenntnis zum Islam aber ist Voraussetzung für eine Anstellung als Dozent. Der neue Rektor heißt Robert Rediger, er hat François, der gekündigt hatte, zurück an die renommierte Uni geholt. Rediger wird nach kurzer Zeit Minister in der Regierung des neuen Präsidenten Ben Abbes.

Michel Houellebecq, der viele Figuren aus der französischen Wirklichkeit - Intellektuelle wie Politiker - auftreten lässt, nimmt es mit ihnen ziemlich genau. Mit Robert Rediger hat er sich indes eine kühne Karikatur erlaubt. Denn der Name und ein paar weitere Details verweisen darauf, dass es sich um den Philosophen Robert Redeker handelt. Gegen Redeker, der zu den Herausgeber der von Jean-Paul Sartre begründeten, von Claude Lanzmann geleiteten Zeitschrift „Les Temps modernes“ gehörte, wurden im Jahr 2006 Morddrohungen ausgesprochen. Redeker hatte nach der Rede von Papst Benedikt in Regensburg, die heftige Reaktionen auslöste, im „Figaro“ einen Aufsatz veröffentlicht: „Wie soll die freie Welt auf die islamischen Einschüchterungen reagieren?“

Für Redeker war klar: „Die Reaktionen sind Teil des Versuchs, das Wertvollste, was der Westen hat, zu ersticken und was es in keinem islamischen Land gibt: die Gedanken- und die Meinungsfreiheit.“ „Der Koran will Europa seine Regeln aufdrängen“, schrieb Redeker und zählte auf: Die Schwimmbäder werden zeitweise nur für Frauen geöffnet. Man darf keine Karikaturen mehr zeichnen. In den Kantinen der Schulen nimmt man auf islamische Essgewohnheiten Rücksicht. Religionskritische Meinungsäußerungen werden als „islamfeindlich“ - „islamophob“ - bezeichnet.

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Was aus den mittelmäßigen Renegaten geworden ist

Für Redeker hatte die Islamisierung des Landes längst begonnen: „Die gleichen Kreise, die dagegen protestieren, den Platz vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris nach Papst Johannes Paul zu bezeichnen, sagen rein gar nichts, wenn Moscheen gebaut werden.“ Wie einst der Kommunismus hat der Islam im Westen seine „nützlichen Idioten“. Auch zu einem polemischen Vergleich der Religionen holte Redeker aus: Das Christentum verkündet die Liebe, der Islam predigt Hass. Er erwähnt durchaus die kriminelle Vergangenheit der Kirche, die ihre Kreuzzüge führte und im Namen des Dogmas Philosophen zum Tode verurteilte. Mohammed, schreibt er, war ein Plünderer und polygam, ein unerbittlicher Kriegsführer, der Juden massakrierte. Im Islam und seinen Opferritualen stecke weiterhin eine „archaische Gewalt“.

Vor all dem verschont Michel Houellebecq seine Leser. Redeker musste untertauchen wie einst Salman Rushdie. Er konnte nicht mehr länger als Lehrer arbeiten und wurde unter Polizeischutz gestellt. Jede Nacht schlief er an einem anderen Ort, monatelang. Noch immer wird er von der Polizei beschützt, wenn er seinen Pariser Verleger besucht. Der umstrittene Intellektuelle Tariq Ramadan wird genauso wie der Philosoph Pascal Bruckner im Roman beim Namen genannt. Dass Houellebecq ausgerechnet einen islamkritischen Scharfmacher zum intellektuellen Leuchtturm der Islamisierung macht, zeigt, wie sehr er sich an der kulturellen Kollaboration der Intellektuellen unter der deutschen Besatzung orientiert: Die Roten waren ganz besonders eifrige Braune, und die mittelmäßigen Renegaten wurden zu den wildesten Fanatikern. Rediger im Roman hat einen Leitfaden zum Islam geschrieben, Auflage: drei Millionen.

Eine unselige Allianz

Der Literaturprofessor François wiederum arbeitet im Roman an einer Klassiker-Edition für die renommierte Dünndruck-Bibliothek Pléiade des Verlages Gallimard. Bei Gallimard trafen sich im Krieg die Autoren des Widerstands und der Kollaboration. Jean Paulhan hatte zu beiden Seiten gute Kontakte. Er war die zentrale Figur des Verlags - und in seinem Pariser Stadtpalais wohnt Rediger mit seinen drei Frauen und wo ihn François besucht. Der Cognac ist erstklassig.

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Mit Paulhan und Rediger schlägt Houellebecq auch die sexuelle Volte zum Titel des Romans, „Unterwerfung“. Sie ist nicht nur das Leitmotiv des Islams für die Gläubigen und die Frauen im Besonderen. Für ihren Geliebten Jean Paulhan hatte dessen engste Mitarbeiterin unter Pseudonym die berühmte „Geschichte der O“ geschrieben, einen Klassiker der sadomasochistischen Literatur über die Lust der Unterwerfung (die François „anwidert“) Seine Wahl zum Staatspräsidenten verdankt Ben Abbes der Unterstützung durch die gemäßigten Parteien. Ihnen geht es darum, Marine Le Pen zu verhindern.

Houellebecq, der Sartre unserer Gegenwart, beschreibt diese unselige Allianz der Demokraten mit berechtigter Ironie. Sie wurde nur möglich, weil sich Linke wie Rechte nur mit ihren Extremen verbünden - und eine Koalition über die Mitte weiterhin als demokratische Utopie erscheint. Die Schüsse auf „Charlie Hebdo“ rütteln die Öffentlichkeit wach. Sie könnten diese Mauer in der Mitte zum Fallen bringen, schneller, als es sich der unfreiwillige Visionär in seinem Antizipationsroman vorgestellt hat.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Freier Autor im Feuilleton.
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