Plagiatsfall Koppetsch

Nein, wie unoriginell!

EIN KOMMENTAR Von Patrick Bahners
10.06.2021
, 11:12
Die Soziologin Cornelia Koppetsch hat gerichtlich erzwungen, dass sie Lehrveranstaltungen abhalten darf. Gleichzeitig werden neue Plagiatsvorwürfe bekannt. Man sollte erkennen, dass das Abschreiben bei ihr nicht nur System hat, sondern Methode ist.

An der TU Darmstadt fand am 7. Juni die erste Sitzung eines Seminars über „Sozialtheorie und Emotionen“ statt. Die Dozentin ist Cornelia Koppetsch, Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung. Sie bietet ein zweites Seminar an, das am Montag beginnt: „Gegenwartsdiagnosen I“. Fortsetzung im Wintersemester soll also folgen. Die Seminare finden als Blockveranstaltungen statt und wurden nachträglich ins Vorlesungsverzeichnis aufgenommen. Gegen Koppetsch läuft ein Disziplinarverfahren, weil eine universitäre Kommission die Zitierpraxis in ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ und weiteren Schriften als „gravierenden Verstoß gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis“ eingestuft hat. Vor dem Verwaltungsgericht hat sie erzwungen, dass sie im laufenden Semester Lehrveranstaltungen abhalten darf.

Das Seminar über Sozialtheorie und Emotionen wird Neid, Ressentiments und Scham unter anderem anhand der Schriften von Sighard Neckel behandeln. Die Beschäftigung von Koppetsch mit dem Verfasser von „Status und Scham“ (1991) ist in ihrem jüngsten, 2020 im VSA Verlag erschienenen Buch „Rechtspopulismus als Protest“ dokumentiert. Wie der Bayerische Rundfunk jetzt bekannt gemacht hat, stammt die lange Fußnote auf Seite 102 aus „Status und Scham“. Neckel wird auf dieser Seite zwar genannt, aber nicht als Autor des Satzes, dass im Vorteil ist, wer gelernt hat, sich durch „Selbstdisziplin und Langsicht“ auf die Komplexität der Umwelt einzustellen. Eine Stellensammlung einer Gruppe genauer Leser, die anonym bleiben möchten, legt nahe, dass das nach der Plagiatsaffäre in Druck gegebene Buch noch mehr Plagiate enthält als auch in der F.A.Z. berichtet.

Wie soll man es deuten, wenn Cornelia Koppetsch sogar im Moment äußerster Gefährdung ihres Status, als ihr ein neuer Verlag eine zweite Chance gab, nicht die Selbstdisziplin für saubere Zitatnachweise aufbrachte? Ihre unbeirrte Fortsetzung der Abschreibpraxis drängt den Schluss auf, dass gerade so für sie gute wissenschaftliche Praxis aussieht. Es sollte soziologisch erhellend sein, ihren Fall unter der Prämisse zu betrachten, dass die unausgewiesene Übernahme fremder Texte nicht nur System hat, sondern Methode ist.

Ihr Metier ist die Gegenwartsdiagnose. Die Aussagen dieser Gattung der soziologischen Literatur wirken genau dann triftig, wenn der Leser sich im Text wiedererkennt. Kollegen wie Neckel finden bei Koppetsch die eigenen Worte wieder, alle anderen Leser Gedanken, die sie sich selbst schon einmal gemacht oder jedenfalls irgendwo gelesen haben. Auch nach dem vernichtenden Kommissionsbericht warfen sich Rezensenten aus dem Kulturjournalismus für die gestürzte Starautorin in die Bresche: Wer die Tendenz der Zeit auf Begriffe bringe, könne nicht nur aus Eigenem schöpfen.

Man muss das Argument zuspitzen: In der bruchlosen Integration gestohlener Formulierungen liegt eine tiefere Beglaubigung ihres sozialwissenschaftlichen Wertes als im Verweis auf das ausgeschlachtete Werk. Das gilt für eine Sozialwissenschaft, deren Meisterdisziplin das Gruppenselbstporträt ist: die als Selbstkritik vermarktete Darstellung einer Bildungselite, die gerne hört, dass sie zu große Stücke auf die neoliberalen Fetische Sozialprestige und Privateigentum hält. Der Stil von Cornelia Koppetsch ist das Fehlen von Distinktion.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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