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Epochale Ereignisse

Wird nichts so sein, wie es vorher war?

EIN KOMMENTAR Von Jürgen Kaube
Aktualisiert am 15.03.2020
 - 08:30
Auf dem Weg zum Flieger: Zwei Reisende am Frankfurter Flughafen
Die Corona-Pandemie zeigt uns, dass es zwar Hunderte von Staaten und ungezählte Lebensmittelpunkte gibt, aber bloß eine Gesellschaft – die jetzt vor einer bislang unbekannten Aufgabe steht.

Nach einschneidenden historischen Ereignissen ist oft der Satz zu hören, nichts werde jetzt mehr so sein, wie es vorher war. Man hörte diesen Satz nach Revolutionen, französischen oder digitalen, nach Welt- und Bürgerkriegen, nach dem Einsturz politischer Systeme oder zuletzt nach dem Attentat auf die Zwillingstürme von New York. Jedes Mal war es verständlich, dass er gesagt wurde, und jedes Mal war er gleichwohl eine Übertreibung. Denn vieles blieb eben doch, wie es war. Manches hätte sich auch ohne die Zäsur geändert. Und anderes änderte sich nicht so sehr, wie es, je nachdem, das erste Erstaunen oder Entsetzen erwarten ließ.

Soeben sind wir Zeugen und Betroffene eines Ereignisses, der Corona-Pandemie, das sich ähnlich epochal anfühlt. Zwar wird gesagt, die Schulen blieben bis zum Ende der Osterferien oder bis zum Ende ihrer Verlängerung geschlossen. Auch wenn jetzt Messen, Konferenzen, Ausstellungen, Theaterabende und Fußballspiele abgesagt werden, geschieht es oft mit dem Hinweis, man werde sich zeitnah mit Ersatzterminen melden. Doch in Worten wie „einstweilen“, „bis auf Weiteres“, „verschoben“ und „bald“ verbirgt sich nur schlecht die Befürchtung, dass es lange dauern könnte. Mehr aber noch, dass wir nicht sicher sein können, die gesellschaftliche Normalität, wie sie sich uns darstellte, zurückzubekommen.

Vereinfachung des Sozialen

Diese Normalität ist eine der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. Die einen gehen zur Schule, die anderen in den Betrieb, Dritte sind in den Ferien und wieder andere machen Politik, forschen, beten oder führen Prozesse. Es zeichnet diese Gesellschaft, mit anderen Worten, eine historisch völlig einmalige Differenzierung des sozialen Handelns aus. Zu ihren Bedingungen gehört, dass in dieser Gesellschaft nicht alles mit allem zusammenhängt. Und auch nicht alles von den Leistungen oder der Unfähigkeit einer einzigen Instanz abhängig ist, sei es nun die Politik, die Wirtschaft, das Recht oder die Wissenschaft.

Die Pandemie greift in diese Bedingungen ein. Sie zeigt also nicht nur, dass es zwar Hunderte von Staaten, Tausende von Regionen und ungezählte Lebensmittelpunkte gibt, aber inzwischen bloß noch eine Gesellschaft. Sie stellt dieser Gesellschaft und ihren Staaten auch eine bislang ganz unbekannte Aufgabe: So gut wie ihre gesamte Leistungsfähigkeit auf ein einziges Problem zu konzentrieren oder jedenfalls so gut wie alles diesem einen Problem unterzuordnen. Eine solche Vereinfachung des Sozialen gelingt normalerweise nicht einmal Kriegen.

Zugleich stellt die Pandemie vor die Aufgabe, gesellschaftliche Handlungsfähigkeit bei gleichzeitigem Wegfall elementarer sozialer Grundlagen aufrecht zu erhalten. Die Empfehlung der Bundeskanzlerin, wo immer es möglich sei, solle auf Sozialkontakte verzichtet werden, hat die eine Hälfte dieser Aufgabe, die medizinisch erforderliche, zutreffend beschrieben. Die andere Hälfte des Problems jedoch besteht darin, dass es ohne Sozialkontakte keine Gesellschaft gibt. Und ohne Organisationen, in denen sie stattfinden, keine Handlungsfähigkeit. Genau an dieser Stelle meldet sich das Gefühl, in einer historisch völlig unbekannten Situation zu leben. Es wäre unredlich, ihr schon jetzt eine Diagnose zu stellen. Und sei es die, nichts werde wieder so werden, wie es einmal war.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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