Frank Schirrmachers Düsseldorfer Dankrede

Den Schmerz verdoppeln

Von Frank Schirrmacher
21.09.2012
, 16:00
Detail aus Peter Eisenmans Berliner Holocaust-Mahnmal
Was ist Inversion? Wenn ein Nobelpreisträger die Juden zur Gefahr erklärt. Wenn die deutsche Justiz den Juden Körperverletzung vorwirft. Anmerkungen zum sprachlichen Sadismus aus Anlass der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille durch die Jüdische Gemeinde Düsseldorf.

Josef Neuberger gehört zu den Gründungsfiguren dieser Republik, er war ein Garant für Rechtssicherheit, nicht nur in seiner Tätigkeit als Justizminister und Anwalt. Als emigrierter Jude gehörte er zu jener Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus, die durch die pure Tatsache ihrer Rückkehr, was heute allzu leicht vergessen wird, diesem Land wieder eine moralische Chance gaben, eine Chance, die es in den Augen vieler so schnell nicht wieder verdient hatte.

Es gibt nicht mehr viele aus dieser Generation. Mit einem habe ich das Privileg und das Glück, bis heute zusammenzuarbeiten: Marcel Reich-Ranicki. Ein anderer war Paul Spiegel, ein Dritter, in gewisser Weise ein Verbindungsglied zwischen Salomon Korn und mir und heute immer noch schmerzlich vermisst: Ignatz Bubis. Mich verbindet eine lange Arbeits- und, wenn es nicht so anmaßend wäre, würde ich sagen: Freundschaftsgeschichte mit Marcel Reich-Ranicki. Ich habe das alles erlebt - mit ihm und mit seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Frau Tosia: die Präsenz einer Drohung, manchmal nur eines Unwohlseins, die ständige Alarmbereitschaft. Soll man in einer Rezension schreiben, dass Hilde Domin Jüdin war? Einmal strich er es heraus und sagte: „Ich will nicht, dass man denkt, sie brauche Rabatt.“ Später änderte er seine Meinung, weil sich auch das Klima unter dem Schatten des Historikerstreits änderte: „Wir werden uns nicht verstecken“, sagte er, „und Hilde Domin schon gar nicht.“

Anfangs nur eine syntaktische Umstellung

Wir reden von den neunziger Jahren. Kurze Zeit später erschien Marcel Reich-Ranickis Biographie. Ich fuhr mit ihm alle Orte seiner Kindheit in Berlin ab. Auf dem Kaiserdamm kamen wir an einem Polizeigebäude vorbei, eines von den Gebäuden, wo man aus dem Adler, noch heute erkennbar, das Hakenkreuz herausgeschlagen hatte. Fast beiläufig sagte er: „Ah, schauen Sie, in diesem Polizeirevier habe ich mir meinen Deportationsbefehl abgeholt.“ Und dann ins Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, bis 1945 das Preußische Staatstheater. „Dort in der Loge sah ich Göring und Gerhart Hauptmann. Die Hymne wurde gespielt, Hauptmann stand auf und zeigte den Hitlergruß.“ Ich fragte ihn: „Wie haben Sie das empfunden?“ „Wie soll ich das empfunden haben? Es war eine Perversion, eine Inversion, alles war auf den Kopf gestellt.“

Ich bin Journalist, mein Handwerkszeug ist die Sprache. Ich möchte deshalb in einem Exkurs eine sprachliche Figur beleuchten, die im Augenblick, so scheint mir, Karriere macht. In Abwandlung eines Wortes von Jean-Paul Sartre könnte man sagen, Sprache ist „gelenktes Denken“, sie gibt Bahnen vor, und immer wieder gibt es Leute, die unmerkliche Abzweigungen und Abwege einbauen, und plötzlich ist nicht nur die Sprache, sondern auch das Denken an Zielen, die man gar nicht hat erreichen wollen. Man nennt das Demagogie.

Die rhetorische Figur, die ich ansprechen will, heißt „Inversion“, auch Umkehrung genannt, anfangs meistens nur eine syntaktische Umstellung, gern aber auch eine gedankliche. Was ist eine Inversion? Eine berühmte zeitliche Inversion findet sich in Goethes „Faust“, wo Mephisto sagt: „Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen.“ Das klingt harmlos, fast witzig, aber es ist gemein gemeint: erst der Schock, dann der Hohn, erst das absolut Unüberschreitbare, der Tod, dann die banalste Alltagsroutine „lässt Sie schön grüßen“. Die Absicht ist: den Schmerz verdoppeln. Man kann es auch anders nennen: Es ist die sprachliche Produktion von Sadismus.

Inversion überall

Eine andere, aktuellere Inversion stammt von einem lebenden Dichter. Er schreibt ein sich moralisch empört gebendes Gedicht über den Staat Israel, in dem die Worte „schweigen“, „zu lange verschweigen“, „Überlebende“, „auslöschen“, „Lüge“, „Zwang“, „Strafe“, „Antisemitismus“, „allesvernichtend“, „nie zu tilgen“, „Verbrechen“, „Mitschuld“, „Ausreden“, „Heuchelei“, „Wahn“ in dieser Reihenfolge vorkommen. Alles Worte, die in dieser Dichte und in diesem Kontext und in dieser Sprache sich nur auf eines beziehen konnten: auf den Holocaust. Aber der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass, der das Gedicht unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ kurz vor Ostern unter weltweiter Anteilnahme publizierte, hat alles umgedreht: All das wird aufgerufen, um Israel, ich zitiere wörtlich, „den Verursacher der erkennbaren Gefahr, zum Verzicht auf Gewalt aufzufordern“.

Es ist eine Inversion, nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine moralische. Man vergleicht nicht, man kehrt um. Es ist eine Inversion moralischer Zurechenbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes: Hier ging es niemals, mit keiner moralischen Silbe, um Iran oder Israel. Hier ging es einzig und allein um deutsche Geschichte. Hier ging es um die Inversion der deutschen Geschichte. Inversion heißt: endlich die Rollen wechseln, endlich Opfer sein, ich zitiere: „an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind“, endlich aus der Perspektive des Bedrohten über die reden, die noch zu eigenen Lebzeiten bedroht, verfolgt und umgebracht wurden. Es ist, mit Verlaub, eines der perfidesten Gedichte deutscher Sprache.

Inversion überall. Inversion, wenn ein berühmter deutscher Schriftsteller zu Ignatz Bubis sagte: „In Verhältnis zu Ihnen bin ich der Jude.“ Inversion, wenn im Jahre 2012 eine jahrtausendealte Praxis wie die Beschneidung von deutschen Gerichten als „Körperverletzung“ verurteilt wird und in Deutschland eine Debatte darüber beginnt, die „Judentum“ und „Körperverletzung“ in einen juristisch-semantischen Zusammenhang bringt, der einen sprachlos macht, in dem jüdische Eltern angeblich ihre eigenen Söhne verletzen, wo es einem doch erst einmal gereicht hätte, wenn die Justiz, die sich jetzt für Jahrtausende zuständig fühlt, damals sich nur für zwölf Jahre zuständig gefühlt hätte, als Deutsche und ihre Helfer nicht nur Körperverletzung an Juden betrieben, sondern Mord und Totschlag.

Die Operation Normalität

Inversion ist ein moralischer Doppelagent, im wahrsten Sinne des Wortes. Inversion ist es, wenn der Staat Nazis bezahlt oder beschäftigt, damit die als Nazi-Spitzel andere Nazis aushorchen und, damit sie es tun können, besonders überzeugende Nazis sein müssen oder sowieso immer schon waren und deshalb ausgewählt wurden. Das Ergebnis ist bekannt: Es war nicht nur die schlimmste neonazistische Mordserie in völliger Anonymität möglich, es ist überhaupt nur durch einen Zufall herausgekommen, dass es eine Mordserie war. Entstanden ist ein völlig kafkaeskes behördliches Durcheinander, mehr noch und fast schlimmer: ein moralisches Chaos, in dem niemand mehr entscheiden können soll, was Ursache und Wirkung, wer Anstifter und Täter war. „Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen“: Das ist die zynische Botschaft der Videos der NSU.

Die Rollen wechseln, umdrehen, Kausalitäten verändern und Zeitfolgen verkehren - das sind sprachliche Mittel, um Moral zu verändern, und gerade deshalb sind sie so gefährlich. In einer Welt, in der ganze Staaten „Die Protokolle der Weisen von Zion“ zur Pflichtlektüre machen und fürs Fernsehen verfilmen, ist die Inversion viel mehr als eine rhetorische Figur oder ein unsäglich schlechtes Gedicht - sie ist, nur ein paar Flugstunden von uns entfernt, im Range einer Staatsräson.

Ich habe es als junger Redakteur erlebt, als in Frankfurt unter dem Protest nicht nur der Jüdischen Gemeinde Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zur Aufführung gebracht werden sollte - ein klassisches Beispiel von Inversion. Salomon Korn erinnert sich besser als ich, was damals behauptet und diskutiert wurde; das Wort „Ende der Schonzeit“ fiel, aber im Kern ging es immer wieder darum, man müsse doch endlich „Normalität“ etablieren. Für die „Operation Normalität“ gibt es die rhetorische Figur der Inversion. Sie ist manchmal so unscheinbar, dass man das Bohren und Schrauben und Umdrehen gar nicht richtig hört.

Jeder kann mittun

Warum ist sie so beliebt? Weil der Nationalsozialismus und das, wofür er stand, ja selbst eine Inversion, moralisch gesprochen: eine Perversion war. Dreht man die Worte um, dann steht die moralische Welt auf dem Kopf. Der iranische Präsident ein „Maulheld“, Israel der „Verursacher der erkennbaren“, also wirklichen, „Gefahr“ - wer die deutsche Geschichte kennt, weiß, dass man hier nur die Worte austauschen müsste, und man hätte in reinster Form das, was die Wegbereiter Hitlers, die konservativen Eliten um Franz von Papen, dachten. Hitler nur ein Maulheld und die Juden eine Bedrohung.

Damals, als das Fassbinder-Stück aufgeführt wurde, gab es eine Redaktionskonferenz der F.A.Z., es war, glaube ich, eine meiner ersten. Zu Wort meldete sich Marcel Reich-Ranicki. Was er sagte, war ganz unpathetisch, für seine Verhältnisse sehr leise und bestand nur aus einem einzigen Satz, den, so glaube ich, keiner der Anwesenden vergessen hat, weil er sehr schmerzvoll klang. Er lautete: „Die Jüdische Gemeinde Frankfurt sitzt auf gepackten Koffern.“

Jedes neuronale Netz ist so eingerichtet, dass es weiß, dass es aktiv werden muss, bevor der Schlag erfolgt. Das gilt auch für unsere Gesellschaft: Nicht erst wenn Morde passieren, rassistische Parolen verbreitet werden und Pamphlete gedruckt werden, sondern viel früher, schon dann, wenn durch Inversion Schmerz verbreitet werden soll. Das Gute ist: Da kann jeder mittun, weil es sich auf der Ebene der Sprache abspielt. Und weil wir keine fiesen Gedichte und keine fiesen Theaterstücke benötigen, um zu beweisen, was wir längst wissen: dass das Maß des Schmerzes, den Deutsche Juden zugefügt haben und der noch die Nachgeborenen im zehnten Glied verfolgen wird, zu groß ist, als dass man auch nur ein falsches Wort vertragen könnte.

Die Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille durch die Jüdische Gemeinde Düsseldorf fand am 20. September in der Düsseldorfer Synagoge statt

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot