Fritz Stern zum Fall Grass

Eine Provokation mit bedrückendem Ergebnis

13.04.2012
, 15:26
Befremden bei geteilter Sorge: Der amerikanische Historiker Fritz Stern kritisiert die Irreführung der Israel-Kritik durch Günter Grass
Die Notwendigkeit der Kritik rechtfertigt nicht diese Form der Anklage: Ein Gespräch mit dem Historiker Fritz Stern über Günter Grass, die Debatte über dessen Gedicht und konstruktive Kritik an Israel.
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Herr Stern, wie war Ihre erste Reaktion auf das Gedicht von Günter Grass?

Die erste Reaktion war Trauer - und Bedauern. Weil ich sofort merkte, damit schadet er sich selbst. Das Gedicht ist ja eine ungeheure Selbstverwundung. Dass er der Sache geschadet hat, das kam mir natürlich auch gleich in den Sinn.

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Kennen Sie Günter Grass persönlich?

Ich kannte ihn recht gut - vor vielen Jahrzehnten. Ich erinnere mich an einen Abend bei ihm in Berlin in der Niedstraße, 1966 oder 1967. Ich war so beeindruckt von der „Blechtrommel“ und schätzte auch sein politisches Engagement. Dann haben wir auch korrespondiert. Ich wollte ihn für ein halbes Jahr nach Columbia, an meine New Yorker Universität, holen. Das hat dann nicht geklappt - aus Zeitgründen seinerseits. Obwohl ich auch Gegner des Vietnamkrieges war und diesen als einen Schaden für das eigene Land betrachtet habe, fand ich seinen Antiamerikanismus befremdlich und langweilig. Seit Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre haben wir uns dann kaum noch gesehen.

Passt das Gedicht in Ihr Bild von Grass?

Erst nachträglich. Er hat sich schon seit langer Zeit als Moralapostel aufgespielt. Hingegen kam mir seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zunächst gar nicht in den Sinn. Und dass diese jetzt so betont wird, finde ich nicht fair. Wie überhaupt die ganze Debatte in Deutschland.

Was stört Sie an dieser Debatte?

Das exzessive ad personam, und dann immer wieder die Betonung der Waffen-SS. Das Schlimme ist nicht die Mitgliedschaft des Nicht-Erwachsenen, sondern dass Grass sie jahrzehntelang verschwiegen hat. Jetzt allerdings muss ich sagen: Er hätte weiter schweigen sollen. Er hat sich gut verstanden aufs Schweigen. Da fällt mir auch das Wort Nietzsches vom „feinen Schweigen“ ein. Grass hat für sich selbst das feine Schweigen in Anspruch genommen, indem er jahrzehntelang nichts gesagt hat über die Waffen-SS, zugleich aber das deutsche Publikum immer gerügt hat: „Ihr beschäftigt euch nicht genug, seid euch eurer Vergangenheit nicht bewusst genug.“ Das galt ja für ihn selbst noch mehr.

Und jetzt wird er die Geister, die er rief, offenbar nicht mehr los.

Dass er für die Form der Debatte selbst viel Verantwortung hat, ist klar. Aber der Antisemitismus-Vorwurf stört mich. In der „Blechtrommel“ gibt es doch den Herrn Sigismund Markus, der ein Geschäft für Spielsachen hat, wenn ich mich recht erinnere, und der Selbstmord begeht - das ist so glänzend, mit so viel Einfühlungsvermögen geschrieben und so eindrucksvoll wie kaum eine andere Geschichte aus jener Zeit. Das kann kein Antisemit geschrieben haben.

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Leider hat die künstlerische Gabe der Empathie selbst Schriftsteller nicht immer immun gemacht gegen Hassgefühle.

Das mag sein. Aber zu glauben, dass, wer Israel kritisiert, deshalb ein Antisemit sei, ist gefährlicher Blödsinn. David Remnick, Chefredakteur des „New Yorker“, hat jüngst einen wichtigen Artikel über Israel veröffentlicht, den die „Zeit“ diese Woche nachdruckt. Es geht um die politische Kultur Israels. Von einem Juden geschrieben, in einem der allerwichtigsten Journale, die wir in Amerika haben - das sitzt. Das ist eine große Sorge, die ich teile: Warum haben wir, die wir nicht in Israel leben, selbst die Deutschen mit all der Vergangenheit, nicht das Recht, genau solche Sachen zu sagen - angetrieben von derselben Sorge, die auch viele großartige Israelis tief bewegt?

Aber man kann doch auch als Deutscher sehr wohl Israels Politik kritisieren - solange man es in angemessenem Ton tut. Insofern finde ich nicht, dass Grass irgendein Tabu gebrochen hat. Was glauben Sie, war denn sein Beweggrund, das Gedicht zu schreiben? Echte Sorge - oder bloße Lust an der Polemik?

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Das Gedicht enthält einige richtige Aussagen oder Ansichten - und sehr viele falsche. Es ist eine Mischung, die einem, muss ich sagen, ganz besonders leid tut. Kritik an der Möglichkeit eines israelischen Angriffs auf Iran ist absolut am Platz. Es gibt viele, die ebenfalls davor warnen - also kann man das unter keinen Umständen als antisemitisch bezeichnen oder als Indifferenz Israel gegenüber auslegen, sondern es kann aus Sorge kommen. Aber es ist so vieles an dem Gedicht, was falsch ist. Außerdem ist die Anmaßung, dass er etwas von nuklearen Waffen verstünde, bestürzend.

Das Ziel von Grass war es also nicht, konstruktive Kritik zu üben, sondern reine Provokation?

Absolut. Sie haben das richtige Wort gewählt: Es war eine Provokation. Mildernde Umstände oder Naivität würde ich ihm nicht zuschreiben. Er muss sich der Tragweite seiner Äußerungen bewusst gewesen sein - sonst hätte er auch nicht versucht, das Gedicht gleichzeitig international zu publizieren. Also, es war eine gezielte Provokation. Damit hat er etwas entfesselt, innerhalb Deutschlands zumindest, was erschreckend ist. Schade, dass man so eine Provokation nicht mit ironischem Lächeln, murmelnd „just skip it“, abtun kann. Unmöglich bei diesem Thema, aber vielleicht in dieser Richtung tonangebend.

Wie meinen Sie das?

Bei Grass gibt es so eine Kontinuität zu einer unglücklichen Tradition. Der Dichter als erhabener Warner und Seher, der mehr erkennt als die Normalsterblichen: Ist das nicht eigentlich auch ziemlich deutsch? Man muss kritisieren, wie er das getan hat. Aber die Verwendung historisch belasteter Begriffe wie „Auslöschung“, das Gleichsetzen von Israel mit Iran, und wenn er dann noch von der „Heuchelei des Westens“ spricht - diese Heuchelei hat er schon lange kritisiert, aber schließlich und endlich war in seinem Anspruch, die Moral-Autorität zu sein, ohne dass er vorher über sich selbst die Wahrheit gesagt hat, auch ein Stück Heuchelei. Das alles finde ich bedrückend, traurig, verspielt, denn, wie gesagt: Es ist der Zeitpunkt für sorgenvolle Fragen über die innere Lage Israels und damit verbunden über israelische Außenpolitik. Dieser Sache fügt er großen Schaden zu, und ich muss nochmals betonen, dass ich außerdem betrübt bin, dass es ihm gelungen ist, gemeine Dummheiten von der anderen Seite hervorzurufen.

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Wie bewerten Sie die Reaktionen in Israel?

Ich wiederhole: Es war doch so etwas wie eine gezielte Provokation. Die Antwort darauf, ganz besonders die offizielle Antwort von Israel, ist schlimm. Dass der israelische Innenminister Grass zur persona non grata erklärt und ein Einreiseverbot erlässt, ist unklug. Die Israelis hätten sagen müssen: Er sollte sich besser informieren, besonders, wenn er angibt, ein Freund des Landes zu sein. „Haaretz“ hat mit Recht die Antwort als hysterisch beschrieben und gleichzeitig das Gedicht verworfen. Grass kann sich bei solchen Reaktionen bestätigt fühlen.

Grass sagt, er fühle sich Israel „unkündbar verbunden“.

Also bitte. Aber ihm dann den Gefallen zu tun, zu sagen: „Sie sind so wichtig, dass wir Ihnen die Einreise nicht erlauben“, das ist eine Art von autistischer Arroganz, die toll und gefährlich ist.

Vielleicht gilt hier aber auch: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Denn wenn ich Sie richtig verstehe, wäre statt sinnloser Provokation konstruktive Kritik an Israels derzeitiger Politik dringend geboten.

Absolut. Kritik an der israelischen Politik im weitesten Sinne, wie sie zum Beispiel Remnick führt, ist meines Erachtens ein Akt der Solidarität und auch des Mutes. Übrigens, in Amerika sehe ich in der Allianz zwischen der jetzigen israelischen Regierung, den rechts stehenden Kräften in Israel und den rechts stehenden Kräften in Amerika, die oft auch fanatisch religiös sind, eine Riesengefahr sowohl für Israel als auch eine Bedrohung der Innen- und Außenpolitik in Amerika. Hier muss man hinzufügen, dass es auch Gegenmeinungen gibt: nicht nur Einzelstimmern wie Remnick, sondern auch Organisationen wie JStreet, die absolut solidarisch für ein demokratisches Israel steht, aber eben das Demokratische und Friedliche schützen will. Sie ist im Wettstreit mit Aipac (American Israel Public Affairs Committee), der viel mächtigeren und - angeblichen - Pro-Israel-Organisation in Amerika, die leider eine unangemessen wichtige innenpolitische Rolle bei uns spielt. Das ist eine besondere Allianz zwischen Netanjahu und seinen Leuten, ganz zu schweigen von solch entsetzlichen Leuten wie Joe Lieberman und den radikal Rechten in Amerika. Darin sehe ich, wie gesagt, eine echte Gefahr - auf Dauer auch für amerikanisches jüdisches Leben. Es gibt eben auch falsche Freunde Israels.

Und wie ist Ihre Sicht der derzeitigen israelischen Führung?

Sie ist radikal, aggressiv, unbeholfen - alles aus innerer Schwäche. Den amerikanischen Präsidenten vor den Kopf zu stoßen: sinnvoll? Netanjahus Eingriff in die amerikanische Innenpolitik ist ungehörig und gefährlich. Das kann sich irgendwann rächen. Ich habe einen republikanischen Bekannten, einen sehr reichen Mann, der mich bei der Wahl 2008 nach meiner Einschätzung gefragt hat. Er hatte bis dahin immer die Republikaner unterstützt, konnte sich aber zwischen McCain und Obama nicht entscheiden. Besonders wichtig, sagte er, sei ihm Israel. Und da habe ich mich plötzlich sagen hören: „Erlauben Sie mir einen historischen Vergleich. Einige Juden in Zentraleuropa mögen im Jahr 1917 die bolschewistische Revolution begrüßt haben als Chance zur Emanzipation, Befreiung, Gleichberechtigung. Das kann ich verstehen. Es hat in keiner Weise gut geendet für die Juden.“ Damit wollte ich sagen - und ich habe den Mann sogar überzeugt -, dass die jetzige Allianz zwischen israelischen Rechten und amerikanischen Rechten möglicherweise eine Illusion, am Ende eine schlimme, radikale Täuschung sein könnte.

Damit will ich nochmals betonen, dass ich die Einmischung und die Rolle von Aipac für riskant halte und auch im tiefsten Sinne antiisraelisch. Was Israel selbst anbelangt, weiß ich, dass es wichtige Stimmen gibt, die um die Demokratie bangen und die diese Sorge auch öffentlich aussprechen.

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Der Schriftsteller David Grossman hat sich kürzlich in diesem Sinn geäußert.

Eben. Und dass Grass das nicht erwähnt hat, finde ich besonders bedauerlich. Da er bekanntlich die Einmischung nicht scheut, hätte er sich doch auch in die tiefernsten, inneren Debatten in Israel einmischen können. Wenn er in seinem Gedicht moralischen Anspruch verlangt, dann hätte er zumindest die israelische Opposition anerkennen können. Aber diese Loyalität fehlt bei ihm vollkommen.

Wenn man sich die Lage Israels vor Augen führt, umgeben von feindlich gesinnten Regimen - sehen Sie Chancen für eine politische Lösung?

Anders als Günter Grass bin ich zurückhaltend in Fragen der jetzigen Strategie Israels gegenüber Iran. Ich teile die skeptische Meinung von amerikanischen und auch deutschen Experten wie Wolfgang Ischinger, die aus ihrem Fachwissen heraus vor einem solchen Schlag gegen Iran warnen. Besser beurteilen kann ich vielleicht die Gesundheit des Landes und seiner Gesellschaft. Das fanatisch-religiöse Element in Israel hat stark zugenommen. Diese Entwicklung stellt wirklich eine Gefahr für die Demokratie dar. Die Ausdehnung der Besatzung ist zudem erschreckend und schadet Israel als Demokratie außerordentlich. Jedenfalls ist Trotzigkeit nicht Vorbedingung zur möglichen Lösung. Die Lage Israels ist vielleicht einmalig schwer: Es ist ja aus einem unvorstellbaren Trauma geboren - bloß soll man sich nicht verleiten lassen, aus der Schoa einfache Lehrsätze zu ziehen. Albert Einstein, Zionist, der Deutschland als das Land der Massenmörder betrachtete, sagte, die Zionisten müssten sich mit den Arabern arrangieren oder sie würden erneutes grausames Schicksal verdienen. Man kann nicht nur immer das Schlimmste erwarten, defensiv-aggressiv sein. Ich weiß, die andere Seite ist mit Waffen aggressiv, ich verstehe Israels Angst - ich scheue mich, mehr zu sagen.

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Läuft Israel Gefahr, sich selbst um die Solidarität im Ausland zu bringen?

Israel hat sehr viel guten Willen im Ausland verspielt. In Amerika durch radikale Methoden der innenpolitischen Einmischung, wie Aipac sie unternimmt. Nochmals: ganz zu schweigen von Besatzung und übler Behandlung. Dann würde ich noch hinzufügen: Man darf die Schoa nicht instrumentalisieren. Wenn man sich erinnert, wie groß die Sympathie für Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 war und auch 1973, als Willy Brandt Israel entscheidend geholfen hat. General Israel Tal, ein großer Panzer-Kommandant, erzählte mir, dass er am Tag des großen Sieges im Jom-Kippur-Krieg gesagt habe: Das müssen wir alles zurückgeben. Was da verpasst wurde! Ich erinnere an Nietzsches Wort von 1871: „Ein großer Sieg ist eine große Gefahr.“ Ich glaube, Rabin hat das verstanden. Seine Ermordung durch einen israelischen Fanatiker hat symbolisch und faktisch entsetzlich viel zerstört. Damals schrieb ich, dass die Palästinenser, die ihre Heimat verloren haben, auch indirekte Opfer von Hitler waren. Das haben manche Leute mir sehr übel genommen. Aber man darf und soll verständnisvoll die Haltung von kritischen Israelis berücksichtigen oder unterstützen.

Das Gespräch führte Felicitas von Lovenberg.

Quelle: F.A.Z.
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