Reaktionen auf Günter Grass

Hat der alte Deutsche sein Haupt erhoben?

05.04.2012
, 11:28
Im Visier der Kritiker: Günter Grass (hier auf einer Aufnahme vom Dezember 2011)
Die in Gedichtform vorgetragene Kritik von Günter Grass an Israel sorgt weiterhin für deutliche Stellungnahmen. Auch die Nobelpreis-Kollegin Herta Müller bezog Position.
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Die Wortmeldung des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass zu Israel und Iran sorgt weiterhin für viele Stellungnahmen. Der amerikanische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel geht hart mit Günter Grass ins Gericht. „Ich verstehe es einfach nicht und kann es nicht begreifen. Was ist da passiert? Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?“, schrieb er in einem am Donnerstag in der israelischen Zeitung „Jediot Achronot“ erschienenen Gastkommentar.

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Der Iran werde von einem grausamen Diktator beherrscht, der wiederholt die Absicht bekundet habe, Israel zu zerstören. „Wie kann Grass denn da entscheiden, dass Israel den Weltfrieden bedroht und nicht der Iran“?, fragt der Friedensnobelpreisträger weiter.

In Anspielung auf die Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS im zweiten Weltkrieg fügt Wiesel hinzu: „Ich hätte erwartet, dass Grass angesichts seiner belasteten und problematischen Vergangenheit ein bisschen mehr Umsicht und Bescheidenheit an den Tag legen würde“.

Auch im italienischen „Corriere della Sera“ fällt das Urteil eindeutig aus: „Wer der Waffen-SS angehört hat, sollte vorsichtiger in seinen Urteilen sein. Ist es möglich, dass die iranischen Drohungen und das Vorhaben, die Atombombe zu bauen, um den Staat Israel auszulöschen, Grass nicht dazu bringen, sich an den antijüdischen Hass zu erinnern, der doch genau dieses doppelte „S“ beherrschte? Ist es möglich, dass diese ganze Entrüstung des Günter Grass sich gegen die Bewaffnung des Staates Israel richtet, nie gegen den „gängigen“ Antisemitismus, der in Europa das Blutbad unter jüdischen Kindern in Toulouse preist? Ein
Gedicht reicht nicht aus, um soviel Unsensibilität zu kaschieren.“

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„Tiefsitzende Verachtung für Israel“

Nach zahlreichen anderen ameriaknischen Vertretern aus Religion und Politik hat sich auch die jüdische Anti-Defamation League empört über das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass geäußert. Abraham Foxman, Leiter Organisation, warf dem Schriftsteller einen „hanebüchenen moralischen Vergleich zwischen Iran und Israel“ vor. Damit enthülle Grass eine „tiefsitzende Verachtung für Israel“, heißt es in einer in New York am Mittwochabend (Ortszeit) veröffentlichten Erklärung.

„Die Gesamtwirkung dieser verzerrten Sichtweisen zusammen mit seiner lang verborgenen Zugehörigkeit zur Waffen-SS während des Zweiten Weltkriegs bestätigt Grass’ antiisraelische Einstellung und legt nahe, dass er einige antisemitische Überzeugungen hegt“, schrieb Foxman. „Zu einer Zeit, da die meisten verantwortlichen Länder und Menschen den Iran aufrufen, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, scheint Grass überzeugt, dass Israel der Übeltäter ist.“

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Falsche Symmetrie

Auch der israelische Historiker Tom Segev hat Günter Grass Text „Was gesagt werden muss“ scharf kritisiert. Er habe den Eindruck, dass Grass vor allem von seinem eigenen langen Schweigen über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS getrieben sei, sagte Segev in einem Interview mit „Spiegel Online“.

Zudem verdrehe Grass die Tatsachen. „Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will“, sagte Segev.

Verständnis für Grass

Verteidigt wurde Grass in Deutschland vom Präsidenten der Akademie der Künste,
Klaus Staeck.„Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden“, sagte Staeck der in Halle erscheinenden „Mitteldeutschen Zeitung“ vom Donnerstag. „Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.“ Grass habe „das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite“ und nur „seiner Sorge Ausdruck verliehen“. Diese Sorge teile er „mit einer ganzen Menge Menschen“.

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Der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, nahm Grass ebenfalls gegen die scharfe Kritik in Schutz. Grass warne vor Waffenexporten an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, sagte, er halte Grass’ Gedicht über Israel und den Iran für einseitig. „In dem Text geht die Gefahr ausschließlich von der Atommacht Israel aus“, sagte Mützenich der „Kölner Stadt-Anzeiger. „Die Gefahren, denen sich der jüdische Staat gegenübersieht, werden hingegen verschwiegen.“ Grass verharmlose den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad als Maulhelden, er sei aber kein Antisemit.

Herta Müller: Etikettenschwindel und Größenwahn

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat die Äußerungen von Günter Grass zur israelischen Politik scharf kritisiert. Am Rande einer Lesereise nach Tschechien sagte sie in Prag, Grass solle sich lieber zurückhalten: „Er ist ja nicht ganz neutral. Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen“, so Müller über ihren Nobelpreis-Kollegen.

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Die Kritik äußerte sie auf einer Pressekonferenz im Prager Goethe-Institut. Sie habe von der Debatte um Günter Grass wegen ihrer Auslandsreise erst aus den Zeitungen erfahren. Sie halte Grass’ Äußerung nicht für ein Gedicht: „Wenn er ehrlicher wäre, hätte er einen Artikel geschrieben. Will er, dass es Literatur ist und damit interpretierbar? Dort steht kein einziger literarischer Satz drin, also ist es ein Artikel“, sagte Müller.

Mit dieser „Etikettenfälschung“ könne man sich auch nicht retten. Dass Grass sein „sogenanntes Gedicht“ an drei verschiedene Zeitungen in mehreren Ländern geschickt habe, halte sie für „größenwahnsinnig“. Ihre Kritik schloss Herta Müller mit den Worten: „Das muss er selber verantworten.“

Netanjahu: „schändliche Gleichstellung“

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat mit scharfen Worten auf die Kritik durch Literaturnobelpreisträger Günter Grass reagiert. „Die schändliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und damit droht, Israel zu vernichten, sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus“, hieß es in einer Mitteilung seines Büros am Donnerstag.

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Weiter heißt es in dem Schreiben: „Es ist der Iran, nicht Israel, der eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit in der Welt darstellt. Es ist der Iran, nicht Israel, der anderen Staaten mit der Auslöschung droht. Es ist der Iran, nicht Israel, der Terror-Organisationen unterstützt, die Raketen auf Zivilisten abschießen. Es ist der Iran, nicht Israel, der das iranische Regimebeim Massaker am eigenen Volk unterstützt. Es ist der Iran, nicht Israel, der Frauen steinigen und Schwule hängen lässt sowie Millionen seiner eigenen Bevölkerung brutal unterdrückt.“

Grass habe sechs Jahrzehnte verschwiegen, dass er Mitglied der Waffen-SS war. Deshalb sei es jetzt nicht überraschend, dass er den einzigen jüdischen Staat zur größten Gefahr des Weltfriedens erkläre und dagegen sei, diesem die Mittel zur Verteidigung zur Verfügung zu stellen, teilte Netanjahu weiter mit. Aber anständige Menschen sollten überall diese ignoranten und abzulehnenden Äußerungen
verurteilen, schließt der Text.

Quelle: dpa/KNA/dpad/afp
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