Neugestaltung der Paulskirche

Das Ringen um Freiheit zeigen

Von Monika Grütters
25.11.2020
, 17:51
Im Schatten der Paulskirche: Warum wir eine Bundesstiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ mit Sitz in Frankfurt am Main brauchen.

Als Resonanzraum kritischer Reflexion und gesellschaftlicher Debatten zieht sie einmal im Jahr international Aufmerksamkeit auf sich, wenn zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird: Die Frankfurter Paulskirche, in der sich am 18. Mai 1848 die Mitglieder des ersten gesamtdeutschen Parlaments zur Beratung über eine freiheitliche Verfassung mit Grundrechten und über die Bildung eines deutschen Nationalstaats versammelten, ist heute als Ort demokratischer Debattenkultur präsenter im öffentlichen Bewusstsein denn als Ort der Demokratiegeschichte. Das ist freilich nicht allein den großen Namen der Friedenspreisträgerinnen und Friedenspreisträger geschuldet. Die Gestaltung der Paulskirche sei „ein erinnerungspolitisches Desaster“, konstatierten der Historiker Herfried Münkler, der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hans Walter Hütter, und der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal (F.A.Z. vom 26. Oktober). Als Gedenkort verfüge sie weder über ästhetische Evidenz noch über eine Aura, die den Besucher mitnimmt in die Vergangenheit dieses Ortes.

Ihrem Plädoyer, im Zuge der anstehenden Renovierung etwas von der Aura des Gründungsaktes der deutschen Demokratie in das Gebäude zurückzuholen, widersprach der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt (F.A.Z. vom 9. November). Der nüchterne, ja spartanische Charakter der Paulskirche in der architektonischen Gestaltung der Nachkriegszeit, der bei der Einweihung der Kirche 1948 nach ihrem Wiederaufbau als sichtbares Zeichen des tiefen Bruchs in der deutschen Geschichte empfunden wurde, sei auch heute elementar für ihre Wirkung als Gedenkstätte. Pehnt will sie als „Spiegelbild eines neuen, zweiten Aufbruchs in eine gelebte Demokratie“ verstanden wissen.

Spiegelbild gelebter deutscher Demokratie ist die Paulskirche jedenfalls insofern, als sich in ihrem Schattendasein als Erinnerungsort ein eingespieltes erinnerungskulturelles Muster zeigt: das Unvermögen nämlich, freudigen und hoffnungsvollen, im positiven Sinne prägenden historischen Ereignissen in Deutschland ein Denkmal zu setzen. Glücklich, ja vielleicht sogar stolz und selbstbewusst zurückzuschauen auf die eigene Freiheits- und Demokratiegeschichte – das fällt uns angesichts der Brüche und Abgründe in unserer Geschichte offenbar schwer.

Die Gefühle der Ohnmacht überwinden

Unbestritten mahnt die leidvolle Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts uns Deutsche zu erinnerungskultureller Bescheidenheit. Und doch: Gerade weil unsere Demokratie auf den Trümmern der nationalsozialistischen Diktatur aufgebaut wurde, gerade weil wir aus dem Gedenken an den Holocaust und an die Opfer totalitärer Diktaturen Lehren für die Zukunft ziehen wollen, sollten wir Orte der deutschen Demokratiegeschichte stärker sichtbar machen. Denn national bedeutsame Ereignisse wie die Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie zu veranschaulichen und zu vergegenwärtigen, fördert die kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Zusammenlebens in einer freiheitlichen Gesellschaft und stärkt die emotionale Verbundenheit und damit auch die Identifikation mit unserer Demokratie.

Wie sich aus der europäischen Geschichte lernen lässt, zeigt der amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem lesenswerten Büchlein „Über Tyrannei“ in zwanzig pointiert formulierten „Lektionen für den Widerstand“ gegen Demagogen und Autokraten. „Die Geschichte ermöglicht es uns, Muster zu erkennen und Urteile zu fällen ... Wenn man einen Moment versteht, so erkennt man die Möglichkeit, Mitschöpfer eines anderen Moments zu sein. Geschichte erlaubt uns, verantwortlich zu sein: nicht für alles, aber für etwas ... Geschichte verschafft uns die Gesellschaft derer, die mehr als wir getan und erlitten haben.“

Zweifellos sind es vor allem die bitteren Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die für ein verantwortungsbewusstes „Wehret den Anfängen!“ Motivation und Argumente liefern. Doch was uns erlaubt, Handlungsspielräume zu erkennen und Gefühle der Ohnmacht zu überwinden, ist die Erinnerung an demokratische Sternstunden und Hoffnungsträger: an Momente, in denen demokratische Werte den Sieg davongetragen haben, und an Menschen, deren Mut, Zuversicht und Weitsicht diesen Siegen den Weg bereitet haben. Deshalb plädiere ich dafür, mehr Demokratiegeschichte zu wagen und Schlüsselorte wie die Paulskirche aus ihrem Schattendasein zu holen. Schon jetzt trägt oder fördert der Bund – oft gemeinsam mit den jeweiligen Ländern und Kommunen – Einrichtungen, die Zeugnis ablegen vom Ringen um Freiheit und Demokratie, so etwa die vom Bundesarchiv betreute Rastatter Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte oder die Stiftung Hambacher Schloss. Um sie stärker ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken, braucht es übergreifend – auch zur Unterstützung des vielfach anzutreffenden großartigen zivilgesellschaftlichen Engagements – eine zukunftsfähige Struktur. Dafür werde ich zum einen in Kürze den Entwurf einer Förderkonzeption vorlegen.

Ich schlage außerdem die Gründung einer öffentlich-rechtlichen Stiftung vor, die die Unterstützung des Bundes für die Orte der Demokratiegeschichte koordiniert und bündelt. Sie soll sowohl Projekte Dritter fördern als auch mit eigenen respektive Kooperationsveranstaltungen in ganz Deutschland an demokratische Höhepunkte erinnern. Mit der neuen Bundesstiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ entstünde außerdem eine kompetente Anlaufstelle für die Beratung bestehender und noch aufzubauender Erinnerungsorte. Sitz der Stiftung sollte Frankfurt sein: Hier, im Kontext der Paulskirche, der Wiege der parlamentarischen Demokratie in Deutschland, könnte sie die Breitenwirkung entfalten, die das Anliegen „Mehr Demokratiegeschichte wagen“ verdient. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man auch in und mit der heutigen Paulskirche mehr Demokratiegeschichte wagt.

Wo die verdiente Breitenwirkung am größten wäre

Ich kann Herfried Münkler, Hans Walter Hütter und Peter Cachola Schmal nur zustimmen: Der Zustand, in dem sich die Paulskirche heute präsentiert, entspricht weder der Bedeutung des Bauwerks für die demokratische und freiheitliche Entwicklung Deutschlands, noch trägt er den bis heute prägenden Einflüssen der Paulskirchenverfassung sowie des darin verankerten Grundrechtekatalogs Rechnung. Deutschland vergibt bislang die Chance, diesen Schlüsselort unserer Freiheitsgeschichte als Lernort für unsere Demokratie zu nutzen. Hier könnte man im Sinne Snyders einen jener historischen Momente vergegenwärtigen, der die Möglichkeit erkennen lässt, im Hier und Heute „Mitschöpfer eines anderen Moments zu sein“.

Dafür reicht es vermutlich nicht, die Paulskirche unter behutsamer Modernisierung der Nachkriegsarchitektur zu sanieren. Wir sollten dem Gedenkort, wie von Münkler, Hütter und Schmal vorgeschlagen, einen Kommunikations- und Reflexionsort an die Seite stellen und in unmittelbarer Nähe zur Paulskirche ein „Haus der Demokratie“ errichten, das zur kritischen Auseinandersetzung mit deutscher Demokratiegeschichte einlädt. Die Stadt Frankfurt als Eigentümerin der Paulskirche, das Land Hessen und der Bund sind bereit, bei diesem ambitionierten Vorhaben von nationaler Bedeutung zusammenzuwirken. Noch vor dem Jahr 2023, wenn sich die Revolution von 1848 zum 175. Mal jährt, soll unter Federführung des Bundes ein konkreter Vorschlag vorliegen. Wenn es im Zuge der Sanierung der Paulskirche gelingt, die Aura des authentischen Ortes wiederzubeleben und mit zeitgemäßen Vermittlungsformaten zu verbinden, kann Demokratiegeschichte dazu beitragen, dem schleichenden Gift der Demokratiemüdigkeit entgegenzuwirken und die gesellschaftliche Widerstandskraft gegen Demokratieverächter zu stärken.

Zu Recht sind wir Deutschen vorsichtig, wenn es darum geht, stolz und selbstbewusst zurückzuschauen auf die eigene Geschichte. Doch es stärkt die Kräfte der Zivilgesellschaft und die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie, wenn wir die Chance haben, uns nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu bewähren, sondern auch im Bewusstsein der eigenen Freiheitstraditionen zu wachsen. Die Orte der Demokratie und das lange Ringen um Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte müssen dafür stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Diese Orte brauchen und verdienen mehr Respekt und mehr Raum in unserem historischen Selbstverständnis: als motivierende Erinnerung, dass Demokratie kein Geschenk ist, sondern eine Errungenschaft, kein ständiger Besitz, sondern stetes Bemühen.

Monika Grütters ist Staatsministerin für Kultur und Medien.

Quelle: F.A.Z.
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