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Debatte um die Schweiz

Er hätte noch deutlicher schreiben sollen

Von Jürg Altwegg
 - 08:35

Am Montagabend war Lukas Bärfuss in der Talkshow „Schawinski“ des Schweizer Fernsehens zu Gast. Dutzende von Artikeln sind in den Zeitungen über seinen Essay „Die Schweiz ist des Wahnsinns“ (F.A.Z. vom 15.Oktober) veröffentlicht worden. „Es war der späte Höhepunkt des Wahlkampfs“, befand selbst Roger Köppels „Weltwoche“, deren Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann auf zwei Magazinseiten mit dem Schriftsteller ab- und der Öffentlichkeit vorrechnete, wie viel Geld Bärfuss mit seinen Literaturpreisen verdient habe: „313700 Franken. Rund sechzig Prozent der Summe stammen aus der Schweiz, der Rest aus Deutschland.“ Hätte sich Zimmermann die Mühe gemacht, auch noch die Werkjahre, Stipendien und Subventionen für Stücke zu recherchieren, hätte man seine Addition wohl als Appell an die Steuerbehörde oder als Frontalangriff auf die Kulturpolitik verstehen müssen.

Franken und Rappen sind die Währung, in der den Kritikern der Schweiz die Rechnung um die Ohren gehauen wird. „Amtlich besoldete Krawallmacher“ – in der Mehrzahl – lautet die Überschrift der „Weltwoche“. Jene von der SVP – mit ihren Anzeigen, auf denen Ausländer durch schwarze Schafe symbolisiert werden und an denen sich die Rechtsextremisten in ganz Europa orientieren – sind ihr lieber. Beim Rundumschlag des Schriftstellers vergeht der „Weltwoche“ das Lob der direkten Demokratie. Immerhin räumt sie ein, dass man, „wenn man fair ist“, eingestehen müsse, dass Bärfuss sein hohes „Preisgeld“ angesichts „des Eclats“, den er provozierte, durchaus wert sei.

„Fachbereich der gehobenen Nestbeschmutzung“

Den Wirbel in den Medien erklärt Zimmermann mit der „Sehnsucht nach Krawall in einem krawallfreien Land“. Für den Medienkritiker hat die „Schweiz, das ist das Problem unserer Journalisten, in der Politik den höchsten Grad an Kultiviertheit unter den europäischen Ländern“. Gegen ihn schreibt die „Weltwoche“ fast so erfolgreich an, wie sie für die SVP eintritt. Den Text des „amtlich besoldeten Krawallmachers“ Bärfuss stuft das Blatt im „Fachbereich der gehobenen Nestbeschmutzung“ ein, in dem die „bewährte Holzhackerstrategie“ üblich sei. Zwei Fotos illustrieren den Text: das Konterfei von Lukas Bärfuss und ein Bild, das – von hinten – den legendären Journalisten und Schriftsteller Niklaus Meienberg zeigt, wie er gegen eine Mauer pinkelt.

Auch in der frankophonen Westschweiz entfachte Bärfuss hohe Wellen. „Le Temps“ fasste den Text und die ersten Reaktionen zusammen. Im Rundfunk diskutierten Jean Ziegler und der Staranwalt Charles Poncet, der den Schriftsteller einen „con“ (Idioten) nannte: So sind Intellektuelle in der Schweiz seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr beschimpft worden.

Wende von pro Bärfuss zu contra

In der NZZ veröffentlichte der designierte Feuilletonchef René Scheu eine geharnischte Replik auf Bärfuss und machte in der Tat gewagte Zusammenhänge sichtbar, bei deren Konstruktion der Schriftsteller vage geblieben war. Und Namen, die in Deutschland keinem vertraut sind, verschwieg. Erst durch die expliziten Reaktionen auf Bärfuss’ Artikel wird die Sache zum Skandalon. René Scheu greift sogar zur Nazi-Keule, die Bärfuss in keinem einzigen Satz ausgepackt hatte. „In mindestens jedem zweiten Schweizer steckt ein Nazi“, solle der Schriftsteller geschrieben, unterstellt, gemeint haben. Nichts davon ist in Bärfuss’ Text zu finden. Der Literaturkritiker der NZZ wiederum vollzog über Nacht eine Wende von pro Bärfuss zu contra, die einen staunen macht. Einem Interview mit Schriftsteller Charles Lewinsky gab die NZZ die Überschrift „Es bärfußt nicht in mir“.

„Was riecht, wird auf den Balkon gehängt“, schrieb die „Wochenzeitung“ (das schweizerische Pendant zur „taz“) in einer Nachbetrachtung zum Medienrummel: „Hau den Lukas“. Genauso hätten es seine Kritiker mit ihm gemacht: „Sie haben Bärfuss, den Stinker, auf den Balkon gehängt. Zum Auslüften. Doch dann passierte etwas Seltsames: Der Essay wuchs, weil jede neue Replik unfreiwillig mehr Wahrheit hineinschaufelte. So, wie die Schweizer Medien reagierten, bestätigten sie nur von neuem die Diagnosen des Dichters.“

Der zeigte sich jetzt nach zwei Wochen heftigster Angriffe in der Talkshow von Roger Schawinski bester Laune: „Ich freue mich noch immer über diesen Text.“ Auch Schawinski kommt darin vor, wird nicht beim Namen genannt und als Einziger nicht angegriffen, sondern verteidigt: Schawinski ist der „Moderator des Schweizer Fernsehens, der sich zur besten Sendezeit auf eine Weise antisemitisch beschimpfen lassen muss, die in keinem anderen Land möglich wäre“. Er war in seiner Sendung von dem „Weltwoche“-Kolumnisten und Satiriker Andreas Thiel als „Papierli-Jude“ provoziert worden.

Einen Journalisten würde man dafür ohrfeigen

Bei aller Einigkeit blieb das Gespräch von Bärfuss und Schawinski, das sich ausschließlich um den in dieser Zeitung gedruckten Text „Die Schweiz ist des Wahnsinns“ drehte, aufschlussreich. Schawinski sah sich für einmal in die ungewohnte Rolle des Verteidigers der SVP versetzt, allerdings auch nur bezüglich der Einschätzung, sie sei rechtsextrem. Bärfuss untermauerte seine Sicht mit vielen Argumenten: „Wir erleben die Radikalisierung einer Partei, die nicht aufhören wird, sich zu radikalisieren, weil sie damit Erfolg hat.“

„Mir hat man auch ein paar Ohrfeigen verteilt“, sagte Bärfuss, als Schawinski seine fehlerhafte Angabe über das Wirtschaftswachstum zur Sprache brachte: einen Journalisten würde man dafür ohrfeigen. Rein gar nichts habe er erfunden, beteuerte Bärfuss, „Ich habe nur ein paar Zusammenhänge gemacht. Ich bin auch Schweizer, und ich werde mir immer das Recht nehmen, etwas zu sagen, wenn ich nicht einverstanden bin. Es gibt Sachen, die hätte ich noch deutlicher schreiben können.“

Quelle: F.A.Z.
Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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