Internationale Ballett-Szene

Der Krieg und der Tanz

Von Wiebke Hüster
14.03.2022
, 10:10
Wieder ausgeladen: Tänzerinnen am Bolschoi-Therater Moskau.
Im Kalten Krieg schickten die Supermächte ihre Ensembles auf Welttournee, heute ist das anders: Warum das Ballett keine verbindenden Brücken mehr schlägt.
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Im Kalten Krieg sandten beide Supermächte ihre großen Ballettensembles auf Welttourneen. Sie galten als Botschafter des jeweiligen kulturellen Reichtums, als symbolischer Ausdruck der Fähigkeiten zu künstlerischen Höchstleistungen. Legendär sind die Worte, mit denen der Gründer des New York City Ballet, George Balanchine, 1962, im Jahr der Kuba-Krise, russischen Boden betrat. Das Ballett sei jetzt in den Vereinigten Staaten beheimatet, sagte der russische Émigré, der sein Land 1924 verlassen hatte.

Wie die Historikerin Anne Searcy in ihrem Buch „Ballet in the Cold War“ beschreibt, nahm die russische Öffentlichkeit in Moskau und Leningrad Balanchine und seine Tänzer freundlich in Empfang. Es gab großes wechselseitiges Verständnis für die jeweiligen Entwicklungen der Tanzkunst, Balanchines New Yorker Weg in die Abstraktion und die in der poststalinistischen Sowjetunion entstandenen neuen symphonischen Ballette. Wie Searcy betont, könne man bei allen Unterschieden doch die gemeinsamen Wurzeln in den avantgardistischen Choreographien, die für Serge Diaghilews „Ballets Russes“ zwischen 1909 und 1929 entstanden, erkennen.

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Es fällt auf, wer fehlt

Seit Wladimir Putin seinen Krieg gegen die Ukraine führt, ist klar, dass die internationale Tanzwelt sich nicht wie vor sechzig Jahren als brückenschlagende Kraft aufführen kann. Das Royal Ballet etwa hat die Einladung an das Bolschoi-Ballett, in diesem Sommer in Covent Garden zu gastieren, zurückgezogen. Madrid tat dasselbe. Waren einzelne Tänzer aus der Sowjetunion seit Generationen in den Westen geflüchtet, so gab es erst seit 1989 und in viel geringerer Zahl Engagements westlicher Tänzer beim Bolschoi- und dem Mariinsky-Ballett und natürlich die Aufnahme bedeutender westlicher Werke in das Moskauer und Sankt Petersburger Repertoire.

Einer der Ersten Solisten des Mariinsky Ballet ist der in Yorkshire geborene Xander Parish. 2010 wechselte er vom Royal Ballet in London nach Sankt Petersburg. In vielen Interviews, die 2020 um sein zehnjähriges russisches Jubiläum herum geführt wurden, betonte der Brite, wie schnell er nach einem etwas kühlen Empfang merkte, dass er das Repertoire, die Kollegen, den Schnee, das Essen, die Stadt, die Landschaften großartig fand. Jetzt ist er – schweigend – nach Großbritannien zurückgekehrt. Alexei Ratmansky, ehemaliger Direktor des Bolschoi-Balletts, verließ die Company, mit der er gerade seine für den 30. März geplante Premiere von J.S. Bachs „Kunst der Fuge“ probte, und kehrte in seine Heimat New York zurück, wo er Hauschoreograph am American Ballet Theatre ist. Auch die für Mitte Mai mit dem Mariinsky-Ballett geplante Premiere des Petipa-Reenactments „La Fille du Pharao“ hat Ratmansky platzen lassen. Er und seine Frau Tatiana haben Freunde und Familie in der Ukraine.

In den sozialen Medien veröffentlicht Ratmansky die Solidaritätsadressen der Stars der Ballettwelt. Es sind so viele, dass auffällt, wer nicht dabei ist. Wie etwa Igor Zelensky, der Direktor des Bayerischen Staatsballetts, wo am 26. März Alexei Ratmanskys großartiges Ballett „Bilder einer Ausstellung“ zur Eröffnung der Münchner Ballettwoche Premiere feiern soll. Vor einer Woche bestellte das Bayerische Ministerium für Wissenschaft und Kunst Zelensky ein, um ihn nach Nebentätigkeiten im Auftrag der russischen Regierung zu befragen. Das Ministerium schweigt bisher über Befunde und mögliche Konsequenzen, wie auch Staatsopern-Intendant Serge Dorny.

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Kann Alexei Ratmansky aus Russland abreisen, dann aber in München für ein Ensemble arbeiten, dessen Direktor womöglich noch immer der Tanzberater ist für vier neue Kulturzentren, die Putins Regierung plant, eines von ihnen auf der Krim? Es ist verständlich, dass Parish schweigt. Wie wir alle hofft er auf ein Ende des Albtraums. Zelensky aber hält eine Leitungsfunktion in einem deutschen Opernhaus inne. Er kann nicht länger schweigen. Und die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, was er sagt und wie das Ministerium und der Intendant damit umzugehen gedenken. Anders als der Bayerische Rundfunk dummerweise reflexhaft meinte, ist Zelenskys Entscheidung, das großartige Spartakus-Ballett zu zeigen, kein Ausweis maskuliner Machtverherrlichung. So einfach wie manche es gerne hätten, ist es meistens nicht.

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Quelle: F.A.Z.
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