Repression in Kuba

Vaterland auf Leben und Tod

Von Paul Ingendaay
23.07.2021
, 07:50
Bei der  Demonstration gegen die Regierung des kubanischen Präsidenten Miguel Diaz-Canel in Havanna wird ein Mann verhaftet.
Nach den Protesten in Kuba: Der Präsident Miguel Díaz-Canel beschwört die Werte der Revolution, doch der Schriftsteller Ángel Santiesteban muss untertauchen, weil ihm Gefängnis droht.

Als Fidel Castro vor fünf Jahren starb, trat ein vergreistes Regime durch die eiserne Konstitution des zählebigen Bruders Raúl Castro in eine weiter vergreisende Verwaltungsphase ein. Nicht viele Zeitgenossen dürften damals davon Notiz genommen haben, denn mit dem Verschwinden des einzigen Hinguckers im politischen Leben des Inselstaats waren auch Pathos und Charisma verschwunden: Kuba wurde langweilig, der Che-Guevara-Exotismus verflog. Noch stiller allerdings wurde es um die Gralshüter der Revolution, als vor drei Jahren auch der schattenhafte Bruder des ehemaligen „Comandante“ abtrat und das Präsidentenamt dem heute einundsechzigjährigen Miguel Díaz-Canel übertrug: Nun gab es gar nichts mehr, was den Karibik-Sozialismus funkeln ließ, nicht einmal mehr der Familienname des Genossen Fidel, der mit seiner biblisch anmutenden Langlebigkeit Generationen von Kubanern geprägt und unzählige Oppositionelle überlebt hatte.

Dann kam die Corona-Pandemie. Und sie war zu viel für das morsche Gerüst dieses Staates. Der ausbleibende Tourismus zwang die marode Wirtschaft, der auch die zaghaften Privatisierungen nach Fidels Rückzug nicht aufgeholfen hatten, endgültig in die Knie. Eine dritte Welle der Pandemie schwappte über das Land, Unzufriedenheit und Frustration wuchsen. In drei Jahren war es dem neuen Präsidenten, dessen Namen außerhalb Kubas kaum jemand kennt, nicht gelungen, einen Hauch von Öffnungsgeist erkennen zu lassen. Je weiter sich die junge Generation von der Revolution von 1959 entfernte, desto weniger taugten deren Parolen noch als politischer Appell.

Der Schriftsteller Ángel  Santiesteban lebt derzeit  im Untergrund.
Der Schriftsteller Ángel Santiesteban lebt derzeit im Untergrund. Bild: Foto Hendrik Rojas

So waren es nicht nur Künstler, Intellektuelle und Dissidenten, die vor zehn Tagen bei den Protestdemonstrationen in verschiedenen Teilen des Landes mitmarschierten, sondern viele junge Leute, die einfach ein besseres Leben fordern. Und nicht von ungefähr singen sie den millionenfach geklickten Song „Patria y vida“ (Vaterland und Leben) des kubanischen Rappers Yotuel. Der Titel ist eine direkte Kampfansage, und längst singt man ihn auch in den Exilkreisen von Miami und Madrid. Denn er ist die Umkehrung des revolutionären Slogans „Patria o muerte“ (Vaterland oder Tod), den Fidel Castro nach dem Sturz des Batista-Regimes vor gut sechzig Jahren auf Münzen prägen und metergroß an Havannas Hausfassaden malen ließ. Patriotismus, hieß das damals, sollte sich paaren mit äußerstem Todesmut. Die neue Protestgeneration, die für die größten Demonstrationen der letzten Jahrzehnte gesorgt hat, will damit definitiv nichts mehr zu tun haben.

Auch der Schriftsteller Ángel Santiesteban und seine Frau, die Journalistin Camila Acosta, waren vor zehn Tagen beim Marsch in Havanna dabei. Sie erlebten mit, wie die kubanischen Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken und Festnahmen auf das Aufbegehren reagierten. Man kann sich im Netz verwackelte Videos ansehen, die zeigen, wie Schlägertrupps von offenen LKW springen, um den friedlichen Protest mit Gewalt zu ersticken. Am Tag darauf wurde Camila Acosta, Mitarbeiterin der spanischen Tageszeitung „ABC“, festgenommen, und Santiesteban musste untertauchen. Der vielfach prämierte Autor und Betreiber des Dissidentenblogs „Los hijos que nadie quiso“ (Die Kinder, die niemand wollte) hat allen Grund, um sein Leben zu fürchten: In den letzten zehn Jahren hat der Staat den ehemals umworbenen, dann verfemten Autor mit konstruierten Strafprozessen unter Druck gesetzt und anschließend zu fünf Jahren Haft verurteilt, von denen er zweieinhalb Jahre verbüßen musste. Seitdem ist Santiesteban, Jahrgang 1966, ein sichtbarer Störenfried geblieben: ein Mann, der nicht den Mund hält und dafür Risiken in Kauf nimmt – und der die Insel auf keinen Fall verlassen will.

„Jeder kann mich denunzieren“

Nach vier Tagen Haft und nach heftiger Intervention aus Spanien wurde die Journalistin Camila Acosta wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie steht jetzt unter Hausarrest und darf nur die Wohnung verlassen, um einzukaufen. Ihrer Zeitung berichtete sie von vielen Verhafteten, die sie im Gefängnis gesehen habe, von fürchterlichen Hygieneverhältnissen und von Schlägen, auch gegen Minderjährige. „Das ist der Grund, warum Gott mich hierher gesetzt hat“, sagte Acosta. „Damit ich mit diesen Menschen sprechen kann. Ich muss das erzählen.“

Als einziges Medium hat das spanische Onlineportal „El Español“ in der vergangenen Woche ein Interview mit dem untergetauchten Ángel Santiesteban geführt. Die Leitungen waren schlecht, und am Ende brach die Verbindung ganz ab, doch der Schriftsteller konnte einiges über seine Situation erzählen. Er hält sich in einem Unterschlupf auf, den ihm Freunde verschafft haben, kann sich aber kaum nach draußen wagen. Zweimal entging er Fallen, in die man ihn mit Telefonanrufen locken wollte. Buchstäblich jeder Mensch könnte ihn verraten. „Die Menschen, die mir helfen, tun das heimlich, und natürlich haben sie Angst. Denn sie wissen, dass es immer Denunzianten gibt, die einen für eine kleine Vergünstigung an die Regierung verraten.“

Eine gut geölte Repressionsmaschine

Dann spricht Santiesteban lange über das Gefängnissystem, die Demütigung der politischen Gefangenen und die zahlreichen Versuche, die Häftlinge über ihre Familien psychologisch zu zermürben. „Ich weiß, dass ich ins Gefängnis gehe, wenn sie mich finden. Von dort aus kann man etwas unternehmen, denn ich habe auch von drinnen aus gegen die Diktatur gekämpft. Doch was mir Angst macht, sind die Repressalien gegen das Volk, das auf die Straße gegangen ist. Die kubanische Diktatur ist eine seit 62 Jahren gut geölte Repressionsmaschine. Unterdrückung ist ihre Spezialität.“ Das sind die vorläufig letzten Nachrichten eines mutigen Schriftstellers.

In Europa macht man sich kaum einen Begriff von den vielfältigen Formen, die staatlich gelenkte Schikane, Rechtsbeugung und Unterdrückung im heutigen Kuba annehmen. Anders als zu früheren Gelegenheiten jedoch ist die Regierung schwach und sieht sich erstmals Protestierenden gegenüber, die „Freiheit“ skandieren und „Wir haben keine Angst“. Oppositionelle Digitalmedien wie „14ymedio“ von Yoani Sánchez oder „Cubaencuentro“, die ihren Sitz in Madrid haben, sind auf der Insel zwar nicht zu lesen, doch der Informationsaustausch lässt sich nicht völlig unterdrücken.

Präsident Miguel Díaz-Canel, seit wenigen Monaten auch Chef der Kommunistischen Partei Kubas, will der Welt immer noch verkaufen, die Proteste in seinem Land seien von amerikanischen Agenten gesteuert. Dabei hat er den größeren Teil seiner Landsleute wohl schon verloren. Kurz nach seinem Amtsantritt, im September 2018, hatte er dem venezolanischen Fernsehsender TeleSur in einem neunzigminütigen Interview gesagt, was seine Hauptziele seien: „eine Debatte, einen Dialog mit dem Volk“ zu führen, ja eine „Kultur der Kommunikation zwischen Regierung und Volk“ aufzubauen. Das wird wohl nicht mehr klappen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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