Der Mann von morgen

Lauter Problembärchen

Von Sascha Lehnartz
31.07.2006
, 13:59
Das Patriarchat ist am Ende, die Jungs von heute stecken in einer Krise. Besonders, wenn ihnen männliche Vorbilder fehlen und sie bildungsfern aufwachsen. Ist die Zeit reif für „Väterkurse“? Und wie soll der Mann von morgen überhaupt aussehen?
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Das 21. Jahrhundert hat für den Mann nicht sehr erhebend begonnen. Durch Jahrtausende der Stammesgeschichte hatte er Chef gespielt, im großen und ganzen war er mit der eigenen Bilanz zufrieden. Abgesehen von der üblichen Nörgelei aus feministischen Akademikerinnen-Kreisen schien niemand an seinem gleichsam naturgegebenen Verwendungszweck als „Haushaltsvorstand“ zu zweifeln. Von ihm aus hätte das die nächsten 3000 Jahre so weitergehen können. Doch in jüngster Zeit läuft es nicht mehr richtig rund. Es häufen sich Mängelbefunde.

Im postheroischen Zeitalter, so hört man, wisse der Mann nicht mehr viel mit sich anzufangen. Ritter, Cowboys oder Eroberer braucht kaum noch jemand. Der Mann von heute dreht deshalb ratlos Runden auf fahrbaren Rasenmähern oder versinkt tagelang vor Videospielen. Seine traditionelle Rolle als Ernährer kann er kaum noch erfüllen, weil es zu wenig und zu schlecht bezahlte Arbeit gibt. Neuerdings arbeiten Frauen auch ganz gern in interessanten Berufen. Das sorgt bei Männern für zusätzliche Verwirrung und erhöhten Konkurrenzdruck. Damit kommt der Mann nicht klar, folglich drückt er sich vor dem Erwachsenwerden, der Übernahme von Verantwortung und vor langfristigen Bindungen.

Mädchen auf der Überholspur

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Statistisch gesehen befindet er sich im Zeugungsstreik. Im Knabenalter entwickelt er sich mehr und mehr zum Schulversager. Mädchen sind inzwischen in fast allen Schulfächern besser und an den Universitäten in der Überzahl. Sie gelten als fleißiger und zielstrebiger. Für die Anforderungen der modernen Arbeitswelt scheinen sie besser gerüstet, denn sie verfügen über „soft skills“, die Männer zwar gern in Vorstellungsgesprächen aufzählen, aber eigentlich albern finden. Frauen dagegen sind oft tatsächlich teamfähig, kommunikativ und emotional intelligent.

Ein paar Jahre „Gender Mainstreaming“ - seit 1997 offizielle EU-Politik, die Bürokraten als „durchgehende Gleichstellungsorientierung“ übersetzen - haben ausgereicht, um den Mann in ein psychisch labiles Problembärchen zu verwandeln. Es scheint, als haben die Jungen das ewige Pausenhofspiel „Die Mädchen fangen die Jungen“ für immer verloren. Und weil Jungs schlecht verlieren können, werden sie verhaltensauffällig. Von „Boy Crisis“ oder einer „Jungenkatastrophe“ ist in der Fachliteratur die Rede. Hinter dem Schlagwort steckt die Beobachtung, daß Jungen erheblich häufiger als Mädchen in der Schule versagen, stärker an Aufmerksamkeitsstörungen leiden und immer öfter zu Gewalt neigen. Ein Grund für diese Entwicklung, so wird vermutet, liege in der Tatsache, daß es den Jungen meist an männlichen Vorbildern fehlt. Väter kümmerten sich entweder zu wenig um die Söhne oder steckten selbst in der Identitätskrise. In Großstädten liegt die Scheidungsrate bei mehr als fünfzig Prozent, fast immer ist es dann die Mutter, die den Jungen allein erzieht. An den Grundschulen sind rund neunzig Prozent der Lehrkräfte weiblich, an weiterführenden Schulen sind es inzwischen mehr als die Hälfte. Lehrerinnen jedoch, so vermuten Entwicklungspsychologen, bevorzugten häufig ihre kleinen Geschlechtsgenossinnen im Unterricht. Bei den Jungen fehle ihnen oft die richtige Ansprache.

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Schulversagen als soziales Problem

Erschwerend kommt hinzu, daß besonders jene Jungen, die ein abwertendes Frauenbild mit sich herumtragen, an „Mama-Taubheit“ leiden: Sie lassen sich von Frauen nichts sagen und gefallen sich besonders in präpotentem Macho-Gehabe. Allerdings trifft diese Diagnose nicht in gleichem Maße auf Jungen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zu. Schon vor zwei Jahren warnte Waltraud Cornelißen, Leiterin der Abteilung „Geschlechterforschung“ am Deutschen Jugendinstitut in München: „Nicht alle Jungen sind benachteiligt, sondern vor allem solche, die aus bildungsfernen Schichten oder aus Migrantenfamilien stammen.“

In den Vereinigten Staaten erschien jetzt der Bericht „The Truth about Boys and Girls“. Eine Forschungsgruppe kommt darin zu dem Schluß, die Mehrheit der Jungen versage keinesfalls in der Schule. Weiße Jungen aus der Mittel- und Oberschicht seien schulisch fast gleich stark wie die Mädchen, an den Elite-Universitäten seien männliche Studenten weiter in der Mehrheit. Große Schwierigkeiten hätten dagegen vor allem Schwarze, Latinos und Kinder aus einkommensschwachen Familien. Deren Probleme hätten jedoch wenig mit ihrem Geschlecht und viel mit ihrem sozialen und ethnischen Hintergrund zu tun.

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Frauen dominieren die Erziehung

Judith Warner, Mutter und Autorin des Buchs „Perfect Madness - Motherhood in the Age of Anxiety“, schrieb daraufhin in der „New York Times“, der Bericht bestätige, daß es sich bei der „Boy Crisis“ um wenig mehr als einen Mythos handele. In der Krise befänden sich nicht die Jungen, sondern ein Schulsystem, das chronisch unterfinanziert sei und Kindern aus der Unterschicht kaum Aufstiegschancen biete. Im übrigen seien auch die Väter hyperaktiver Jungen mit Aufmerksamkeitsdefizit früher selbst zappelig, vorlaut und unbeherrscht gewesen. Nur habe es damals noch ausreichend Schulsportstunden gegeben, in denen sie sich hätten abreagieren können. Auch hätten Psychologen nicht so schnell Beruhigungspillen empfohlen, und Schulklassen seien für Lehrerinnen leichter zu beherrschen gewesen, weil sie kleiner waren. Gründe für Leistungsverweigerung und Verhaltensauffälligkeiten bei Jungen lägen im steigenden Leistungsdruck bei gleichzeitig wachsender beruflicher Perspektivlosigkeit. Mädchen litten unter diesem Druck genauso wie Jungen, zeigten bloß andere Symptome. Sie seien leistungsbereiter in der Schule, doch Eßstörungen und Selbstverletzungen nähmen zu. Warner bestreitet nicht, daß auch bei Kindern aus wohlhabenderen Familien einiges im argen liegt, aber sie hält Erklärungsansätze aus der Gender-Tunnelperspektive für zu engsichtig.

Tatsächlich kann man sich fragen, warum ausgerechnet die Lehrerinnen daran schuld sein sollen, daß kleine Kerle in der Krise stecken. In Deutschland wurde dieser Verdacht vor einigen Jahren in einer Studie der Münchner Soziologin Heike Diefenbach geschürt. Wenn tendenziell eher weibliche Talente wie Teamgeist, Empathie und Hilfsbereitschaft in der Dienstleistungsgesellschaft von morgen derart gefragt sind, sollte man hoffen dürfen, daß Lehrerinnen in der Lage sind, diese Schlüsselkompetenzen auch rüpeligen Knaben zu vermitteln. „Doch das funktioniert offenbar leider nicht“, meint der Berliner Männerforscher Walter Hollstein. Es sei nun mal so, daß Frauen leichter von Frauen und Männer leichter von Männern lernten. Hollstein hält es für ein Versäumnis des Staates, daß es kaum Angebote gibt, die Männern helfen, sich in ihre veränderte Rolle zu finden. Selbst in den familienpolitisch fortschrittlichen skandinavischen Ländern habe es „Väterkurse“ gebraucht, um den Männern zu erklären, wie sie ihre Erziehungszeit sinnvoll nutzen, und um gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen für Männer, die zugunsten der Familie vorübergehend den Job aufgeben.

Die Rüpelhaftigkeit nimmt zu

Auch Frank Beuster hält die „Boy Crisis“ keinesfalls für einen Mythos. Beuster, Vater von zwei Jungen und Lehrer in Hamburg, hat gerade ein Buch mit dem Titel „Die Jungenkatastrophe“ geschrieben (Rowohlt, 8,90 Euro). Zwar sei richtig, daß Jungen aus Migrantenfamilien am stärksten betroffen seien, aber das rüpelhafte Gebaren nehme auch „bei Kindern aus feinstem Elternhaus zu“, sagt Beuster.

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Längst gebe es einen Trend zur Übernahme von Unterschichten-Ritualen. „Bürgerkinder ahmen die Sozialverlierer nach, weil sie das Gefühl haben, deren Härte setzt sich durch. Da geht es um Vorherrschaft“, sagt Beuster, der einen Anstieg von „Amoralität“ auf den Schulhöfen beobachtet: „Wer nichts mehr zu verlieren hat, benimmt sich auch so. Da wird dann eben abgezogen oder zugestochen.“ Bei vielen Jungen sei die „Anstrengungsbereitschaft“ versiegt, die man brauche, um Erfolge zu feiern: „Die haben dann das Gefühl, das Patriarchat ist am Ende, die Mädchen sind auf der Überholspur. Das muß das Ego irgendwie kompensieren.“ Wenn die Gesellschaft diese Entwicklung stoppen wolle, müsse man sich mehr einfallen lassen „als Antiaggressionstraining und ab und zu mal eine Jungengruppe“, findet Beuster. Wichtig sei, daß Jungen wieder Erziehungsberufe ergriffen. Ähnlich wie Hollstein sieht Beuster Skandinavien als Vorbild. Das Vatersein müsse hierzulande aufgewertet werden: „Wir müssen uns fragen, ob wir eine Gesellschaft mit Sechzig-Stunden-Wochen-Karrieristenvätern wollen oder eine, die flexibel mit Familienarbeitszeiten umgeht.“

Vom Ernährer zum Erzieher

Offenbar gibt es stellenweise einen Trend zu letzterem: Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ feiert in seiner jüngsten Ausgabe die „neuen Berliner Jungs“, einen entspannten Männertyp, der in der Lage sei, Partnerschaft, Vaterschaft und Beruf unter eine Baseballkappe zu bringen, dabei auf mackerhaftes Gepose weitgehend verzichtet und bei Großereignissen sogar bereit ist, öffentlich gemeinsam mit Frauen Fußball zu gucken. Möglich, daß dies vorerst leichter in einem Umfeld sozialer Experimente wie Berlin gelingt, wo das Leben billig ist und der Abschied von der traditionellen Ernährerrolle dem ohnehin kapitalismusskeptischen Kerl leicht fällt.

Die Zahl der Männer, die glauben, daß es lohnender sein kann, sich eine Weile intensiv um die eigenen Kinder zu kümmern, anstatt schwindenden Karriere-Phantasmen nachzujagen oder witzlose Erwerbstätigkeiten auszuüben, steigt offenbar zumindest in der Hauptstadt. Untersuchungen zeigen aber, daß die Lust, fortschrittlichere Familienarbeitsmodelle auszuprobieren, meist nur besser ausgebildete Paare in Großstädten befällt. 1998 kam eine Studie mit dem Titel „Männer im Aufbruch“ zum Ergebnis, daß gerade mal zwanzig Prozent der Männer bereit seien, ihr tradiertes Rollenbild zu überdenken. Der Münchener Familienforscher Wassilios Fthenakis meldete kürzlich erfreut, nur noch ein Drittel der Männer verstehe sich als „Ernährer“, zwei Drittel aber als „Erzieher“. Es tut sich also was. Aber bis die Jungen aus der Krise sind und der neue Mann fertig ist, dauert es wohl noch ein bißchen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.07.2006, Nr. 30 / Seite 45
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