Ukraine-Angriff und die Kunst

Wie der Krieg einen Keil zwischen zwei Künstlerinnen treibt

Von Marina Klimchuk
24.06.2022
, 20:27
Ihre Sicht der Dinge: Viktoria Lomaskos Comic, in den Alewtina Kachidse hineingemalt hat.
Sie sind zwei bekannte Künstlerinnen, Russin die eine, Ukrainerin die andere. Früher arbeiteten sie zusammen – dann griff Russland die Ukraine an. Eine Geschichte darüber, wie der Krieg auch die Kunstwelt entzweit.
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Im einstigen Lustschloss des Schwabenherzogs Karl Eugen in der Akademie Solitude in Stuttgart sitzt die russische Künstlerin Viktoria Lomasko in ihrem Zimmer und weint. Seit Kurzem ist Solitude das Refugium für die Künstlerin und Autorin, bis September darf sie dank des Jean-Jacques-Rousseau-Stipendiums hier bleiben. „Ich bin Künstlerin und Dissidentin“, sagt Lomasko, die mit ihren 43 Jahren jung, verletzlich und trotzig wirkt. Unter Tränen erinnert sie sich daran, wie ein ukrainisches Mädchen ihr hier unlängst sagte, der Krieg sei nicht ihre Schuld; sie habe ja keine Bomben geworfen. Mit dieser Ukrainerin freundete sie sich auf Schloss Solitude an.

Zugleich prasselten in den vergangenen Wochen die Angriffe aus sozialen Medien wie Pfeile auf sie ein. Am empfindlichsten traf einer aus dem ukrainischen Dorf Musy­tschi bei Kiew, abgefeuert von ihrer Künstlerkollegin Alewtyna Kachidse. Die beiden Frauen sind international erfolgreiche, sozialpolitisch engagierte postsowjetische Künstlerinnen. Jetzt wirft die Ukrainerin der Russin vor, sie manipuliere den Westen, sei eine Wirtschaftsmigrantin, russische Imperialistin und schlechte Künstlerin. Ihr Konflikt steht für die Kluft zwischen zwei Welten, die sich spätestens seit dem 24. Februar 2022, eigentlich schon 2014 auftat. Bis dahin waren die ukrainische und russische Kunstszene eng miteinander verwoben.

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Erfolg als Comic-Reporterin

2013 hatte Lomasko als Kuratorin Kachidse eingeladen, an einem Projekt der Moskauer Biennale, „Feminist Pencil 2“, teilzunehmen – dem ersten großen feministischen Künstlerinnenprojekt in Russland. Sie bekamen damals viel Gegenwind. Zwei Tage nach der Eröffnung wurde die Ausstellungsfläche über Nacht mit grünen Filzstift-Penissen beschmiert. Doch Feminist Pencil war eine Revolution gegen das Patriarchat, was die beiden verband. Das änderte sich nach Kriegsbeginn.

Lomasko, die aus der Moskauer Peripherie stammt, machte sich in der internationalen Kunstszene mit politischen und ironischen Zeichnungen einen Namen als Comic-Reporterin. Über Jahre besuchte sie jugendliche Straftäter in Gefängnissen, gab ihnen Zeichenunterricht. 2017 erschien ihr Buch „Other Russias“, das Ergebnis von neun Jahren Beobachtung von politischen Gerichtsprozessen, Protesten und Alltagswelten: Skinheads im Knast, Sexarbeiterinnen, orthodoxe Aktivisten, queere Menschen. Von New York bis Berlin und Beirut wurden Lomaskos Arbeiten in aller Welt gezeigt, die diesjährige Documenta 15 lud sie als „Harvesterin“ ein, die Entstehung der Ausstellung in einem Bildband zu verarbeiten. Nur in ihrem Heimatland arbeitet seit Jahren keine Galerie mit der Regimegegnerin zusammen.

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Drohanrufe nach Kriegsausbruch

Nach Kriegsausbruch erhielten fast alle ihre russischen Bekannten und Freunde Drohanrufe von der Polizei. Anfang März flog sie zunächst nach Bischkek in Kirgistan, dann nach Brüssel. Die belgische Produktionsfirma, die einen Dokumentarfilm über sie dreht, besorgte ihr ein Visum. Einen Monat später, kurz nachdem die Bilder aus dem ukrainischen Butscha um die Welt gingen, druckte das amerikanische Magazin „The New Yorker“ ihre Comic-Reportage mit dem Titel „Kollektive Scham“. Sie zeigt Lomasko bei der Abreise am Moskauer Flughafen und später im Exil. „Welche Spielräume habe ich noch?“, fragt sie verzweifelt. „Gefangen zwischen Putin, der Scham über diesen Krieg und dem, was sich wie westliche Ablehnung von allem Russischen anfühlt.“ Der Text in den Sprechblasen stammt von Lomasko, die Zeichnungen von dem berühmten amerikanischen Comic-Reporter Joe Sacco, der sich als ihr „Stift“ ausgab – denn Lomasko sei überstürzt geflüchtet, habe ihre Arbeitsutensilien zurücklassen müssen, also nicht selbst zeichnen können.

Nach der Veröffentlichung ergossen sich Hasstiraden über sie. Im Comic beschwere sie sich vor allem über Sanktionen, bemitleide sich und widme nur ein Bild den Zerstörungen in der Ukraine, lautete ein Kommentar. Ein anderer beklagte sich bei den Herausgebern des „New Yorker“, dieser Cartoon sei angesichts des entsetzlichen Leids in der Ukraine beleidigend gewesen. Doch Lomasko bereut nicht. Sie bezeichnet es als ihre Aufgabe, abzubilden, wovon sie Zeugin wurde. Ihr Schicksal, das Sacco in dem Comic illustriert, stehe stellvertretend für die Realität von Millionen Menschen, die in einem faschistischen Land lebten. Solle das ausgeblendet werden?

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Der Vorwurf: Wehleidigkeit

Per Zoom erreichen wir Kachidse in Musytschi. Die Neunvierzigjährige hält eine Aufschrift auf ihrer Eingangstür vor die Kamera: „Folge dem Beispiel der Pflanzen, sie sind Pazifisten.“ Wäre jetzt Frieden, würde die Konzeptkünstlerin die Vegetation bei Tschernobyl erforschen. Seit Kriegsbeginn veröffentlicht sie fast täglich politisch kommentierte Comiczeichnungen. An Flucht dachte sie nie, auch nicht, als sie sich vierzig Tage lang vor den Explosionen im Keller verkriechen musste. Hier sei ihr Zuhause, hier lebten ihr Mann, ihre drei Hunde und die Pflanzengattungen, die sie inspirierten.

Zwei Monate sind seit der Veröffentlichung vergangen, doch Kachidse ist noch immer zornig und fühlt sich hilflos: Während über ihr die Bomben flogen, habe sich der Westen durch Lomaskos Wehleidigkeit manipulieren lassen. Sie ging zum Angriff über. Aus ihrer Wut entstand eine kindlich-ironisierende Karikatur, die Lomaskos Comic mit knallroten und gelben Farben überzeichnet und der Erzählung eine ukrainische Perspektive hinzufügt. „Hallo Joe! Ich heiße Alewtyna und möchte ergänzen, was Viktoria Lomasko ausließ, als sie in einem friedlichen europäischen Land keine Zeichenstifte finden konnte. Du hast in ihrem Namen gezeichnet – und damit ,Kollektive Blindheit‘ erzeugt!“ Wie konnte Joe so etwas nur tun, fragt Kachidse. Er habe damit viele ukrainische Fans verloren.

Alewtina Kachidse hat Comics von Viktoria Lomasko übermalt
Von Alewtina Kachidse übermalte Karikaturen von Viktoria Lomasko Bild: Alewtina Kachidse

Kachidses Comic zeichnet einen Ge­genentwurf zu Lomaskos Bildern: Deren Feststellung „Einst fühlte ich mich als Künstlerin von Welt, jetzt bin ich eine Geflüchtete mit nur einem Koffer und meiner Katze“ lässt sie ironisch ihren Hund kommentieren: „Einst war ich ein glücklicher Hund. Aber seit dem 24. Februar führt mich keiner mehr spazieren.“ Scharfzüngig fragt sie nach der Verantwortung von Kunst und dem gescheiterten Widerstand in Russland: Warum sei den Russen nie eine Revolution gelungen?

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Soll sie sich entschuldigen, weil sie Russin ist?

Auch wenn viele russische Intellektuelle Putin ablehnen, hätten etliche von ihnen eine latent imperialistische Weltanschauung, zumal bezüglich der Ukraine, glaubt Kachidse. Die Ukrainer hätten viel geleistet, doch ihre Stimmen seien in Russland und Europa nur als solche der kolonialisierten Peripherie wahrgenommen worden. Sie sei keine postkoloniale Theoretikerin, sagt Kachidse. Doch sie spüre Gewalt.

Nach dem Erfolg von The Feminist Pencil 2 erhielt Kachidse eine Einladung zur Manifesta, die 2014 ausgerechnet in Sankt Petersburg stattfand. Russland hatte die Krim annektiert, in der Ukraine gab es Boykottbestrebungen gegen russische Kulturschaffende. Kachidse fuhr trotzdem. Damals begriff sie schmerzlich, was Russland wirklich war. Lomasko habe damals gefragt, ob sie meine, dass sie als Russin sich bei den Ukrainern für die Krim entschuldigen müsse. Vielleicht nicht bei allen, aber bei jedem vierten, antwortete Kachidse sarkastisch: Schließlich gebe es viermal so viele Russen wie Ukrainer. Lomasko habe nie verstanden, dass, selbst wenn sie keine Schuld trug, ihr Unwille, sich zu entschuldigen, für Ukrainer ein noch größeres Verbrechen war. Eine andere Russin habe gesagt: Habt ihr wirklich geglaubt, Russland werde auf euren Maidan nicht mit der Krim reagieren?

Die Monate des Maidan 2014 waren für Kachidse schwer. Sie wolle die Russen nicht bevormunden, sagt sie. Aber: „Wir Ukrainer wissen seit dem Maidan, wie hoch der Preis der Freiheit ist.“ Kachidse half in Krankenhäusern Verletzten, saß bei Gerichtsverhandlungen gegen die Scharfschützen und zeichnete alles akribisch. Doch die russischen Kollegen habe das nicht interessiert. Niemand in Sankt Petersburg habe gefragt: Wie habt ihr das geschafft? Versuche, sich künstlerisch mit der eigenen kolonialen Vergangenheit zu beschäftigen, habe sie in Russland so gut wie nicht erlebt. Sie weiß nicht, was sie russischen Künstlern heute raten soll. Die Russen verstünden die Ukrainer nicht, so Kachidse, sie hätten Angst vor der Diktatur, und das mache sie gefühllos.

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Für Lomasko klingen solche Beschuldigungen wie Hohn. Ja, den Russen wurde in der Sowjetunion die Wahrnehmung anerzogen, sie stünden an der Spitze der Vielvölkerhierarchie. Aber seit Jahren kämpfe sie dagegen an. Ihr nächstes Buch, das in Kürze auf Englisch erscheinen wird, widme sich diesem Thema. Zum Beweis zeigt Lomasko ein Foto von einer Demonstration von 2014, sie hält dort eine selbst gemachte Collage mit der Aufschrift „Imperialistische Erziehung führt zum Krieg“ in der Hand. Das Bild aus dem sowjetischen Kinderatlas „Welt und Mensch“ zeigt die Pyramide der so­wjetischen Völker in ihren Nationaltrachten: oben ein russisches Paar, darunter die „Brudervölker“ Ukraine und Belarus, dann Georgien, Aserbaidschan, Armenien und Moldau, ganz unten die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Kirgistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kasachstan. Die Darstellung erkläre, warum Russland die Ukraine angreife und warum es Russen gebe, die das unterstützten, sagt Lomasko, die sich mit dem Foto als regimekritische Russin von Putinisten abgrenzen will.

Doch der Eklat im „New Yorker“ zeigt, dass auch manche Regimekritiker ihre Position nicht in empathischer Form ausdrücken können. Oppositionelle russische Kunst müsste die Machtverhältnisse und die koloniale Vergangenheit zwischen Russen und Ukrainern darstellen und sich selbst als – wenn auch unfreiwilligen – Teil dieses Verhältnisses. Und wenn die Botschaften den Landsleuten in Russland gelten, warum brauchen sie den Westen als Plattform? Oder sind die Zielgruppe doch westliche Kulturinstitutionen und Stipendiengeber, die russische Künstler jahrelang finanzierten, ihr Karrierewachstum ermöglichten und auf die sie jetzt im Exil angewiesen sind?

Zu Kachidses engen Freunden gehören auch Russen, mit denen, wie sie versichert, keinerlei Dissonanzen bestünden. Eine davon sei eine Regisseurin. Statt in ihrem Beruf zu arbeiten, helfe sie jetzt als Freiwillige ukrainischen Geflüchteten in Wien. Eine andere spende ihr ganzes Geld an die Ukraine. Ein dritter, ein junger Petersburger, habe ihr, als sie im Schutzkeller saß, jeden Tag Nachrichten geschrieben.

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Die Autorin, eine gebürtige Ukrainerin, ist freie Journalistin und besucht derzeit die Reportageschule in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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