Jean-Jacques Sempé gestorben

Der Zeichenzauber des Zauberzeichners

Von Andreas Platthaus
11.08.2022
, 23:42
Der französische Zeichner und Karikaturist Jean-Jacques Sempé zeichnet in seinem Haus in Paris.
Frankreich verliert seinen größten Porträtisten: Zum Tod des Zeichners und Karikaturisten Jean-Jacques Sempé, dem wir den „Kleinen Nick“ verdanken und vieles mehr.
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Sempé ist tot. Das schreibt sich leicht, aber es ist unbegreiflich, denn seine Zeichnungen sind das Lebendigste, was Cartoons überhaupt bieten können. Die Federleichtigkeit seines Tuschestrichs scheint doch alle Schwermut auszuschließen. Aber ganz Frankreich trägt nun Trauer; der Tod von Jean-Jacques Sempé ist in der kollektiven Verlusterfahrung der Nation in diesem Jahrhundert nur mit dem Hinscheiden der beiden Sänger Charles Trenet und Johnnie Hallyday zu vergleichen.

Liebling des ganzen Landes

Der Zeichner war der Liebling des ganzen Landes, auch wenn er in den letzten Jahrzehnten seine Wohnung hoch über dem Boulevard de Montparnasse in Paris kaum mehr verlassen hatte. Und die Stadt schon gar nicht. Als ich ihn zum letzten Mal sah – unendlich lange ist das her, acht Jahre schon –, saß er im Rollstuhl, doch er ließ sich putzmunter durch eine Ausstellung im Musée de l’Orangerie fahren, und mit seiner Anwesenheit stahl er den dort gezeigten Werken von Degas und Monet und Moreau und Daumier und Doré und Seurat und und und die Schau. Was war die ganze Kunstgeschichte seines Metiers gegen diese lebende Legende? Gegen den größten aller Porträtisten von Paris und zugleich der France profonde?

Sempé's Paris
Sempé's Paris Bild: Diogenes

Er stammte aus Bordeaux. Dort verlebte Sempé die ersten achtzehn Lebensjahre, aber kaum hatte er 1951 die erste Pressezeichnung veröffentlicht, die seinen Namen trug – in der Bordelaiser Tageszeitung „Sud Ouest“, die später zur publizistischen Heimat jener Serie werden sollte, die ihn berühmt machte: „Le petit Nicolas“ (Der kleine Nick) –, da führte sein Militärdienst ihn fort und in die Nähe von Paris. Als unehelich geborenes Kind war er froh, der Stätte seiner als freudlos empfundenen Jugend zu entkommen, und in der französischen Hauptstadt stellte sich bereits nach wenigen Jahren Erfolg ein. 1957 gelang dem damals erst fünfundzwanzigjährigen Zeichner der Coup, als fester Beiträger von der populären Zeitschrift „Paris Match“ engagiert zu werden, und was Sempé dort unter dem Schleier seiner graphischen Eleganz an Gesellschaftskritik ins Hochglanzmagazin einschmuggelte, das wurde zum Menetekel für die Vierte Republik. In der 1958 begründeten Fünften gelang ihm dann das Kunststück, zu so etwas wie einem Staatskünstler zu werden, obwohl er 1968 mit „Saint Tropez“ einen Cartoonband über die französische Elite herausbrachte, der sie als derart dekadent dekuvrierte, dass schon allein damit die Aufstände jenes Jahres begründet zu sein schienen. Aber genauso spottete er auch über die Linke, Arbeiter und Kleinbürger. Niemand war damals davor sicher.

Bild: Zeichnungen aus "Der kleine Nick" - Sempé/Goscinny - Diogenes

Aber das ist gar nicht der Sempé, wie wir ihn heute alle kennen. Denn dieser Zauberzeichner verlegte sich im Laufe der siebziger Jahre auf die Kunst einer genialen Gefälligkeit. Seine kleinen Männchen und Frauchen sind Inbegriffe der Niedlichkeit, doch die Prima-facie-Harmlosigkeit seines Personals hat Sempé weiterhin selbst konterkariert. Sei es durch dessen Einbettung in ein überbordendes Dekor – Straßenschluchten, Imponierarchitekturen, Naturgewalten –, das es zur Winzig- und damit auch Hilflosigkeit verurteilte, dem diese Zwerge aber unbeirrt einen Individualismus entgegensetzten, der mit dem Anspruch auftrat, bestehen zu können gegen solche Übermacht der Umgebung. Oder sei es durch die den Figuren in den Mund gelegten Texte, die die Winzlinge zu Großsprechern machte: Niemand beherrschte den blasierten Tonfall der Bourgeoisie in ihrer Hybris so wie Sempé.

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Sein musikalisches Grundverständnis

Er schrieb die Texte seiner Cartoons immer selbst und hat sich in mehr als siebzig Berufsjahren überhaupt nur für drei Autoren als Illustrator gewinnen lassen. Die ihrerseits wiederum als Legenden gelten dürfen. Einmal René Goscinny, der Vater von „Asterix“, der von 1956 bis 1965 die Geschichten um den „Kleinen Nick“ verfasst hat. Dann Patrick Süskind, der Verfasser des erfolgreichsten Romans der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur („Das Parfum“), der 1991 seine „Geschichte von Herrn Sommer“ mit Zeichnungen von Sempé herausbrachte, wofür sich der deutsche Schriftsteller mit der Übersetzung gleich mehrerer Bilderbücher des Franzosen bedankte. Und Patrick Modiano, dessen Erzählung „Catherine Certitude“ der Zeichner 1988 illustrierte. Auch Modiano, mittlerweile Literaturnobelpreisträger, revanchierte sich. 33 Jahre später fand er die schönste Beschreibung des grundlegenden Prinzips der Cartoons von Sempé: „Seine Worte erklingen wie Akkorde, die die Melodie der Zeichnung unterstützen.“

Sempé, Skater im Pulk
Sempé, Skater im Pulk Bild: diogenes

Damit ist das musikalische Grundverständnis des Zeichenzaubers von Sempé angesprochen. Hatte Picasso bekanntlich einmal gesagt, dass er nur eines im Leben bedauere, nämlich keine Comics gezeichnet zu haben, so hat Sempé zeitlebens davon geträumt, ein Jazzmusiker wie Duke Ellington zu sein. Stattdessen zeichnete er Musiker und Tänzer wie niemand sonst, nämlich mit einem Strich, der das Ungegenständliche von Musik sichtbar werden ließ in der Hingabe dieser Figuren an sie. Ob es die ätherische Ballett-Elevin in einem New Yorker Appartment ist oder der untersetzte Tubaspieler vor der Generalprobe für eine Wagner-Oper – Sempé zeichnete sie als ganz der Musik Verschriebene. Und damit als Selbstporträts. Ähnliche Liebe verwandte Sempé nur noch auf Fahrradfahrer. Darin artikulierten sich die zwei positiven Erinnerungen an seine Jugendzeit: ans erste selbstverdiente Geld als Fahrradbote nach dem Zweiten Weltkrieg und an die Abwesenheit des wenig geliebten Adoptivvaters, der als Vertreter seinerseits auch mit dem Rad unterwegs und somit aus dem Haus war.

Sempé hatte meist Pech mit der Familie. Seine letzten Jahre waren überschattet von finanziellen Streitigkeiten mit seiner geschiedenen zweiten Frau und der gemeinsamen Tochter; Jean-Nicolas, sein Sohn aus erster Ehe, war 2020 gestorben – dessen Geburt im Jahr 1956 hatte René Goscinny zur Erfindung des „Petit Nicolas“ inspiriert. In dritter Ehe aber heiratete Sempé 2017 seine langjährige Pariser Galeristin, deren Verdienste um das Werk gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können, denn sie richtete ihm bis zuletzt regelmäßige Ausstellungen aus, die den Ehrgeiz des greisen Künstlers immer wieder aufs Neue herausforderten, zumal er nie einen Hehl daraus gemacht hatte, wie stolz er auf den kommerziellen Erfolg seiner Arbeiten war. Als Sempé sich schließlich außerstande sah, noch weiter die vertraute souveräne Linie aufs Papier zu bringen, hatte er 2021 die Genehmigung erteilt, erstmals überhaupt Auszüge aus seinen Skizzenbüchern zu publizieren. Das resultierende Buch, „Carnets de Bord“, legte noch einmal Zeugnis ab vom Wunder an Einfallreichtum dieses Zeichners, und ganz am Schluss dieser Zusammenstellung ließ Sempé eine reine Textseite reproduzieren, auf der er Einfälle gesammelt hatte. Unter anderem heißt es da: „Der Mann, der ich bin, blickt mit Melancholie auf den Mann, der ich hätte sein sollen.“ Was aber hätte er mehr werden können als Sempé? Als jener Mann, dessen Tod an diesem Donnerstag, 11. August, im Alter von 89 Jahren, alle Menschen mit Melancholie erfüllen wird, die jemals auch nur ein einziges Bild von ihm gesehen haben.

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Quelle: FAZ.NET
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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