Deutschlands Image in der Welt

Hochgejubelt und kleingeredet

Von Jürgen Kaube
21.07.2015
, 13:46
Auf die Sekunde pünktlich: Weltzeituhr und Straßenbahn am Alexanderplatz in Berlin
Die Welt sieht in uns, was sie will. Leider will sie nie dasselbe. So wird das Deutsche wahlweise bewundert oder verachtet. Und wir? Schämen uns im Urlaub, als Deutsche erkannt zu werden.
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Deutschland und die Deutschen sind immer ein sehr ergiebiges Thema. Für die Deutschen selbst, aber auch für viele andere. Soeben waren wir noch super, wohlstands- und sozialstaats- und kulturstaats- und berlinmäßig. Vorbildlich föderal, europäisch und rechtsstaatlich. In Umfragen der BBC unter mehr als 26.000 Personen aus 25 Ländern war Deutschland noch 2014 das beliebteste Land der Erde, vor Kanada, Großbritannien und Frankreich. Amerikanische Umfragen kamen nach einem halben Jahr zu demselben Ergebnis (nur die Vereinigten Staaten schoben sich dort auf Platz zwei). Das „Time“-Magazin schrieb im vergangenen November, jeder wolle heutzutage Deutschlands Freund sein.

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Das Lob Deutschlands erstreckt sich je nach Kommentator auf ganz unterschiedliche Tatbestände. Wir gedenken mehr unserer historischen Katastrophen als alle anderen. Wir nehmen die Pisa-Studie ernster als sonst ein Land. Wir haben mehr Opernhäuser, mehr geisteswissenschaftliche Studenten und mehr Mülltrennung als sonst jemand. Vom dualen System der Berufsbildung, dem exportorientierten Mittelstand und der Stiftung Warentest ganz zu schweigen.

Sogar im Fußball eine Swingband

Unser größtes Defizit, fand neulich ein Kolumnist der „Financial Times“, sei eigentlich, dass wir diese komplizierte Sprache hätten. Deutschen, die Englisch schrieben, so durfte man ihn verstehen, stünde das Verständnis der Welt ganz offen. Was Simon Kuper allerdings ergänzte: Weil fast niemand außerhalb Deutschlands Deutsch lese, fabrizierten sich viele ihr Deutschland-Bild völlig unabhängig von dem, was in Deutschland gedacht, gesagt und geschrieben werde. Und so sehe das Deutschland-Bild dann auch aus.

Jetzt, eine Weltsekunde später, bestätigt sich diese Vermutung. Denn jetzt sind wir, die sogar im Fußball eine Swingband geworden waren, plötzlich wieder ziemlich schlimm und immer noch die alten Deutschen. Plattmacher, streng, Abrechner, lauter böse schwäbische Hausfrauen, die Effizienz mehr achtend als die Demokratie, hässlich, mitleidlos, kalt. Selbst wenn man die törichten Hitler-Vergleiche abzieht, bleibt doch ein bemerkenswertes Unbehagen gegenüber alldem, was den Deutschen erst kürzlich noch gutgeschrieben wurde.

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Deutschland war Hamlet

Der „Economist“ beispielsweise fordert von den Deutschen seit Jahren, sie sollten ihrer Bedeutung in und für Europa mehr gerecht werden. Auch andere angloamerikanische Stimmen beschreiben die Deutschen und ihre Politik als ambivalent, unentschieden zwischen Stärke und Verzagtheit. Einerseits Jobwunder und Austeritätspolitik, andererseits „German Angst“: vor Inflation, vor Migration, vor Auslandseinsätzen, vor Google, vor Fracking, vor Eurobonds und so weiter.

Wir sind also selbst in dem, was an uns nicht in Ordnung ist, ambivalent, vielen zugleich zu stark und zu schwach. Wer in England von „German disease“ spricht, meint niedrigen Blutdruck, wer die deutsche Mentalität bezeichnen soll, wählt oft andere, aggressivere Qualitäten. Das war schon im neunzehnten Jahrhundert so, als die einen in den Deutschen Träumer sahen, die anderen hingegen warnten, was passieren würde, wenn sie aufwachten. Deutschland war Hamlet, immer zögernd, säumend und zaudernd: „Das macht, er hat zuviel gehockt / Er lag und las zuviel im Bett / Er wurde, weil das Blut ihm stockt’/ Zu kurz von Atem und zu fett“ (Ferdinand Freiligrath). Und Deutschland war Fichte - „weder durch Furcht noch Eigennutz zu bändigen“ (Heinrich Heine) -, zu Willensfanatismus bereit, es war Siegfried und ein Ritter gegen Tod und Teufel. Deutschland war gemütlich und preußisch, gelehrt, provinziell und voller Ingenieursleistungen.

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Wunderzuschreibungen und schwere Diagnosen

Das hat sich bis in die Gegenwart gehalten. Mal sind die Deutschen vorbildlich, weil bei ihnen die Busse pünktlich fahren (denken jedenfalls viele) und der Fleiß der Maschinenbauer groß ist. Mal sind sie unvorbildlich, weil sie aus allem ein Gesetz machen, meistens ökonomisch denken und trotzdem zu viel für den Sozialstaat ausgeben. Und weil in der Beschreibung Deutschlands immer schon Gegensätze untergebracht sind, fällt es leicht, montags das Eine an ihnen herauszustreichen und freitags dann schon das Gegenteil.

So kommt es zu einem ständigen Auf und Ab der Deutschen in den Zeitdiagnosen. Als sich das Land wiedervereinigte, war es für manche ein Albtraum an Größe, aber vielleicht waren das sogar diejenigen, die heute sagen, Deutschland sei nicht mehr das sympathische Land, das es 1989 gewesen sei. Denken wir an Titel wie „Deutschland - Abstieg eines Superstars“ zurück. So wurde 2004 formuliert, kurz danach kam es anders. Und umgekehrt: Kaum geht es den Deutschen (sagen wir besser: vielen Deutschen) gut, kann fest mit Wunderzuschreibungen gerechnet werden, und trotzdem darf man gleichzeitig darauf wetten, dass ein leichter Rückgang der hiesigen Wachstumsraten genügen wird, damit all die „Der kranke Mann Europas“-Diagnosen wieder hervorgeholt werden. Schon jetzt warnen manche, der Höhepunkt im deutschen Wohlbefinden sei erreicht, Demographie und Sozialausgaben und Industriestruktur des Landes ließen für die Zukunft Schlimmes ahnen.

Das Opfer der Schuldenkrise?

Die Beobachtung Deutschlands ähnelt insofern ein wenig der Art, wie Johannes B. Kerner Fußballspiele kommentierte: Hat die Mannschaft den Ball, ist sie am Drücker, hat sie ihn nicht, wird es brandgefährlich. Viele Deutschen haben darauf schon lange auf die Weise reagiert, dass sie es gut finden, wenn sie im Ausland nicht wiedererkannt werden. Oder noch besser: wenn sie mit anderen Nationalitäten verwechselt werden. Heißt deutsch sein, das Eine und sein Gegenteil sein, dann ist man doch lieber gleich ein Schwede.

Andere Deutsche wiederum reagieren beleidigt, dass ihr Werben um Anerkennung durch Europa-Freundlichkeit und Friedfertigkeit und Niemals-wieder-Großmacht-sein-Wollen und Bürgschaften geben rein gar nichts geholfen hat, was das Image angeht. Vor allem unter deutschen Ökonomen, hat der amerikanische Wirtschaftshistoriker Jacob Noll vergangene Woche in der „New York Times“ festgehalten, werde die Ansicht gepflegt, die eigentlichen Opfer des Euros und der Schuldenkrise seien die Deutschen. Das sei ökonomisch diskutabel, so Noll, aber kulturell liege ein Risiko darin, wenn sich die wichtigste politische Macht in Europa als Opfer fühle.

Insofern wird gar nichts an einem Rat vorbeiführen, den der ehemalige Europa-Korrespondent dieser Zeitung, Dirk Schümer, gerade gegeben hat: „Wenn man es ohnehin keinem recht machen kann, dann entschuldigt man sich nicht, und man beschwert sich auch nicht. Man buhlt nicht um Zuwendung und ignoriert die Häme - wie ein echter Gentleman.“ Lasst uns also, ihr Deutschen, Engländer werden, nur nicht, was Europa angeht, bitte auch sozial- wie industriepolitisch nicht, und auch nicht, was den Fußball betrifft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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