Bertrand Russell 150

Wann Streit sich lohnt

Von Olaf L. Müller
17.05.2022
, 20:04
Hörte man auf Bertrand Russell, so brachten die Atombomben die Atmosphäre durcheinander, zuerst die des vernünftigen Gesprächs. Robert Haswell fotografierte ihn am 20. September 1959 für den „Daily Express“ auf dem Trafalgar Square. Vor Russell sprach der anglikanische Geistliche Lewis John Collins.
Man muss sich fragen, ob man weiß, was man zu sagen hat: In den Pazifismus des am 18. Mai 1872 geborenen Philosophen Bertrand Russell ging der Gedanke ein, dass wir unsere rationale Selbstkontrolle zu oft überschätzen.
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Vom viktorianischen Zeitalter bis hin zu den frühen Tagen des Protests gegen den Vietnamkrieg: Fast hundert Jahre überspannte das Leben von Bertrand Russell, der heute vor 150 Jahren geboren wurde. Er war Enkel eines Premierministers und erbte 1931 dessen Grafentitel. Die Götter hatten ihm einen Geist in die Wiege gelegt, der zu den schärfsten und scharfzüngigsten in ganz England zählte – er dankte es ihnen mit witzigen Sottisen gegen jede Form von Gottesglauben. Es war die berechtigte Arroganz überbordender Intelligenz, die ihn zeitlebens spotten ließ über Borniertheit, Dogmatismus und Ideologie jedweder Couleur.

Zuerst freilich sammelte er mit links akademische Meriten. Cambridge war wie gemacht für ihn; er hörte Mathematik, studierte Philosophie und arbeitete sich am Trinity College zum Lecturer hoch. Gottlob Frege aus Jena hatte die Mathematik auf den festen Grund der Mengenlehre stellen wollen und dafür eine völlig neue Logik aus dem Boden gestampft. Nachdem der erste Band von Freges „Grundgesetzen der Arithmetik“ mit einem brillanten Gewirr an Formeln erschienen war, sprang Russell ein innerer Widerspruch ins Auge, der die da­mals neue Mengenlehre befallen hatte und Freges System zum Einsturz brachte.

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Russell war frei von destruktiven Ambitionen und versuchte den Schaden zu beheben. Bis zur Erschöpfung hat er diesem Projekt ein ganzes Jahrzehnt seines Lebens gewidmet, und so brachte er in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gemeinsam mit Alfred North Whitehead die legendären „Principia mathematica“ dreibändig auf den Markt. Sie waren ein Meilenstein der logischen Grundlagenforschung, sind heute aber nur noch historisch von Belang.

Scharfer Blick auf die Sprache

Nicht anders als Frege verknüpfte Russell seine logischen Interessen mit einem scharfen Blick auf die Sprache. Wie er meinte, kann uns ihre grammatische Oberfläche in die Irre führen. Erst nach sorgfältiger Analyse der inneren Logik des Gesagten tritt uns, so Russell, klar vor Augen, was wir mit unseren Sätzen genau ausdrücken wollen; erst dann lohnt sich der Streit über deren Wahrheit.

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Russells Sprachanalysen wurden Vorbild für Generationen von Philosophen, und so gilt er mit Recht als einer der Väter der sogenannten analytischen Philosophie, die derzeit das Geschehen an den englischsprachigen Universitäten dominiert und sich mit einer gewissen Zeitverzögerung auch bei uns durchgesetzt hat.

Dass daraus mittlerweile eine betrübliche Tendenz zur Monokultur entstanden ist, hätte ihn nicht gefreut. Er war Nonkonformist und pflegte seinen Standpunkt besonders schwungvoll zu vertreten, wenn die Meute darauf spuckte. Früh zu Beginn des Jahrhunderts hat er gespürt, wie sich in ganz Europa langsam, langsam das Gespenst des Kriegs erhob. Er wurde zum Pazifisten, hellhörig schon fürs leiseste Säbelgeklingel auf allen Seiten. Als unser Kontinent nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger jäh vom kriegsdurstigen Hurra-Patriotismus überflutet wurde, da prognostizierte er mit kühlem Kopf die fatalen Folgen der Kraftmeierei allerorten. Er plädierte für Kriegsdienstverweigerung, schrieb regelmäßige Kolumnen gegen den Wahnsinn, sprach sich für einen Verständigungsfrieden mit Deutschland aus. Das Engagement brachte ihn sechs Monate lang hinter Gitter.

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Absoluter und relativer Pazifismus

Seine Überlegungen trieben ihn auf die Suche nach Alternativen zum Kapitalismus. Als in Russland die Revolution ausbrach, las er sich in die Theorie ein und ergriff die erstbeste Gelegenheit, ihre Umsetzung vor Ort in Augenschein zu nehmen. Im Frühjahr 1920 durfte er mit einer Labour-Delegation nach Moskau reisen. Man empfing die Briten mit großem Bahnhof, bot ihnen Bankette und hochtönende Reden. Seine Mitreisenden waren angetan – Russell aber kehrte schockiert aus Sowjetrussland zurück. Ihm war der Schrecken nicht entgangen, der auf den Moskauer Straßen herrschte. Und er hatte eine Stunde lang mit Lenin parliert: „Ich legte ihm nahe, dass bei uns in England jedwede kommunistische Errungenschaft auch ohne Blutvergießen erreicht werden könne – Lenin wischte diese Idee vom Tisch und zieh mich der Phantasterei.“ Mehr musste Russell nicht hören. Russlands Herrscher zu besuchen und ihre Worte ernst zu nehmen kann mitunter hilfreich sein.

Er hatte viel Sympathie für Deutschland. So wie sein Studienfreund John Maynard Keynes sah Russell im Vertrag von Versailles den sicheren Weg in den nächsten Krieg. Die Warnungen verhallten ungehört. Doch dass sein Pazifismus nicht auf blinde Prinzipienreiterei hinauslief, zeigte sich, als das Befürchtete eintrat. Im Zweiten Weltkrieg präzisierte er seine Haltung, indem er zwischen absolutem und relativem Pazifismus unterschied. Absolute Pazifisten sprechen sich ein für alle Mal, rigoros, bedingungslos gegen jedwede Beteiligung an kriegerischen Handlungen aus – das war einem unvoreingenommenen Denker wie Russell zu dogmatisch. Sein relativer Pazifismus ließ Ausnahmen zu wie den Krieg der Alliierten gegen Nazideutschland.

Ohne sich in Widersprüche zu verwickeln, bestand er darauf, dass dies eine Ausnahme war. Fast immer, aber eben nicht immer, so Russell, sind Kriegsfolgen um Dimensionen schlimmer als die Folgen von Nachgeben, Niederlage oder Kapitulation. Das ist eine pragmatische, im Sinne von Max Weber verantwortungsethische Haltung. Sie liegt zwischen dem gesinnungsethischen, absoluten Pazifismus auf der einen Seite und einem gesinnungsethischen Verteidigungsbellizismus auf der anderen Seite, der sich nicht minder absolut gibt, auf Sieg setzt um jeden Preis und neuerdings überall Anhänger findet. Dass Russell kein großer Freund von Angriffskriegen war, liegt auf der Hand.

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Rezept für die Apokalypse

Er war nicht der einzige Pazifist, der mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg eine Ausnahme machte; Albert Einstein sah es keinen Deut anders. Auch nach dem Krieg zogen die beiden an einem Strang. Früher und klarer als viele andere wussten sie um die Gefahr des atomaren Wettrüstens. Immer größere Sprengkraft, immer kürzere Vorwarnzeiten, immer breitere Streuung der radioaktiven Verseuchung: Darin sahen sie ein Rezept für die Apokalypse.

Es war im Frühling 1955, als Einstein bereits todkrank war und Russell die Initiative ergriff. Im engen Austausch mit dem Physiker formulierte er ein Memorandum, das von herausragenden Wissenschaftlern beider Blöcke unterzeichnet wurde und an die wichtigsten Regierungen der Welt adressiert war. Russell schrieb: „Darum legen wir Ihnen folgende Frage vor, eine Frage von harter, unausweichlicher Grauenhaftigkeit: Wollen wir die Menschheit oder den Krieg abschaffen? Diese Alternative möchten die Menschen nicht sehen, weil die Abschaffung des Krieges so schwierig ist.“ Einsteins allerletzte Unterschrift galt unter anderem diesen Sätzen.

Die Büste auf dem Red Lion Square im Londoner Stadtteil Holborn schuf 1980 Marcelle Quinton, die Ehefrau des Philosophen Anthony Quinton. Der Philosoph A. J. Ayer gehörte dem Komitee an, das die Spenden für das Denkmal sammelte.
Die Büste auf dem Red Lion Square im Londoner Stadtteil Holborn schuf 1980 Marcelle Quinton, die Ehefrau des Philosophen Anthony Quinton. Der Philosoph A. J. Ayer gehörte dem Komitee an, das die Spenden für das Denkmal sammelte. Bild: Russell Davies CC BY-NC 2.0

Hier wird deutlich, dass sich Russells Pazifismus nicht auf einen verantwortungsethischen Utilitarismus reduzieren lässt. Ein entscheidendes Element trat hinzu: Unmittelbar in die Abschätzung der Politikfolgen flossen Russells Sorgen wegen der Atomkriegsgefahr ein; er kultivierte einen sorgenvollen, ja kassan­drischen Blick auf die Eskalationsgefahren, keinen neutralen Blick. Er fürchtete sich vor Oberbefehlshabern mit allzu robusten Nerven, vor ihrer Sorglosigkeit, ihren Kontroll-Illusionen.

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Das war keine Hysterie. Wie richtig er lag, zeigte sich während der Kubakrise im Herbst 1962. Niemals zuvor hatte der Philosoph so viel Angst um die Menschheit. Er sandte alarmierte Telegramme an Kennedy und Chruschtschow. Der Erste reagierte ungehalten – der Zweite mit einem Kompromissvorschlag, was als allererstes Signal einer sowjetischen Bereitschaft zur Deeskalation gedeutet werden konnte. Kurz darauf gab Moskau nach.

Noch heute gilt Kennedys Sieg im Atompoker als Triumph westlicher Vernunft und als nachahmenswertes Muster. Russell sah es anders. Ein Blick in die Archive scheint ihm recht zu geben. Laut den Gesprächsprotokollen aus dem Weißen Haus stocherten die Amerikaner im Nebel und hatten nicht die leiseste Ahnung, wie Chruschtschow kurz vor dem anvisierten Knall reagieren würde; am Ende konnten sie nur beten, dass der Klügere nachgibt. Bloße Gebete waren für Russell freilich kein probates Mittel in der Politik.

Quelle: F.A.Z
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