Religionskongress in Lindau

Falls Gott mal ein Außenministerium braucht

Von Bert Rebhandl
10.10.2021
, 15:40
Aus aller Herren Länder: Blick ins Plenum der Konferenz des „Council of Religious Leaders on Faith and Diplomacy“ in Lindau.
Das Gebet ist hier Teil einer optimistischen Diplomatie: In Lindau am Bodensee tagte der Weltkongress der religiösen Oberhäupter. Wovon haben sie einander zu berichten?
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Der Klub der Rotarier in der afghanischen Stadt Dschalalabad war zuletzt ­längere Zeit untätig gewesen. Nun aber gibt es Versuche, ihn wiederzubeleben. Und zwar von Pakistan aus, wo nicht nur der Geheimdienst reges Interesse an den Entwicklungen im Nachbarland hat, ­sondern auch die Zivilgesellschaft. Rotarier in Dschalalabad und in Kabul ­könnten eine Rolle spielen in der immer noch unübersichtlichen Situation nach dem überstürzten Abzug der westlichen Kräfte und der Machtübernahme der Taliban.

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Rotarier in Dschalalabad

Es war ein pakistanischer Vertreter der Organisation Religions for Peace, der dieses Detail aus den aktuellen diplomatischen Bemühungen um Afghanistan zur Sprache brachte, und zwar an einem weit entfernten Ort – in Lindau am Bodensee. Dort fand soeben ein World Council of Religious Leaders statt, und eine der Veranstaltungen beschäftigte sich dabei mit dem Land am Hindukusch, von dem aus vor zwanzig Jahren die Terroranschläge vom 11. September geplant worden waren und wo nun wieder eine fundamentalistische islamische Bewegung herrscht, die wenig Interesse hat an „inter-faith harmony“.

Harmonie zwischen den Religionen und darüber hinaus dann ganz allgemein das Gute oder zumindest das Verbesserbare in der Welt sind der Daseinszweck von Religions for Peace. 1970 fand die erste Weltkonferenz unter diesem Namen in Kyoto statt, es folgten Gipfel im Fünfjahresrhythmus. 2019 traf man sich in Lindau, wo es auch so etwas wie ein Heiligtum der nicht rivalisierenden Religiosität gibt, den „Ring for Peace“, eine sieben Meter große, ringförmige Skulptur aus Lärchenholz. Dieses Jahr traf man sich wieder in Lindau. Eine Prozession zum Friedensring war der sakrale Höhepunkt der Veranstaltung des Weltkonzils religiöser Führer. Der Papst war nicht dabei, die meisten anderen Religionen sind sowieso dezentraler verfasst. Die religiösen „leaders“ in Lindau kommen eher aus der mittleren Hierarchie der Religionen und aus der Nachwuchsarbeit. Graswurzelarbeit ist hier wichtiger als Dogmen.

Sprach auf dem Kongress: Vinu Aram, Leiterin der indischen Organisation Shanti Ashram.
Sprach auf dem Kongress: Vinu Aram, Leiterin der indischen Organisation Shanti Ashram. Bild: dpa

Das Programm der vier Tage war Gesprächen gewidmet, die zwar meist mit einem „moment of shared meditative silence“ begannen, danach wurde aber eifrig präsentiert – in jenem Sinn, in dem man weltweit in der akademischen, aber auch in der Geschäftswelt von Präsentationen als der wichtigsten Gattung im beruflichen Auftreten spricht. Die Diskussion zu Afghanistan war deswegen besonders interessant, weil sie einige geopolitische Aspekte der Angelegenheit erkennen ließ, die hierzulande weniger Beachtung finden. Zum Beispiel, dass Afghanistan nicht einfach nur Beute einer Geopolitik ist, in der die Vereinigten Staaten nun China die Tür zu den Erzen und Erden des westasiatischen Binnenlandes geöffnet haben. Ein Diskussionsteilnehmer aus Indonesien wies darauf hin, dass sein Land (im Übrigen eines, das sich intensiv um einen ausgleichenden Islam bemüht) viele Studierende aus Afghanistan aufnimmt und dass Jakarta immer wieder Gesprächsort für Bemühungen um nationale Versöhnung in dem multiethnischen und durch Besatzungen und Warlords traumatisierten Afghanistan war.

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Vergewaltigungen „in ungeheuerlichem Ausmaß“

Diplomatie ist der Kernbereich der Bemühungen von Religions for Peace. Die Nähe zu anderen internationalen Organisationen wird durchaus gesucht. Zu Afghanistan sprach etwa auch Pramila Patten aus Mauritius, seit 2017 UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten. Sie wies darauf hin, dass die Besorgnis erregende Lage von Frauen in Afghanistan nicht den Blick auf andere Krisenregionen verstellen sollte, von denen man weniger hört, und wo Vergewaltigungen „in einem ungeheuerlichen Ausmaß“ verübt werden. Sie nannte neben Syrien, wo der Krieg keineswegs beendet ist, noch Myanmar, Südsudan und vor allem das äthiopische Tigray. Insgesamt war „gender-based violence“ in allen ihren Schattierungen ein Aspekt, auf den die Debatten in Lindau immer wieder zurückkamen.

Das hatte auch damit zu tun, dass der Dialog mit der jüngeren Generation ein zentrales Thema des Gipfels war. Man konnte also, für eine kleinere Gruppe live in der Inselhalle, für die meisten, so auch für diese Zeitung, hingegen digital aus der Ferne, jungen Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen dabei zusehen, wie sie rhetorische Fragen etwa dieser Art beantworteten: „Wann hatten Sie zuletzt eine bedeutungsvolle Begegnung mit einem Menschen anderen Glaubens?“ Für eine andere Frage wurde sogar eine Art Diskussion um die Wette ausgelobt: „Waren religiöse Akteure während der Covid-19-Pandemie einzigartig hilfreich?“ Eine junge Frau wies dabei darauf hin, dass der Begriff „uniquely helpful“ nicht besonders inklusiv ist, während ein Mann aus dem Kongo einen Aspekt hervorhob, den die Religionen den Nichtgläubigen unstrittig voraus haben: Wie stark „the blessing of prayer“ allerdings wirklich geholfen hat, ist wiederum theologisch wie weltlich nicht zu entscheiden. Oder nur diplomatisch.

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Die Verbindung der Völker

Was man gemeinhin von einem Weltkonzil der Religionen erwarten würde, nämlich ein Gespräch über Wahrheitsfragen, ist gerade nicht das Interesse von Religions for Peace. Das würde nämlich den Daseinszweck der Organisation unterlaufen, die sich als völkerverbindend versteht. Dass die Taliban gerade auch theologisch als nicht satisfaktionsfähig betrachtet werden, wird zwar zwischendurch erwähnt, ist aber nur ein Aspekt, der auf derselben Ebene steht wie das Engagement gegen die Kinderlähmung, die weltweit fast ausgerottet ist. Nur in Afghanistan noch nicht, deswegen braucht es da ein taktisches Bündnis mit den Taliban und vielleicht auch Überlegungen darüber, wie offen der Koran gegenüber den Wissenschaften ist.

Das Göttliche ist in Lindau eher allgemein präsent. Rein äußerlich dominiert der Habitus einer akademischen Tagung, und fast könnte man meinen, dass die Form einer solchen Tagung, mit Zoom-Kacheln in Wohnzimmern in aller Welt im Hintergrund und dynamischen Sprecherinnen mit Ohrbügelmikro (das beide Hände gestisch befreit) vorn auf der Bühne, selbst schon so etwas wie eine heutige Zivilreligion bildet. Das Vokabular, mit dem im Grenzgebiet von Universitäten und NGOs über Pandemie, Migration, Gewaltstrukturen und den Klimawandel gesprochen wird, trifft auf ein Gottesbild, das eher von allgemeiner „Gutheit“ („goodness“) ausgeht als von konkreten Offenbarungen. Zwar wird „religiöser Analphabetismus“ als eine der größten Herausforderungen der Gegenwart angenommen. Eine künftige religiöse Belesenheit, wie sie sich vergangene Woche in Lindau angedeutet hat, würde aber über die heiligen Texte hinaus wohl bald bei den ökumenischen Urkunden ankommen, die heutige multinationale Abkommen darstellen. Wenn Gott einmal ein Außenministerium bräuchte, würde er bei Religions for Peace gutes Personal finden.

Quelle: F.A.Z.
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